Logo der Reihe "Unbekannte Oste"
 

Unbekannte Oste

Spurensuche
im Ringofen

Ziegelei-Exkursion
der AG Osteland e.V.

Start an der Ziegelei Pape in Bevern

9. 5. 2005.  Die Arbeitsgemeinschaft Osteland e.V. nutzte den "Internationalen Museumstag" (8. Mai) zu einer Premiere besonderer Art: In der historischen Ziegelei in Bevern startete die erste Exkursion aus der Veranstaltungsreihe "Unbekannte Oste - Expeditionen in die Nachbarschaft".


Schrägaufzug mit Lorenbahn in Bevern

Vorstandsmitglied Jochen Bölsche (Osten) begrüßte 40 Teilnehmer aus vier Landkreisen zu einer ganztägigen Spurensuche rund um Ringöfen, Tongruben und Lorenbahnen entlang der Oste.


Bürgermeister Hildebrandt mit Tourleiter Schuster

Begleitet von sieben Ziegelei-Experten nahm die Gruppe per Pkw sowie mit dem Oste-Schiff "Mocambo" alte Ringöfen, aufgelassene Tongruben, verrostete Lorenbahnschienen und andere Relikte aus der großen Zeit der Ziegeleien an Elbe und Oste in Augenschein. Die von Curt Schuster (Hemmoor) vom Arbeitskreis Kultur/Natur der AG Osteland organisierte Tour machte deutlich, welche harte Arbeit in den Abermillionen von Ziegelsteinen steckt, die überall an den Ufern der Flüsse "aus Ton und Schweiß" gebacken wurden.


Ziegeleiexperte Ropers erläutert den Ringofen

Der mustergültig restaurierte Ringofen in Bevern (Landkreis Rotenburg/Wümme), ein im Wald verborgener ehemaliger "Preßsaal" in Nindorf (Kreis Cuxhaven), eine Verladestelle am Osteufer bei Brobergen (Kreis Stade), ein heutiger Angelsee in Lamstedt (Kreis Cuxhaven), ein "Lippscherhaus" (Wanderarbeiterhaus) in Oberndorf, eigentümliche Landabsenkungen bei Geversdorf - überall finden sich noch Spuren aus der Zeit der Ziegelkonjunktur, als Bauern gleichsam über Nacht zu Millionären wurden.


Behrens-Foto einer Ringofen-Ruine

Über die Ruinen verlassener Ziegeleien informierte eine Ausstellung von Bildern des Fotokünstlers Mike Behrens (Hemmoor) in der Heimatstube von Oberndorf.


Ernst von See informiert auf der Oste

Dort war vom Vorsitzenden des dortigen Heimatvereins, Ernst von See, zu erfahren, dass um 1800 allein im Gebiet dieser Gemeinde 44 Ziegeleien existiert haben: "Fast jeder Bauernhof hat damals eine kleine Ziegelei betrieben."


Heimatforscher Kuhne auf der "Mocambo"

An Bord der "Mocambo" erläuterte der Heimatforscher und Elblotse Holger Kuhne (Geversdorf), wo überall am Flußufer einst der Boden "abgeziegelt" worden ist.


Auf dem gastlichen Oste-Schiff "Mocambo"

In Oberndorf ist noch zu sehen, wo die Schienen einer Pferdebahn an einer Anlegestelle endeten, an der die gebrannten Ziegel auf "Steinewer" verladen wurden.


Gisela Tiedemann-Wingst in der Heimatstube

"Wie Pilze aus dem Boden" geschossen waren die Ziegeleien an der Oste, wie die Heimatforscherin und Publizistin Gisela Tiedemann-Wingst in Oberndorf vortrug, als nach dem Hamburger Brand 1842 massenhaft Material für den Wiederaufbau der Hansestadt benötigt wurde.


Bäuerliche Steinbrennerei

Farbig und detailliert berichtete die Regionalhistorikerin über die Arbeitsbedingungen in der einstmals bäuerlichen Steinbrennerei, die Ende der siebziger Jahre endgültig zum Erliegen kam, als der Kalksandstein den Ziegelstein weitgehend verdrängte.


Jürgen Witt informiert in Nindorf

Vom Niedergang der einstigen Geest-Tonwerke in Lamstedt-Nindorf hatten zuvor zwei Nachkommen der damaligen Eigentümertümerfamilien, der Hemmoorer Schulleiter Jürgen Witt und der Lamstedter Börde-Heimatpfleger und Museumsleiter Udo Theuerkauf, berichtet.


Börde-Heimatpfleger Udo Theuerkauf

Bei einem Imbiß am Lamstedter Ziegeleisee, der mittlerweile vom ASV Lamstedt in eine schmucke Angelsportanlage verwandelt worden ist, erzählte Theuerkauf auch aus eigener Erfahrung als Werkstudent über die harte Arbeit in der Lamstedter Tongrube.


Schienenbahn-Relikte am Ostedeich

In der Nähe der Prahmfähre von Brobergen, im "Dreiländereck" zwischen den Landkreisen Rotenburg, Stade und Cuxhaven, erinnern noch ein paar rostige Schienen im Ostedeich an den drei Kilometer langen Bahndamm, der einst die Ziegelverladestelle am Fluss mit der 1901 gegründeten und 1971 abgebrochenen Fabrik in Nindorf verband.


Einstige Geest-Tonwerke in Lamstedt-Nindorf

Über die gewaltigen Ausmaße der früheren Fabrikanlagen geben nur noch ein paar verblichene Fotos Auskunft.


Im Ringofen der Ziegelei Pape in Bevern

Ganz anders stellt sich die vor 30 Jahren stillgelegte, aber in ihrer alten Form komplett erhaltene und vorbildlich restaurierte Ziegelei Pape in Bevern dar.


Mustergülktig hergerichtet: die historische Ziegelei

Dort wurden die Vertreter der AG Osteland vom Vorsitzenden des Fördervereins des Industriedenkmals, Bürgermeister Uwe Hildebrandt, und von Inhaber Günther Ropers empfangen und durch die Anlagen geführt.


Günther Ropers mit der Lorenbahn-Lok

"Nirgendwo sonst im Osteland läßt sich die Ziegeleigeschichte so kompakt und anschaulich erfahren wie in Bevern," urteilten die Vertreter der Arbeitsgemeinschaft nach Abschluß der Exkursion. Das Beverner Baudenkmal, eine der wichtigsten technikgeschichtlichen Erinnerungstätten und touristischen Attraktionen der Region, verdiene auch in den Nachbar-Landkreisen und darüber hinaus verstärkt Beachtung.


Wanderarbeiter-Haus in Oberndorf

Die Reihe "Expeditionen in die Nachbarschaft" soll nach dem großen Erfolg der Auftaktveranstaltung fortgesetzt werden.

Die nächste Veranstaltung zum Thema "Oste - Fluß zwischen den Mooren", ist allerdings bereits komplett ausgebucht.
Buchbar sind nur noch die Ausflüge "Fluß der Naturerlebnisse" (Sonntag, 25. September, Projektleitung: Sigrid Frömming, Tel. 04775 - 898654) und "Fluß der Museen" (Sonntag, 6. November, Projektleitung: Heino Grantz, Tel. 04771-2482).

Informationen über Details und Buchungsmöglichkeiten hier.

WEB-TIPP:
www.ziegelei-bevern.de


Informationen zum Thema

Die Ziegeleien
im alten Osten

Diese Lorendeichlücke an der Deichreihe (auf der Höhe von Buhrfeindt/Küther) ist das allerletzte Zeugnis, das an die einstmals blühende Ostener Ziegelindustrie erinnert. Mit Ziegelsteinen von der Oste wurde unter anderem die Hamburger Speicherstadt erbaut. Zugleich ist die Geschichte der Ziegelfabrikation ein Beispiel für ungehemmten Raubbau an der Natur, wie der folgende Text des Hamburger Professors Richard Linde aus dem Jahre 1908 zeigt. Weiter unten folgt ein Auszug aus der Chronik des Kirchspiels Osten über die Bedeutung der Ziegelindustrie für die Gemeinde.

 
"Lipper" (ist) der Name der Ziegeleiarbeiter, wenn sie auch längst nicht mehr wie früher aus Lippe stammen. Meist ist es junges harmloses Volk aus den armen Gebirgsgegenden Mitteldeutschlands, als alleinige Habe die Kraft frischer Jugend, die Parias des Landes. Sie sind weit leichter zu lenken als der einheimische kraftvolle, aber aufsässige Knechteschlag. Neuerbings kommen in steigendem Masse aus dem Osten gefährlichere Elemente: Polen, Galizier, Ruthenen, Russen. Nur der Ziegelmeister pflegt ein Lipper zu sein, der es vielfach in einigen Jahren zum Wohlstand bringt. Er ist der eigentliche Unternehmer, der die Arbeiter anwirbt, sie überwacht, recht und schlecht beköstigt, beherbergt und dem Bauer für Überlassung der Ziegelwerke, der Maschinen und des Tonbedarfs einen bestimmmten Anteil für das Tausend Steine abgibt. Das ist das richtige Sweatersystem. Die früher überlange Arbeitszeit hat der Staat eingeschränkt, seines vornehmsten Rechts, des Schutzes der Schwachen, eingedenk.

Steinewer (in Drochtersen)

Die Ziegeleien liegen vielfach am Außendeich auf einer Wurt, (zum Beispiel) längs der Oste. Denn die Verschiffung der Steine ist so am leichtesten. Hier begegnen denn überall die ständigen Bilder Kehdingens, die ragenden Schornsteine, die Trockenhäuser inmitten der grünen Wiesen mit Rindern und Rossen, der Schilfpriel mit Lattichufer, darinnen die lange Reihe der Steinewer. Der zum Ziegelbrennen abgestochene Boden ersetzt sich im Außendeich schnell durch den Schlickfall. In zehn bis 20 Jahren sind die Löcher wieder gefüllt. 


Lore im Ziegeleimuseum Bevern (Oste)

Aber da der Außendeich naturgemäß nicht so feinen Ton enthält wie der Binnendeich und zugleich salpeterhaltig ist, so haben die Loren der Ziegeleien längst den Weg über den Deich gefunden und nagen hier, wie gefräßige Raupen immer weiter kriechend, den fruchtbarsten Marschenboden ab. Er ersetzt sich nie wieder. Denn hier gelangt das Elbwasser mit seinem fetten Schlick nicht hin wie im Außendeich. So verarmt der reiche Erdboden immer mehr. Auf dem abgeziegelten Lande werden die Obstbäume schwachwüchsig, Fettgräsung ist nicht mehr möglich. Es bleibt dann nichts übrig, als in mühsamer Arbeit den Marschmergel aus der Tiefe emporzuholen und auf dem verarmten Lande auszubreiten. Jetzt ist man vorsichtiger mit dem Abziegeln geworden. Am schlimmsten ist das Bild der Verwüstung, wenn die Höfe an Ziegeleigesellschaften zum Zweck des Abziegelns verkauft werden. Das Land der Väter ist dann ein Ziel rücksichtslosester Ausbeutung. Es wird so tief abgegraben, wie nur immer das quillende Grundwasser gestattet. Statt des wallenden Raps- und Weizenfeldes sieht man dann, so weit das Auge reicht, nichts als Sumpf, Lachen und Schilfwildnis, für Jahrhunderte vernichtetes Kulturland. Solche Bilder erschreckenden kapitalistischen Raubbaus begegnen vielfach hinter Stade. So saugt die Großstadt nicht nur die Menschen vom Lande in sich auf, sondern diese große Menschenfresserin holt sich auch den Boden selber, wandelt ihn in hohe Mietshäuser, in denen die Landflüchtigen zusammengepfercht hausen, von ihrem zu Stein gewordenen Boden umgeben. Noch Kehdingen das eigentliche Ziegelland, das Alte Land wird folgen, in einem Jahrhundert kommt Hadeln an die Reihe und die rechtselbischen Marschen.


Speicherstadt in Hamburg: Erbaut mit Kehdinger Ziegeln

Der Zollanschluß Hamburgs und der dadurch bedingte riesige Bedarf an Ziegel und die starke Zunahme der Großstadtbevölkerung hat die Ziegelindustrie der Marschen aufs höchste gesteigert. Es gibt mehr als 120 Ringöfen linkselbisch, die an 2 Millionen Steine jährlich lieferten. Über Nacht war der Kehdinger Bauer zum Großindustriellen geworden. Es ist klar, daß dieser plötzliche Wandel vom Bauer zum Ziegeleibesitzer - "Lehmkonditor" heißt sie der Volksmund - nicht ohne Erschütterungen vor sich gehen konnte. Es folgte eine Art Gründerzeit mit wirren Verhältnissen. Mancher ist reich geworden. Das sind die, die noch heute im Holzschuh einherstapfen. Ihr Hals hat kaum etwas Weißes gesehen, aber wenn sie den Wertpapierkasten schließen wollen, müssen sie ihn mit dem Knie zustemmen. So voll ist er von preußischen Konsols. Bei weit mehreren hat sich altes Gold in Kupfer und Schlick verwandelt. "Hei smökt und is dun, un wenn't schummrig ward, schött he inn Schosteen. Denn he meent, do säd de Düvel." Daß sie statt der Kegel Sektflaschen aufgestellt, Goldstücke im Tanzsaal ausgestreut haben und einer einen Tausendmarkschein, auf ein Brötchen gelegt, fein zerschnitten in Barbarenhochmut verzehrt habe, kann man noch heute überall erzählen hören. Dann kam der Rückschlag. Die Agenten in Hamburg waren doch schlauer als sie mit ihrer Bauernschlauheit. Nun begannen sie, pfiffig wie sie sind, zu klagen. "Dat möt en slechten Buren sin, de nich dat Johr dreedusend Mark förn Afkaten öwerhebben deiht." Doch die Wege der blinden Göttin erwiesen sich zwar langwierig und wunderbar wie die Wege der Vorsehung, aber sie führten nicht zum guten Ende wie diese. Heute liegt das Wirrsal weit zurück, aber es waren schwere Jahre voll harter Sorge. Gern mag man ihnen die guten Jahre gönnen, um so mehr als ihnen neuerdings in den Kalksandsteinen ein äußerst gefährlicher Nebenbuhler erwachsen ist. So ist auch durch die Ziegelbrennerei die Wohlhabenheit Kehdingens zurückgegangen, und die fetteste Marsch gilt als nicht wenig verschuldet. 

Aus: "Die Niederelbe" von Richard Linde, Hamburg 1928

Einleitend wird aus dem Buch »Heimatkunde« von Klenck die Übersicht aus Bohrergebnissen des Amts für Bodenforschung in Hannover wiedergegeben, die sich beziehen auf:

a) Osten, am Ostedeich
b) Kranenweide, bei der Molkerei 

Ergebnis zu a): 

bis 7 m Schlick
7 bis 9 m Sand
9 bis 12 m fester Ton 
12 bis 14 m Sand
14 bis 15 m Moor
15 bis 19 m Sand und Schotter 

zu b): 

bis 12 m Marschboden
12 bis 13 m Moor
13 bis 22 m Sand, 
darunter Schotter.

Diese Übersicht zeigt, daß im Kirchspielsgebiet von Altendorf (Ostedeich, Deichreihe, Achthöfen) bis in eine Tiefe von 12 m geeigneter Boden (Marscherde/Ton) vorhanden war und ist. Dieses war die erste Voraussetzung für die Ziegelfabrikation. 

Die andere günstige Gegebenheit war die Oste als günstiger Wasserweg für benötigte Materialien (Holz, Kohle etc.) sowie den Transport (Absatz) der Steine und Ziegel in Städte wie Hamburg, Lübeck und Kiel. 

Pratje berichtet (um 1760) von mehreren Ziegeleien in den Kirchspielen Oberndorf, Geversdorf, Bülkau sowie Niederstrich und Achthöfen.

Es kann nicht genau gesagt werden, wann hier an den Deichen des Kirchspiels die Ziegeleien entstanden, doch ist anzunehmen, daß es die Zeit um 1800 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war. Nach dem großen Hamburger Brand von 1842 bis in die 90er Jahre (Gründerzeit der Industrie) war sicherlich die bedeutendste Ära der Ziegelindustrie hier an der Oste. 

Aus der Tabelle über die Entwicklung von Handel und Gewerbe in Osten (Info-Raum) geht hervor, daß 1867 die höchste Anzahl von Betrieben zu verzeichnen war, nämlich 224; darunter 16 Schiffer, 22 Gastwirtschaften, 24 Handlungen (Einzelhandel). Etwa 30 Jahre später war die Gesamtzahl der Betriebe auf 159 gesunken. - Die 2.Hälfte des 19. Jahrhunderts war zweifellos die Blütezeit des Kirchdorfes Osten.

Verzeichnis der Ziegelei-Betriebe in der Gemeinde Altendorf, ermittelt nach der Gebäude-Steuerrolle

1880/81

Am Ostedeich

Hs.-Nr. 6, 6b Heinrich Drewes
7 Hermann August Kröncke
11 Hinrich Drewes
29 Claus Eduard Ahlf

Deichreihe und Achthöfener Deich

Hs.-Nr. 33 G. Hr. Kröncke, gen. von Ahn
38 Claus Kröncke
42 Claus Kröncke
48 Johann Schlichting
49 Johann Wilhelm Gätcke
50 Wilhelm Buhrfeind
60 Christian Herrn. Kordts
61 Christian Herrn. Kordts
70 Nicolaus Wilhelm Hottendorf
73 Theodor Wienbarg
78 Peter Hinrich Hottendorf

Einige Einzelheiten zu diesen Ziegeleien sind ebenfalls in dem oben erwähnten Nachweis enthalten. Von diesen 15 Ziegeleien sind mindestens vier in der Zeit von 1883 bis 1892 abgebrochen worden, die übrigen in den folgenden 20 Jahren.

W. Klenck schreibt über das Ziegeleiwesen u.a. folgendes: »Das tiefe Abgraben der Marscherde hatte böse Folgen. Der abgeziegelte Boden war fast wertlos geworden. Er konnte nach Jahren höchstens noch als Weide genutzt werden. Über den Raubbau auf diesen Marschhöfen wurde das Wort geprägt: 'Lachende Väter, weinende Kinder'."

Die Arbeiten in den Ziegeleien konnten nicht mit einheimischen Kräften bewältigt werden; wohl auch deshalb, weil die Saisonarbeit weniger begehrt war. Aus dem kleinen Land Lippe kamen im zeitigen Frühjahr die Brennmeister mit ihren angeworbenen Landsleuten, um gegen Akkordlohn auf den Ziegeleien bis Ende der Saison zu arbeiten; allgemein die »Lippscher« genannt. Die Umstellung der dort heimischen Weberei auf maschinelle Fabrikation zwang viele Lipper, in anderen Gegenden Verdienst zu suchen.

Die Herstellung von Ziegeln ist in unserem Bereich von Anfang bis Ende (um 1900) in Handarbeit erfolgt. W. Klenck schreibt darüber wie folgt: »Der mit Spaten abgegrabene Ton (Kleierde) wurde mit Schiebkarren an die 'Erdmühle' gebracht, in der das Rohmaterial gründlich durchgearbeitet werden sollte. Die Mühle wurde von Pferden angetrieben. Der durchgeknetete Ton wurde zu dem 'Streicher' gefahren, der an einem 'Wüpptisch' den Ton in eine Form preßte und durch eine Tretvorrichtung den fertig geformten 'Stem' nach oben drückte. An der anderen Seite des 'Wüpptisches' stand ein 'Afdregerjung', der die nassen 'Steine' auf eine Karre legte und zu den langen Trockenschuppen - 'Hütten' genannt - fuhr. Dort warteten die 'Packensetters' und setzten die Rohsteine auf Lattengerüste in 6 Lagen übereinander. Die Seitenwände der 'Hütten' (Schuppen) waren bei gutem Wetter offen und an Regentagen durch Luken oder Matten geschlossen. Wenn die Steine gut lufttrocken waren, mußten sie gebrannt werden. In alter Zeit wurden sie auf freiem Felde von einem 'Ofensetzer' kunstvoll und sorgfältig aufgeschichtet. Die Zwischenräume füllte man mit trockenem Holz und Torf. Der ganze Bau wurde so mit Erde und Ton bedeckt, daß Zuglöcher frei blieben. Ein 'Brenner' hatte die verantwortungsvolle Aufgabe, das Feuer anzuzünden und für die richtige Hitze zu sorgen. Diese Art von Ziegelgewinnung wurde 'Feldbrand' genannt. Steine, die nicht 'gar' gebrannt waren, hießen 'Halfsteen', zweimal gebrannte Steine dagegen 'Klinker'. Später baute man Ziegelbrennöfen, die die Form eines runden Turmes hatten, dessen Ende auch gerundet war.

1812 wurde in einem Sommer fünfmal gebrannt, jedesmal ca. 80000 Steine, also in einer Fabrik (großen Ziegelei) jährlich 400000 Steine. Für 1000 Stück wurden 1812 acht bis zehn Franc bezahlt. Der Ziegeleibesitzer, der sich um die Herstellung der Ziegel selbst wenig bekümmerte, sondern die Verantwortung dem Ziegelmeister übertrug, konnte damals mit einem Reinverdienst von 3,5 bis 4 Franc rechnen. Manche Bauern besaßen um 1840 sogar ein eigenes Segelschiff, mit dem sie die Steine nach Hamburg verfrachteten.«

An der Oste bestanden seinerzeit mehrere Lösch- und Ladeplätze, und vor den Ziegeleien eigene Deichlücken, durch die auf Schienen die Loren geschoben wurden. Auf großen Ziegeleien bestand eine reguläre Lorenbahn; pferdebespannt schaffte der kleine Lorenzug die abgegrabene Erde an die Ziegelei.

Wer heute aufmerksam einen Spaziergang an unseren Deichen macht, findet noch an manchen Stellen die Spuren der einstigen Ziegelindustrie.

Aus: Chronik des Kirchspiels Osten, Osten 1985


LINK ZUM THEMA:
Ziegeleimuseum Bevern bei Bremervörde
 

www.osten-oste.de