Überlegungen 
zur geplanten Elbvertiefung 
zwischen ELBE 1 
und Hamburg

Vorgetragen am 18. Oktober 2002 in Osten
von Thomas Wieken

Es muß unbedingt Elbvertiefung anstatt Fahrrinnenanpassung heißen, Anpassung hört sich so niedlich und harmlos an.

Vorausschicken möchte ich, daß die folgenden Überlegungen einseitig meine Vorstellungen von den zu befürchtenden Gefahren durch die Elbvertiefung darstellen. Ich bin kein Hydrologe, sondern nur ein einfacher Seemann, der das Revier kennen und fürchten gelernt hat. Vor dem Hafen Hamburg graust es jedem Seemann, wenn er nicht gerade mit einem kleinen „Appelkahn“ unterwegs ist.

Hamburg beruft sich bei seiner Forderung nach Vertiefung der Fahrrinne auf einen Staatsvertrag aus dem Jahre 1926.

Das muß man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen, denn 1926 wurde die Elbe von Schiffen mit Tiefgängen von 3 bis 8 Metern befahren, das sind Schiffsgrößen, die heute schon von der Küstenschiffahrt erreicht werden. Die Länge dieser Schiffe überschritt selten die 100 Metermarke und sogar dafür mußte schon damals gebaggert werden. Die Elbe ist von Natur aus ein schmaler, flacher Graben, der nur im Mündungsdelta so mächtig erscheint, es in Wirklichkeit aber gar nicht ist.

Daß sich die Schiffsgrößen zu den heutigen Monstren entwickeln würden, konnte damals niemand auch nur ahnen. Deswegen bin ich der Meinung, daß die Grundlagen entfallen sind, auf denen der damalige Vertrag basierte und er sollte schnellstens aufgekündigt werden, es ist schon Schaden genug entstanden, der von uns, den Steuerzahlern getragen werden mußte. Dabei wurde zusätzlich eine Gefährdung durch Sturmfluten und damit verbundenen Deichbrüchen billigend in Kauf genommen.

Hamburg hat sein Stadtgebiet deswegen schon mit extrem hohen Deichen  gesichert, und wir am langen Unterlauf der Elbe müssen laufend nachrüsten.

Wenn man sich die Deutsche Bucht mit Elbmündung und dem Unterlauf der Elbe auf der Karte ansieht, erkennt man einen gewaltigen Trichter, in den die Flut hineinschwappt und bis nach Geesthacht hinaufläuft. Kommt dann noch ein Nordweststurm hinzu, ist es einleuchtend, daß das Nordseewasser mit einer riesigen Wucht in diesen Trichter hineingepresst wird und an den Deichen zu gefährlich hohen Wasserständen aufläuft.

Früher wurde der Wasserdruck durch die geringen Wassertiefen im Mündungsgebiet und im Elbfahrwasser abgemildert, man erkennt das an den sehr viel niedrigeren Deichhöhen in früherer Zeit. Mit der zunehmenden Ausbaggerung mußten auch die Deiche erhöht werden, bezahlt von der Öffentlichen Hand zum alleinigen Nutzen und Frommen der Hamburger Kaufleute, die „keinen Pfennig dazubezahlt haben“, wie Fielmann sagen würde.

Noch 1975 bin ich mit einem 14.000-Tonner mit 9,20 m Tiefgang auf dem Weg nach Hamburg im Lüchterloch/Neuwerkreede zu Anker gebracht worden, um mit der Tide nach Hamburg zu laufen, weil unser Tiefgang zu groß war.

Erlauben Sie mir, eine Überlegung anzustellen, warum es überhaupt zu dieser Elbvertiefung kommen soll.

Ich behaupte, daß die Hamburger Kaufleute einschließlich der Hamburger Reeder die Zeit schlicht verschlafen haben.

Anstatt analog zu Rotterdam, Amsterdam und Antwerpen einen Tiefwasserhafen an seeschiffstiefem Wasser anzulegen, bestanden die Hamburger darauf, ihre Schiffe vom Balkon ihrer Villen in Blankenese aus inspizieren zu können.

Ich selbst bin damals von meinem damaligen Reeder gerügt worden, weil ich während der Vorbeifahrt an seiner Villa keine Uniform getragen habe! Ich hatte als 1. Offizier aber anderes zu tun.

Wie oben angeführt, hätte man rechtzeitig im Bereich Neuwerk-Scharhörn einen Tiefwasserhafen bauen können, der mit geringem Aufwand per Eisenbahn und Autobahn an das Festland angebunden worden wäre. Genau das hat zum Beispiel Rotterdam mit seinem Europoort gemacht.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die alte Einfahrt des „Neuen Fahrwassers“ mit seiner Mole und dem Wrack eines Dampfers obendrauf. Das war in den 50er Jahren. Diese Einfahrt ist längst verschwunden, die neue Mole liegt kilometerweit weiter seewärts und schützt jetzt bei einer Einfahrtstiefe von ca. 29 Metern den Europoort.

Ähnliches wäre bei Neuwerk auch möglich gewesen. Die Pläne waren baufertig, man hätte sofort anfangen können, das Gebiet ist Hamburger Staatsgebiet, man hätte Niedersachsen nicht einmal fragen müssen. Das tiefe Wasser der südlichen Nordsee reicht bis zur Barre, die etwa auf der Position des früheren Feuerschiffes ELBE 3 die Elbmündung quert, also an Neuwerk vorbei.

Ich komme nun zu den zu erwartenden Auswirkungen der erneuten Elbvertiefung.

Das Fahrwasser bedingt schon durch die natürlichen Böschungswinkel einen Verbreiterung der Fahrrinne, wenn es auf eine größere Tiefe ausgebaggert wird. Es kommt hinzu, daß die tiefergehenden Schiffe auch länger sind. Das wird eine zusätzliche Verbreiterung der eigentlichen Fahrrinne erforderlich machen, will man nicht Gefahr laufen, daß ein Schiff mit maximalem Tiefgang im Falle von Maschinenschaden oder Ruderversager querschlägt und bei ablaufendem Wasser durchbricht.

Ich selbst bin als 1.Offizier mit einem 370 Meter langen und 52 Meter breiten Super-Tanker mit 247.00 tdw - allerdings nur in Leichtballast und minimalem Tiefgang -  mehrmals die Elbe rauf und runter. Das war gelinde gesagt, eine Angstpartie, obwohl wir damals noch mit rein deutscher Besatzung diese Reisen machten.

Was heute mit den bunt zusammengewürfelten Crews alles passieren kann, will ich hier überhaupt nicht ausmalen, meine eigenen Erfahrungen sind schlimm genug.

Nun zu den allgemeinen Auswirkungen:

Ein Blick auf die Karte der Elbmündung zeigt, daß der Flutstrom aus nordwestlicher Richtung auf das südliche Ufer auftrifft, zwischen Cuxhaven und Otterndorf in nordöstliche Richtung abgelenkt wird, was mit einer erheblichen Belastung des Deichfußes bzw. des noch vorhandenen Vorlandes durch Abtrag führt. Die nächste Umlenkung wieder in südöstliche Richtung erfolgt im Bereich Brunsbüttel/ St.Margareten auf der schleswig-holsteinischen Seite.

Immer ist der Bereich Glameyer Stack/ Nähe Altenbruch schon ein Krisenpunkt gewesen und mit der Zunahme der Strömungsgeschwindigkeit, der zwangsläufig einer Fahrrinnenvertiefung folgen muß, wird die Lage dort ebenso wie im weiteren Verlauf immer bedrohlicher, weil der stärkere Strom die Böschung wegspült und den Deichfuß gefährdet.

Inwieweit sich die Lage auf der schleswig-holsteinischen Seite verändern wird, entzieht sich meiner Kenntnis, ist aber auch nicht Gegenstand dieser Überlegung. 

Ob und wie eine Unterlassung einer weiteren Elbvertiefung Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in Niedersachsen hat, weiß ich nicht. Ich halte den Hinweis auf die Arbeitsplatzsicherung im Hamburger Raum für das übliche „Totschlagargument“, das immer wieder benutzt wird, wenn man sich eigene Vorteile sichern will.

Abschließend möchte ich zusammenfassen, daß nach meiner Ansicht eine weitere Elbvertiefung nicht zu verantworten ist, weil es heller Wahnsinn ist, Riesenschiffe mit Ladungen, von denen niemand weiß, ob und wie gefährlich sie sind, auf einem derart engen Graben 100 Kilometer weit ins Binnenland fahren zu lassen. Sie sind praktisch manövrierunfähig und werden zu einer Gefahr für die Allgemeinheit, wenn sie havarieren, was jederzeit passieren kann. Hinzu kommen die Gefahren durch weiter zunehmende Strömunggeschwindigkeiten und höhere Wasserstände für unsere Deiche, die sich jeder vorstellen kann, der einmal als Kind in strömendem Wasser gespielt hat.

Wir, die Anlieger der Unterelbe, sollen ausbaden, was Hamburg versäumt hat. Einzig und allein zum Nutzen und Frommen der Profite Hamburger Kaufleute!

Thomas Wieken
Hinterm Holz 52
21755 Hechthausen

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