Internet
Eine Webcam
für
den Kreidesee?
Mai 2004. Soll am Kreidesee in Hemmoor eine Webcam installiert werde, vielleicht auf dem Dach des Wachcontainers, so dass sich jeder Interessierte über Wetter und Andrang am Kreidesee informieren kann? Diese Idee wurde jetzt gründlich und kontrovers im sehr lebendigen Kreidesee-Forum diskutiert.
Befürworter versprechen sich von einer Webcam eine hohe Werbewirkung für Hemmoor. Wichtiges Gegenargument: "Was hat man davon, wenn man an seinem PC sitzt und einen Taucher sieht, der bei Einstieg 1 ins Wasser geht? Macht das Lust auf mehr? Wenn ich am PC sehen würde, was am Einstieg 1 manchmal so los ist, würde ich wahrscheinlich nicht mehr hinfahren! Aus 'kaufmännischer' Sicht ist eine Webcam eher eine Lustbremse als man davon mehr Umsatz erwarten kann."
Fazit der spannenden Debatte, in der es auch um Persönlichkeitsrechte und Umweltschutz ging: Seepächter und Ex-Polizeitaucher Holger Schmoldt ist "zu dem Entschluß gekommen, erstmal keine Webcam aufzubauen. Für einen späteren Zeitpunkt halte ich es für nicht ausgeschlossen!"
Zur Zeit überlege er, teilt Schmoldt mit, "ob ich eine Videosequenz auf der homepage installieren soll. Dann kann man sich in der Mittagspause einen kleinen Film ansehen, der alle Objekte kurz zeigt und erläutert". Die gesamte Debatte steht hier.
Kreidesee
Kein Boeing-Wrack
als
Taucher-Attraktion
Sommer 2003. Die Kreidesee-Betreiber haben kürzlich die Idee verfolgt, ein Boeing-Wrack zu erwerben und im Kreidesee als Taucher-Attraktion zu versenken. Aus Kosten- und Umweltgründen ist von dem Plan Abstand genommen worden. Jetzt wird nach einer billigeren Alternative - etwa einem Cessna-Wrack - gesucht, heisst es im Kreidesee-Forum der Website kreideseetaucher.de.

Falls die Taucher
fort bleiben...
Sommer 2003. In Hemmoor sind die Übernachtungszahlen rückläufig. Woran das liegt, haben Kommunalpolitiker erst jetzt erfahren: Enttäuscht von abnehmenden Sichtweiten im Kreidesee weichen Tauchsportler - Hauptsäule des Tourismus in Hemmoor - zunehmend auf Konkurrenzreviere aus. Jetzt fahnden Biologen nach der Ursache der rätselhaften Gewässertrübung.
"Wie Karibik ohne Korallen" - so schwärmten Taucher jahrelang über die Rekordsichtweiten im Hemmoorer Kreidesee. Gelegentliche Unfälle im "Todesloch von Hemmoor" ("Stern") taten der Begeisterung für das glasklare Wasser kaum Abbruch.
In den letzten Jahren aber hat sich im Urteil der Diving Community ein schleichender Wandel vollzogen: Immer häufiger wird in Taucherkreisen über eine Verschlechterung der Sichtweiten geklagt - mit der Folge, dass die Besucherzahlen am See (und damit die Übernachtungszahlen in Hemmoor insgesamt) neuerdings rückläufig sind.
Taucher weichen zum Teil auf neue Reviere aus, etwa in den neuen Bundesländern, wo zu diesem Zweck Braunkohlegruben hergerichtet werden. In Duisburg wurde ein Gasometer geflutet und zur Tauch-Location umgebaut - Hemmoors Konkurrenz schläft nicht.
Den Offiziellen im Rathaus war der Grund für die alarmierende Trendwende bei den Besucherzahlen (in den besten Zeiten rund 30 000 pro Jahr) bislang verborgen geblieben - nicht zuletzt deshalb, weil die See-Betreiber lange Zeit zur Selbstabschottung neigten, auf Kritik auch schon mal aggressiv und auf Kooperationsangebote häufig abwehrend reagierten.
"Wir sind nicht rangekommen an diese Kameraden," sagt der Hotelier und SPD-Ratsherr Horst Ahlf, Vorsitzender des Fremdenverkehrsausschusses der Samtgemeinde.
Umso überraschter reagierten die Teilnehmer am jüngsten Informationsgespräch der Unternehmergemeinschaft der Stadt Hemmoor e. V., als ihnen der See-Pächter und Ex-Polizeitaucher Holger Schmoldt den Grund für die Negativentwicklung offenbarte: zunehmende Enttäuschung seines Publikums über abnehmende Sichtweiten.
Biologen, so Schmoldt, seien zur Zeit damit befasst, nach der Ursache der rätselhaften Eintrübungen zu fahnden.
Das wird auch Zeit. Der Vorsitzende der Unternehmer-Runde, Bernd Jürgens, fürchtet bereits eine trübe Zukunft für das Erholungsgebiet: "Was ist mit dem Kreidesee, falls die Taucher fortbleiben?"
Viele Taucher meinen den Grund für die Entwicklung zu kennen: zu viele Taucher.
Im Internet beschwert sich zum Beispiel einer namens Volker, "dass die Tauchschulen an allen Einstiegen die Sicht versauen". Eine Natalia aus Düsseldorf berichtet, die Sicht sei "suppig mies" gewesen, weil viele "Nahkampftaucher" meinten, "durch den Schlamm robben zu müssen". Ein Detlef aus Kirchwerder klagt über "menge-menge Diver, dementsprechend die Sicht". Ein Christian findet den See "im Sommer leider sehr stark frequentiert, dann wird die Sicht zumindest im vorderen Teil des Sees sehr schlecht".
Ein anderer Taucher warnt auf seiner Website sogar vor Sicherheitsproblemen durch schlechte Sicht: "Vorsicht... Am wohl bekanntesten Tauchplatz in Hemmoor, dem sogenannten Rüttler, ist die Sicht am Wochenende, wo der Teich sehr gut besucht wird, extrem schlecht. Ich habe schon Tauchgänge am Fuße des Rüttlers gemacht, hier ist es immerhin 32 m tief, wo die Sichtweite höchsten 30 cm betrug. Wer sich hier nicht auskennt oder seinen Partner verliert, könnte in arge Schwierigkeiten kommen."
Stark frequentiert: Kreidesee
Seepächter Schmoldt räumt ein, dass der see nur eine "gewisse Anzahl" von Tauchern verkraften kann: "Wenn 300 am Wochenende tauchen, dann brodelt der See." Er weist zugleich aber auch darauf hin, dass es auch trotz Besucherrekorden schon Zeiten mit guter Sicht gegeben habe. Und womöglich ist das Phänomen tatsächlich - wie so häufig in der Ökologie - Folge eines komplexen, multifaktoriellen Geschehens.
In Frage kämen als weitere Faktoren, so Schmoldt, "jahreszeitliche Einflüsse", dazu der "natürliche Alterungsprozess eines jeden Sees", ebenso ein mögliches Einsickern von "Gülle aus benachbarten landwirtschaftlichen Flächen", vielleicht auch eine defekte Kanalisation in Warstade, die überproportionale Teichhuhn-Population früherer Jahre - wer weiss. Nur von einer möglichen Gewässerbelastung durch den erfolgreichen Fischzuchtbetrieb im See war bislang nicht die Rede.
Die See-Manager vertrösten die Taucher auf klarere Zeiten. Im "Forum" seiner gut gemachten, höchst informativen Website kreideseetaucher.de appelliert Schmoldt an die Kundschaft: "Also Taucher, bleibt mal ganz entspannt... Es kommen auch wieder bessere Jahre! Eventuell schon diesen Sommer!" Ihm ist allerdings auch klar, wie er jetzt vor den Unternehmern einräumte: Wenn die Sichtweiten über "drei, vier Jahre" so bleiben wie jetzt, wächst die "Gefahr von Leerständen".
Spätestens dann könnte sich rächen, dass der See einseitig den Tauchern vorbehalten ist.
Teilnehmer der Hemmoorer Unternehmer-Runde regten an, das Angebot stärker auf Familien zu konzentrieren. So liessen sich Streetball oder Beach-Volleyball, Reiten oder andere Kinderanimationen anbieten. Ausserdem müsse das Gelände für die Einheimischen geöffnet werden. Küstenklassik-Initiator und SPD-Chef Johannes Schmidt brachte einen Info-Pavillion an der B 73 ins Gespräch, andere träumen davon, dass endlich die lange geforderte Uferpromenade Wirklichkeit wird, möglichst unter Einbeziehung der schönen Kirche und der Mühle von Warstade.
Ausdrücklich hatte sich die Stadt einst - in der Ära Paul Neese - bei der Verpachtung an die Hemmoorer Grundstücks- und Freizeit GmbH & Co. um den Cadenberger Baustoffhändler und Reeder Hans-Jürgen Hartmann ausbedungen, dass den Hemmoorern freier Zugang zum See gewährt wird.
Neuerdings jedoch müssen die Hemmoorer sogar für das Spazierengehen am Ufer tief in die Tasche greifen: Verlangt werden sage und schreibe zwei Euro pro Person - eine Praxis, der an die ärgerlichen Kurtaxenregelungen in Cuxhaven und anderswo erinnert.
Mit dem Eintrittsgeld soll offenbar das wilde Baden eingedämmt werden - zugunsten der Taucher. Denn Schwimmer wirbeln Ufersediment auf, mit der Folge, dass die Tauchsportler drunten durch "Sandlawinen" (Schmoldt) beinträchtigt werden.
Wäre es nicht möglich, regte der erfahrene Touristikexperte Ahlf an, den benachbarten kleineren See - zur Zeit an den Angelverein Basbeck-Neuhaus verpachtet - zum Badesee umzuwidmen, um das Freizeitangebot zu verbreitern, ohne den Zielkonflikt zwischen Tauchern und Schwimmern zu verschärfen?
Das See-Management setzt zur Zeit darauf, dass sich die Abwanderung in Grenzen hält. Und es scheint auch einen gewissen Grund zum Optimismus zu geben. Zwar nicht im Wasser, aber in den Köpfen vollzieht sich zur Zeit ein Klärungsprozess.
Vermehrt wird unter Tauchern die Ansicht vertreten, dass der Kreidesee - trotz der zeitweisen Trübung - noch immer "einer der besten Tauchplätze im Norden Deutschlands" sei, wie einer im Netz notierte: "Nirgendwo in Norddeutschland gibt es ein Tauchrevier, in dem man unter so guten Bedingungen Tieftauchen kann."
Der Hemmoorer Tauchexperte Diego Ahrens gibt auf seiner exzellenten Website einen typischen Dialog wieder:
--Hast Du diesen Johnny
von Forelle gesehen?
--Nee, nicht wirklich!
--Wieso das denn nicht?
--Wegen der schlechten
Sicht!
--Ja, is nich so doll,
ne.
--Naja, so 6 bis 7 Meter
sind das ja noch.
--Ja, und tagsüber
mit Licht tauchen is auch noch nicht nötig.
--Auf 40 Meter auch nicht,
das ist schon mal besser als woanders.
--Sag ich doch, so schlecht
is die Sicht gar nicht.
Gunter Bornstedt vom Tauchclub Cuxhaven (TCC) zog Anfang Juli, wie er dem Web anvertraute, das "Fazit: nie mehr am Wochenende (Sicht: bescheiden). Dennoch versprach er im Namen seiner Sportkameraden:: "Wir kommen wieder, trotz alledem" - eben werktags.
Für den See spricht mehr denn je, dass der Service am Ufer nach dem Urteil vieler Besucher "supi" ist; die Infrastruktur verbessere sich ständig.
Dennoch: Die Wasserqualität muss stimmen. Allein wegen der Infrastruktur, schreibt ein Gast namens Fritz im Forum von kreideseetaucher.de, "fahre ich nicht tauchen".
Lesen Sie bitte auch die übrigen Serienteile:
Teil 1: Vom
Null-Image zum Negativ-Image
Teil 3:
"Immer nur dumm durch die Gegend" (Jugendpolitik)
Teil 4: Knüppel,
Hunde, Stacheldraht (Tourismus)
Kreidesee
"Nicht gefährlicher
als anderswo
auch"
Frühjahr
2003. Ein 66 Jahre alter Mann aus Laatzen (bei Hannover) ist bekanntlich
vor kurzem bei einem Unglücksfall im Hemmoorer Kreidesee ums Leben
gekommen. Es handelt sich dabei um den sechsten Todesfall seit 1994. Die
Reanimation durch die Rettungskräfte war vergebens (mehr dazu in der
NEZ).
Bei der Polizei wird jetzt über Konsequenzen nachgedacht - mehr hier.
Fachleute wie der Hemmoorer Tauchlehrer Diego Ahrens betonen indessen:
"Der See ist nicht gefährlicher als andere Tauchgewässer, nur
an manchen Stellen ist er für den einen oder anderen ein bissel tief.
Gefährlich ist wie so oft im Leben die Selbstüberschätzung."
Fachmann
Ahrens (Foto) rät: "Also solltest Du einen massgeschneiderten Plan
haben und Dich an Deine Limits halten. Natürlich müssen in der
Gruppe Qualifikation, Vorstellungen und Ausrüstung zusammenpassen."
Auf der Ahrens-Website dive-station-hemmoor.de
heisst es weiter: "Wer die Tauchdestination Kreidesee Hemmoor kennt, weiß
um die Vielfalt dieses Sees und das Gefühl, daß es hier immer
etwas Neues zu entdecken gibt. Der See ermöglicht außergewöhnliche
Tauchgänge - nicht nur, was die Sichtweiten angeht! Die Perspektiven
unter Wasser sind oft so spektakulär, daß man es kaum fassen
kann, in einem deutschen Binnengewässer zu tauchen." So spricht einiges
dafür, dass der See weiter attraktiv bleibt - trotz all der tragischen
Unglücksfälle.
Presse
Das "Todesloch"
von Hemmoor
Noch heute spricht man in Taucherkreisen über eine Reportage, die 1999 im "Stern" (Heft 36) stand. Unter dem Titel "Das 'Todesloch' von Hemmoor" ging Reporter Wolfgang Röhl - im Sinne des Wortes - der Frage auf den Grund, worauf die tödlichen Unfälle im Kreidesee zurückzuführen sind. Der Text ist hier dokumentiert (längere Ladezeit).