Da kommt der Fährmann! 

Von Knut-Michael Senftleben

Foto: Stefan Buck
"Lieselke, komm! Träume nicht! Da kommt gleich die Gondel.“

„Ach, lieber Vater, ich schau gerne von ferne. Wie schön die Sonne durch die Eisen blitzt!“

„Ja, Lieseke, aber die Mutter wartet, und wir müssen mit diesem Mal rüber. Drüben haben wir auch noch ein ganzes Stück zu laufen, ehe wir die Bushaltestelle erreichen. Die Mutter ist schon mit dem vorigen Hang rüber, und Du hast mir versprochen ... Schau mich nicht so bittend an, wir müssen einfach weiter, weil der Bus nicht auf uns wartet."

„Ja, Vater, ich komme ja schon. Wer bewegt denn heute die Gondel?  Ah, es ist der Johannes, unser Nachbar. Ob er mir heute die Hand gibt zum Abschied? Das hat er so lange schon nicht getan, und wir haben uns doch so gerne gehabt. Was haben sie denn alle, dass sie immer auf die Erde schauen, Vater?“

„Ach Anneluis, es ist, weil sie alle so viel in die Sonne blicken wie Du, nur dass sie davon geblendet sind und Du eben ein Sonnenkind bist und ihre Augen nicht so viel Licht vertragen. Deswegen schauen sie so oft zu Boden, um ihre Augen zu schonen.“

„Vater, das kann ich nicht glauben, dass ich ein Sonnenkind bin und andere blende. Du bist doch mein Vater, und da drüben ist die Mutter. Wie kann die Sonne da mein Vater oder meine Mutter sein?“

„Oh, Lieseke, das ist doch so: Wir können nur für eine kurze Zeit Dein Vater und Deine Mutter sein. Die Sonne aber wird immer Dein Vater und Deine Mutter sein, das darfst Du nie, nie vergessen. Vieles wird Dir so weh tun, als wenn Du ganz lange in die Sonne schaust, so dass Du dann die Augen zu machen musst, aber dann geht das alles wieder vorbei, das, was weh tut. Mutter wird es Dir auch noch einmal sagen, damit Du daran denkst.“

„Und was macht ihr, wenn es mir weh tut? Tröstet ihr mich dann wie immer?“

„Komm, Lieselke, jetzt müssen wir durch die Schranke. Johannes macht das Gitter gleich zu."

Ja, Johannes machte das Gitter zu. Doch diesmal knallte es lauter als sonst. Er muss heute gut gegessen haben, der Johannes, weil er so stark ist. Und er schaut auch zur Sonne, wie ich. Und er schaut länger zur Sonne als ich, weil ich zu ihm schaue. Warum schaut er mich nicht an? Er hat eine saubere Uniform an. Und er kassiert den Fahrpreis von Vater für drei Personen, obwohl ich doch noch ein kleines Mädchen bin. Aber vielleicht bin ich doch schon erwachsen.

Immer, wenn die Gondel in eine Richtung fährt, versuche ich, genauso schnell in die andere Richtung zu gehen. Ich versuche, auf einem Punkt wenigstens für eine kleine Zeit zu bleiben. Das geht nur für eine kurze Strecke so, dann bin ich schon am anderen Gitter. Wenn ich viele solche Stehpunkte zusammenziehe und diese miteinander verbinde und zusammenziehe, wie heißt das dann, und wie nenne ich sie am besten?

Scheitelpunkte sind es nicht, dann müsste ich mich über die ganze lange Oste denken, und das ist mir heute morgen doch zu viel.
Mit Quadratlatschen finde ich sie, auch wenn es schöne Schuhe sind, die ich da von der Mutter angezogen bekommen habe. Quadratlatschen habe ich noch nie gesehen. Aber weil ein Quadrat etwas Klares und Schönes ist, sind Quadratlatschen keine stinkigen Schuhe. Und Punkt und Quadrat gehören irgendwie zusammen. Quanten nennt...  ja, wer war das noch, der seine Füße Quanten genannt hat? Egal, ich nenne meine Punkte, wenn ich sie zusammenziehe, einfach Quantenpunkte. Das ist besser als Hopser.

Und dann schaue ich zurück, und ich sehe das verlassene Ufer. Und ich sehe das Fährhaus, und ich sehe und sehe und sehe auch die Kirche. Diese schöne Kirche, in die ich so gerne hineinrufe, weil es so schön wieder herausschallt.

Gleich sind wir an der anderen Seite. Vater hat mit keinem der anderen Erwachsenen geredet. Mit mir redet er, aber nicht mit den anderen. Ein komischer Tag ist das heute. Aber was soll's, mir geht es ganz lustig wie immer und die Sonne lacht, und dann bin ich auch froh.

„Achtung, Lieselke, gleich kommt das andere Ufer - und, rumms, da sind wir auch schon. Und da ist die Mutter und wartet gleich hinterm Deichlück.“

Ja, Mutter war mit dem Leiterwagen schon vorgefahren. Sie hat mir gesagt, dass sie meine Sachen auch mitgenommen hat, damit ich noch ein bischen auf den Fluss schauen kann. Und vielleicht kommt ja doch noch eine Freundin, um mir wenigstens die Hand zu geben. Aber sie hatte mich dabei ganz traurig angesehen.

Nun noch ein Quantensprung von der Gondel, wupps, und ich bin am anderen Ufer, und Johannes schaut mich so trübsinnig an. Ich lache ihm zu, und dann sage ich ganz freundlich zu ihm: "Johannes, ich verspreche Dir, dass ich zurück komme. So wie die Sonne jeden Tag zurückkommt, so komme ich zurück, dass verspreche ich Dir. Denn Vater hat zu mir gesagt, dass die Sonne mir verwandt ist. Und dann möchte ich von Dir wissen, warum Du heute so traurig warst, und warum ich euch so blende, und warum...“ 

„Lieseke, warum dauert das so lange bei Dir? Wir müssen weiter, der Bus wartet nicht auf uns, und der lange Zug in die neue Welt am anderern Ende der Busfahrt wartet auch nicht, und Mutter geht auch schon da vorne. Komm endlich.“

„Tschüss, Johannes, und vergiss nicht, ich komme wieder.“

Ich schaue einmal zur Sonne und dann wieder zur Schwebefähre mit ihrem Hang, ihrer Gondel und dem Nachbarn Johannes davor, der so merkwürdig ausschaut in seiner schnieken Uniform. Dann folge ich dem Vater und der Mutter und dem rumpelnden Geräusch des Leiterwagen auf den dicken Kopfsteinen mit den Grasbüscheln dazwischen.

Während  ich die Humpelstraße entlanghopse, schaue ich mich immer wieder nach der großen Spinne um, wie ich die Fähre für mich so nenne.

Wieviel Quantenpunkte fehlen mir noch, bis ich einmal die Oste von Ufer zu Ufer damit verbunden habe? Darüber mache ich mir viele Gedanken, und der Vater meint, ich träume, wenn ich in die Sonne schaue. Ob die Sonne doch mehr für mich ist, als ich denke? 

Ach, es sind so viele Fragen, die ich beantwortet haben möchte, und es gibt so wenige, die mir dabei helfen können.

Wie kalt das Eisen heute war von der Gondel und wie heiß meine Hand, die es berührte. Wie langsam sie fuhr, und wie schnell mein Herz schlug.

Wie klar der Schatten und das Bild auf dem Wasser, und wie trübe das Gesicht von Nachbar Johannes.

Wie viele Namen Vater heute für mich benutzte, so viele wie selten so schnell hintereinander. Es muß ein besonderer Tag sein, heute, wo die Reise so weit gehen soll und ich eigentlich hierbleiben will.

Aber auf Kinder hören die Erwachsenen ja nicht, und mit allerhand Tricks versuchen sie uns rumzukriegen.

Ja, den Kopf wende ich noch einmal, und dann sehe ich die Fährspinne noch einmal im Morgenlicht, und die Kirche. Nur der Fluß liegt tiefer, den sehe ich nicht mehr. 

Tschüss, liebe Oste. Du meine Badewanne mit der Spinne darüber, ich werde immer an dich denken. Und eines Tages komme ich wieder, und dann bringe ich etwas mit, was aus der neuen Welt nur für dich sein soll. Und darin soll sich die ganze Welt spiegeln und nicht nur die Kirche und die Häuser von Osten und die Fähre und Johannes und Vater und die anderen und ich. Das verspreche ich dir.


Am 18.11.1941 wurde der Ostener Produktenhändler Adolf Philippsohn mit seiner Frau und seiner Tochter Anna Luisa von Bremen aus in einem Sammeltransport nach Minsk (Weißrußland) deportiert. Der Transport bestand aus 570 Juden, 440 von ihnen kamen aus Bremen und 130 aus dem Regierungsbezirk Stade. Später sollen weitere Juden in Hamburg hinzugekommen sein. Das Lager, in das sie gebracht wurden, war ein Vernichtungslager, in dem sich ca. 6500 Juden befanden. Mehr über das Schicksal der Familie in der Rubrik GESCHICHTE von www.osten-oste.de. 



 
 

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