FAZ 2003

Wo der stahlharte Drache schlüpfte

Die Schwebebahn fuhr zuerst in Köln





 Köln, die Stadt des gotischen Domes und der romanischen Kirchen, der Museen und der Medien, ist auch - oder war es zumindest mal - eine Stadt der Industrie. Davon ist im öffentlichen Bewußtsein nicht mehr viel präsent, was auch daran liegen mag, daß viele Fabriken, um sich auszudehnen, auf der anderen Rheinseite siedelten. Die "schäl sick" aber gilt seit den Römern als Barbarenland: Noch von Adenauer wird erzählt, daß er auf dem Weg ins ferne Berlin die Abteilvorhänge schloß, sobald der Zug den Fluß überquerte.

                  Was damit dem Blick entzogen wird, kann es mit der berühmten
                  Stadtsilhouette nicht aufnehmen und hat doch seinerseits historischen
                  Rang. In dem Industriegelände zwischen Deutz und Mülheim steht die
                  "Wiege der Weltmotorisierung": Nikolaus August Otto (1832 bis 1891),
                  der 1867 auf der Pariser Weltausstellung einen atmosphärischen Motor
                  vorgestellt hatte, baute hier 1869 seine fünf Jahre zuvor hinter dem
                  Hauptbahnhof gegründete Fabrik aus, in der Gottfried Daimler und
                  Wilhelm Maybach von 1872 bis 1881 als Technische Direktoren
                  wirkten. Doch dieses Erbe läßt Köln schleifen: Während links des
                  Rheins um jede Römerscherbe gleich ein Museum errichtet wird, sucht
                  die Sammlung von Motoren, die aus dem Werksmuseum von
                 Klöckner-Humboldt-Deutz hervorging, seit zehn Jahren ein festes
                  Domizil.

                  Inzwischen liegt das 62 Hektar große Industriegebiet weitgehend brach.
                  Nur in wenigen Hallen wird noch produziert, die meisten stehen
                  zwischen Umnutzung, Verfall und Abriß. Das Gelände ist im Umbruch
                  und könnte, bestünde nicht der fatale Ehrgeiz, dem Dom eine
                  Hochhauskulisse gegenüberzustellen, zum Potential einer behutsamen
                  und panoramaverträglichen Stadtentwicklung werden. Die Räume, die
                  sich hier öffnen, enthalten Trouvaillen, die einen Kahlschlag wie in Kalk
                  verbieten. Auf eine Industriehalle des Jugendstil-Architekten Bruno
                  Möhring (F.A.Z. vom 4. Juni) folgt nun

eine Entdeckung, die Walter Buschmann, Referent für Technik und Industrie beim Rheinischen Amt für Denkmalpflege, als "Sensation" wertet: In einer leerstehenden Halle der ehemaligen Waggonfabrik Van der Zypen & Charlier fand sich das fünfzehn Meter lange Teil einer 1893 errichteten Teststrecke für die Schwebebahn, die außerhalb des Gebäudes etwa dreihundert Meter weit geführt wurde.

                  Schon die Fassade, wo die Öffnung dafür zugemauert wurde, läßt
                  erkennen, daß es sich um eine zweispurige Stahltrasse und damit um
                  eine Vorform der ab 1898 in Wuppertal gebauten Bahn handelt, die, um
                  schneller durch die Kurven zu kommen, nur eine Spur hatte. Erfunden
                  und entwickelt wurde sie von dem Ingenieur und Zuckerfabrikanten
                  Eugen Langen (1833 bis 1895), der früh erkannte, daß die firmeneigene
                  Hängebahn zu mehr als zum Transport von Säcken geeignet war. Die
                  Schwebebahn mit Domblick (unser Foto) aber blieb
                  Betriebsangehörigen vorbehalten, zum öffentlichen Verkehrsmittel
                  brachte sie es allein im Tal der Wupper, dessen Bebauung keine
                  Hochbahn und dessen felsiger Untergrund keine U-Bahn zuließ: Bis
                  heute faucht hier der "stahlharte Drache", so Else Lasker-Schüler, "und
                  legt sich mit vielen Bahnhofköpfen und sprühenden Augen über den
                  schwarzgefärbten Fluß".

                  Wuppertaler Begehrlichkeiten, die Versuchsstrecke in ein geplantes
                  Schwebebahn-Museum zu übernehmen, hält Buschmann nur für die
                  "zehntbeste Lösung". Die Klinkerhalle mit seltener
                  Holzdachkonstruktion zu erhalten, gebietet ihr Zeugniswert für ein
                  Kapitel der Stadtgeschichte, das in Köln bislang unterbelichtet ist.

                  ANDREAS ROSSMANN