Wo der stahlharte Drache schlüpfte
Die Schwebebahn fuhr zuerst in Köln
Köln, die Stadt des gotischen Domes und der romanischen Kirchen, der Museen und der Medien, ist auch - oder war es zumindest mal - eine Stadt der Industrie. Davon ist im öffentlichen Bewußtsein nicht mehr viel präsent, was auch daran liegen mag, daß viele Fabriken, um sich auszudehnen, auf der anderen Rheinseite siedelten. Die "schäl sick" aber gilt seit den Römern als Barbarenland: Noch von Adenauer wird erzählt, daß er auf dem Weg ins ferne Berlin die Abteilvorhänge schloß, sobald der Zug den Fluß überquerte.
Was damit dem Blick entzogen wird, kann es mit der berühmten
Stadtsilhouette nicht aufnehmen und hat doch seinerseits historischen
Rang. In dem Industriegelände zwischen Deutz und Mülheim steht
die
"Wiege der Weltmotorisierung": Nikolaus August Otto (1832 bis 1891),
der 1867 auf der Pariser Weltausstellung einen atmosphärischen Motor
vorgestellt hatte, baute hier 1869 seine fünf Jahre zuvor hinter dem
Hauptbahnhof gegründete Fabrik aus, in der Gottfried Daimler und
Wilhelm Maybach von 1872 bis 1881 als Technische Direktoren
wirkten. Doch dieses Erbe läßt Köln schleifen: Während
links des
Rheins um jede Römerscherbe gleich ein Museum errichtet wird, sucht
die Sammlung von Motoren, die aus dem Werksmuseum von
Klöckner-Humboldt-Deutz hervorging, seit zehn Jahren ein festes
Domizil.
Inzwischen liegt das 62 Hektar große Industriegebiet weitgehend brach.
Nur in wenigen Hallen wird noch produziert, die meisten stehen
zwischen Umnutzung, Verfall und Abriß. Das Gelände ist im Umbruch
und könnte, bestünde nicht der fatale Ehrgeiz, dem Dom eine
Hochhauskulisse gegenüberzustellen, zum Potential einer behutsamen
und panoramaverträglichen Stadtentwicklung werden. Die Räume,
die
sich hier öffnen, enthalten Trouvaillen, die einen Kahlschlag wie
in Kalk
verbieten. Auf eine Industriehalle des Jugendstil-Architekten Bruno
Möhring (F.A.Z. vom 4. Juni) folgt nun
eine Entdeckung, die Walter Buschmann, Referent für Technik und Industrie beim Rheinischen Amt für Denkmalpflege, als "Sensation" wertet: In einer leerstehenden Halle der ehemaligen Waggonfabrik Van der Zypen & Charlier fand sich das fünfzehn Meter lange Teil einer 1893 errichteten Teststrecke für die Schwebebahn, die außerhalb des Gebäudes etwa dreihundert Meter weit geführt wurde.

Wuppertaler Begehrlichkeiten, die Versuchsstrecke in ein geplantes
Schwebebahn-Museum zu übernehmen, hält Buschmann nur für
die
"zehntbeste Lösung". Die Klinkerhalle mit seltener
Holzdachkonstruktion zu erhalten, gebietet ihr Zeugniswert für ein
Kapitel der Stadtgeschichte, das in Köln bislang unterbelichtet ist.
ANDREAS ROSSMANN