Feste

Was Ostern mit 
Osten zu tun hat...


... und was nicht

Zuerst brachte ein Liederblatt, das in der Ostener St.-Petri-Kirche auslag, den Neubürger auf die Idee, dass beides etwas miteinander zu tun haben könnte: Osten, der Name des neuen Heimatorts, und Ostern, das älteste und höchste Fest der Christenheit. 

Auf dem Zettel in der Kirchenbank stand: "Der Name 'Ostern' stammt von der Himmelsrichtung 'Osten', denn zwischen dem Frühlingsanfang und dem Ostersonntag steht die Sonne auf ihrem östlichsten Punkt zur Erde."

Das schien ja tolle Aussichten für eine Wiederbelebung des Ortes zu eröffnen: Osten könnte sich womöglich als das Oster-Dorf profilieren - so wie Himmelpforten sich seit langem erfolgreich als Heimat des Christkindes und. des Weihnachtsmanns vermarktet.


So vermarktet sich Himmelpforten

Ein Ostermarkt an der Ostener Kirche, Ostermenüs im Hotelrestaurant, eine Osterhasen-Ausstellung im Heimatmuseum, Ostereiersuchen auf dem Deich, eine Oster-Rallye ins benachbarte Hasenfleet(!) - das alles könnte das Dorf mindestens so bekannt machen wie Himmelpforten, das bekanntlich eine Weihnachtsmann-Website und sogar ein Christkindl-Postamt unterhält.


Osteland - das wahre Osterhasenland?

Oder Ostereistedt: Das kleine, aber clevere Dorf in der Nähe von Selsingen am Oberlauf der Oste bietet unter www.ostereistedt.de  "Geschichten von Hanni Hase" an, dazu "Osterbasteln mit Hanni Hase", "Osternest bauen mit Hanni" und sogar "Hanni-Hase-Witze"... 


So wirbt Ostereistedt im Internet um Besucher

Leitet denn Osten/Oste seinen Namen nicht auch, wie Ostereistedt, von der österlichen Himmelsrichtung ab, wie der alte Werbeslogan suggeriert: "Ob Norden, Süden oder Westen - in Osten kaufen Sie am besten"? 

Gibt es andererseits nicht eine - womöglich noch viel tiefer wurzelnde - Verbindung mit dem Osterfest, die sich in der eigenartigen Betonung des Ortsnamens offenbart? 

Wie oft hatte man nicht Freunden aus der Großstadt erklären müssen, dass Osten/Oste nicht mit kurzem O ausgesprochen wird wie die Himmelsrichtung, sondern mit einem langen Oooo - eben "mit O wie Ostern".

Wie das mit fixen Ideen manchmal so ist - sie halten einer Überprüfung nur hin und wieder stand. 


Ostern in Osten an der Oste, Ortsteil Osten

Einige Stunden später, die ausgefüllt waren mit Recherchen im Internet, mit der Lektüre alter Chroniken und mit Telefonaten, stand fest: Alles ist ganz anders als angenommen - und dennoch ist es auf eine ziemlich vertrackte Weise doch irgendwie so, wie man es anfangs vermutet hatte. 

Aber der Reihe nach...


Zunächst eine rasche Erkenntnis: der Ortsname Osten hat mit der Himmelsrichtung gar nichts zu tun, sondern leitet sich ab von der Lagebezeichnung "by de Osten", also vermutlich "an der Oste". 

Woher aber stammt der Name der Oste? Das scheint kaum jemand so ganz genau zu wissen. 

"Dat kunn wat mit 'Hostinga = Ostegau' to doon häbm", vermutet der verstorbene Ostener Heimatforscher Richard Rüsch auf Seite 19 der "Chronik des Kirchspiels Osten". 

Auch seine ebenso fleißige wie kluge Kollegin Gisela Tiedemann-Wingst führt den Namen des Flusses - lateinisch "hosta" - darauf zurück, dass er "die Grenze zu dem alten Gau 'Hostingabi' bildete".

Nachdem die schöne Idee vom Osterdorf Osten so schnell in sich zusammengefallen schien, interessierte dann doch, ob wenigstens die These auf dem Kirchenzettel stimmt, dass sich der Name des Osterfests von der Himmelsrichtung ableitet. 

Und da bahnte sich eine zweite Überraschung an.

Zumindest "nach christlicher Auffassung", erfährt man im Internet zunächst, gebe es diesen Zusammenhang durchaus: "Die Blicke der Frauen, die zuerst am leeren Jesus-Grab standen, richteten sich nach Osten zur Morgenröte, denn sie glaubten, Jesus kehre von dort auf die Erde zurück." 

Und von Morgenröte, griechisch "eos", leite sich Ostern ebenso ab wie Osten; schließlich zeigt sich im Osten das erste Tageslicht. "Letztlich sind also auch 'Ostern' und 'Österreich' miteinander verwandt," folgerte kürzlich die "Wiener Zeitung".

Mit der kirchlichen Deutung - nach der auch die Ausrichtung aller Kirchenbauten nach Osten mit dem Ostererlebnis zusammenhängt - konkurrieren allerdings einige andere Erklärungsversuche. 

Da gibt es zum Beispiel die These, Ostern sei ursprünglich ein heidnisches Fest gewesen, das die Christen umfunktioniert haben; es leite seinen Namen von einer germanischen Fruchtbarkeitsgöttin namens Ostara ab. Einige Volkskundler erheben Einspruch: Diese Göttin habe es in Wahrheit "nie gegeben".

Alles ganz falsch, meint eine weitere Forscher-Fraktion: Ostern komme vom mittelhochdeutschen "Urständ", das heißt Auferstehung. Dem hält die Website theology.de die Version entgegen, die christliche "hebdomada in albis" (Woche in weißen Kleidern) habe dem Fest den Namen gegeben: "albis" (weiß) sei fälschlich als Plural von "alba" (Morgenröte) gedeutet und mit dem althochdeutschen "eostarun" wiedergegeben worden.


Namensforscher Udolph: Verblüffende Erklärung

Die jüngste - und verblüffendste - Erklärung liefert der renommierte Namensforscher Professor Dr. Jürgen Udolph

Der Buchautor ("Ostern - Geschichte eines Wortes") führt Ostern auf eine nordgermanische Wortfamilie zurück: auf das altnordische "ausa" (Wasser schöpfen, gießen) und "austr" (Begießen). Eine heidnische Form der Taufe samt Namensgebung sei als "vatna ausa" (mit Wasser begießen) bezeichnet worden.

Das Wort Ostern, so Udolph, beziehe sich daher eher auf die Taufe, das zentrale Ereignis des christlichen Festes in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt. Dem sogenannten Osterwasser hatten schon die alten Germanen Wunderwirkung zugesprochen.

Bereits in heidnischer Zeit galt das Wasser als Ursymbol des Lebens und der Fruchtbarkeit. In den Jahrhunderten nach Christus wurde es als Symbol für das Leben mit Ostern in Zusammenhang gebracht. So wurde schon seit dem 2. Jahrhundert das Taufwasser nur zwei Mal im Jahr geweiht, nämlich in den Nachtfeiern von Ostern und Pfingsten.

Nach altem Volksbrauch, so heißt es auf theology.de, muss das Osterwasser in der Nacht von Ostersamstag auf Ostersonntag zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang aus einem Bach geschöpft und schweigend nach Hause getragen werden. "Es soll ein ganzes Jahr lang Augenleiden, Ausschlag und andere Krankheiten heilen, für ewige Jugend und Schönheit sorgen. Da es ein Symbol der Fruchtbarkeit ist, schöpfen die jungen Mädchen schweigend Wasser gegen den fließenden Strom. Das Schweigen darf nicht gebrochen werden, damit das Wasser seine Segens- und Heilskraft behält. Es darf auch kein Wassertropfen verloren gehen oder im Heim des Mädchen auslaufen... Nach dem Volksglauben werden Kinder, die mit Osterwasser getauft wurden, besonders intelligent. Das heilige Wasser soll nun ein ganzes Jahr vor Krankheiten, Unglücken oder ähnlichen Ereignissen bewahren. In verschiedenen Regionen Deutschlands wird aus Dankbarkeit zum lebensspendendem Wasser noch heute der Brunnen im Dorf geschmückt und mit Osterschmuck verziert."

Und was ist mit der Oste? Bedeutet der Flußname, wenn man der ausa-These von Udolph folgt, nach den jüngsten Erkenntnissen der Sprachforschung nicht schlicht "Wasser, Gewässer"?

Professor Udolph, telefonisch auf diesen Erklärungsversuch angesprochen, meint: "Gar nicht dumm." 

Trifft die Deutung zu, sind das Osterfest, unser Osten und die Oste tatsächlich etymologisch aufs allerengste miteinander verwandt - zwar nicht über die Himmelsrichtung, aber über ausa, das Wasser. 

Und Osten wäre in der Tat das Osterdorf, die Oste der Osterfluß - Hasenfleet hin, Ostereistedt her.


Ostergottesdienst morgens um 6 Uhr

Der Ostener Pastor Dieter Ducksch kennt sich natürlich mit den verschiedenen Erklärungsversuchen aus. 

In diesem Jahr hat er seine Gemeinde für Ostersonntag um 6 Uhr in der Frühe in die Ostener Kirche zum Gottesdienst geladen - rechtzeitig vor Anbruch der Morgenröte.

Im "Kirchenboten" begründet der Pastor den ungewöhnlichen Termin mit einem Hinweis aus dem Markus-Evangelium: Zum Grab kamen die Frauen "sehr früh, als die Sonne aufging". 

Zudem erinnert Ducksch an die (auch von Udolph angeführten) frühchristlichen Gebräuche: "Der Osternacht-Gottesdienst ist ein beliebter Termin, um Taufen zu feiern." 

Übrigens: Stammt nicht auch das Ostener Taufwasser letzlich ausa Oste?

JOCHEN BÖLSCHE

osten-oste.de

oste.de