Der Mensch wurde zum "Stör-Fall"
 

Lässt sich die seltene Fischart noch retten?
 
 

 
Osten (hol). Zwischen Stockholm und Iran liegt Osten. Zumindest auf dem Terminkalender des renommierten Fischereibiologen Prof. Dr. Harald Rosenthal. Er besuchte den kleinen Ort am Osteufer, um sich jener komplexen Thematik zu widmen, die ihn seit seiner Studienzeit begleitet: Die weltweite Rettung der Störe

Wolfgang Schütz in seiner Eigenschaft als 1. Vorsitzender des Sportfischer-Vereins ,Oste" e.V. und somit zuständig für mehr als 5700 Mitglieder aus 19 Vereinen in der Oste-Pachtgemeinschaft bekannte sich in der voll besetzten Festhalle zur offenen Freude über den hochkarätigen Gast.

Dieser war vor wenigen Wochen aus der Gründungsversammlung der Weltgemeinschaft zum Schutz der Störe (World Sturgeon Conservation Society, WSCS), an der 40 Fischereibiologen aus 12 Nationen teilgenommen hatten, als Vorsitzender hervorgegangen. Seit 1996, so machte Schütz in seiner Einführung deutlich, gehört die Oste-Pachtgemeinschaft der Gesellschaft zur Rettung des Störs mit Sitz in Rostock an, die wiederum Mitglied im Weltverband ist.

Bis vor rund 90 Jahren war der Stör an Oste und Elbe heimisch und stellte einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Menschen dieser Region dar. So versorgten Ostener Störfischer Hamburg mit Störfleisch und Kaviar. Nach den Angaben Schützes handelte es sich um den atlantischen Stör, der eine maximale Länge von sechs Metern bei einem Gewicht von bis zu 300 Kilogramm erreichte. Längst gilt die hier einst heimische Gattung als verschollen.

Für Prof. Rosenthal verbinden sich mit der Oste lebendige Stör-Erinnerungen. Als Studenten aus Berlin kommend ,haben wir im Mündungsbereich der Oste ein Stör-Weibchen gefangen, um es nach Helgoland ins Aquarium zu bringen." Jetzt sei die ,bemooste Dame", die er während seiner Tätigkeit auf der Hochseeinsel intensiv betreut habe, über 50 Jahre alt.

Der Fischereibiologe und Meeresforscher beschrieb jene Schwierigkeiten, die sich in der Fortpflanzung des Störs ergeben. So sei dieser erst zwischen 6 und 17 Jahren geschlechtsreif, betagte Weibchen laichten nicht mehr in jedem Jahr. Von den 27 Arten, zuweilen würden auch 31 genannt, seien bereits zwei verschollen und befänden sich weitere zehn auf der Roten Artenliste; gefährdet seien jedoch alle. ,Ich will Sie aushorchen, was Sie noch über Störe aus Ihrer Region wissen", wandte sich der Referent an das Ostener Auditorium. Vieles sei nicht aufgeschrieben worden, ,aber das sind wichtige Mosaiksteine, um die Wanderwege der Störe zu ergründen."

Russland werde stets als Heimat des Störs angenommen, was jedoch erst seit dem frühen Mittelalter zuträfe, so Prof. Rosenthal. Vielmehr sei der Iran das Ursprungsland, so leite sich das Wort Kaviar auch aus dem Iranischen ab. Unter diesen Aspekten führe ihn der nächste Auslandsaufenthalt in Sachen Stör dorthin. ,Wir müssen uns auch in die kritischen Gebiete wagen - hier Farbe bekennen. Ich gehe als Überzeugungstäter."

Laichzeit unter Bewachung

Die Suche nach Spuren gestalte sich schwierig, weil es sich um einen etwa 250 Millionen Jahre alten Knorpelfisch handele. Wichtigste wissenschaftliche Erkenntnisse lieferten Funde in China; Knorpelsubstanzen seien an den Hauptfundorten im Sedimentgestein konserviert worden. So gehörten auch Hautschilder zu den Funden, ,die heute sehr genau datiert werden können." Aufgrund der dortigen Funde, vor allem auch vor dem Hintergrund bemerkenswerter Zuchterfolge, kündigte Prof. Rosenthal für den Herbst ein Symposium des Weltverbandes in China an. Positive Ansätze gibt es auch in den USA. So hat sich an den Großen Seen eine Interessengemeinschaft aus Indianern und Fischwirten gebildet und ursprüngliche Laichhabitate renaturiert. Während der fünfwöchigen Laichzeit werden die Areale rund um die Uhr bewacht, zudem kein Stör mehr unkontrolliert gefangen.

400 Jahre vor unserer Zeitrechnung im Bosporanischen Reich eine gewichtige Rolle spielend, 600 v. Chr. auf den Münzen Karthagos abgebildet und 500 Jahre später als die friedlichen Wale der Mosel bezeichnet, finden sich vielerorts frühe Spuren der Störe, zu dessen Niedergang nach den Ausführungen des Fischereibiologen auch das Christentum beigetragen hat. Denn ,in der Fastenzeit wurden Fisch und Kaviar gegessen."

Überfischung, Wasserverbauung, Umweltverschmutzung: Die Eingriffe des Menschen haben den Stör gefährlich weit zurückgedrängt, der Wanderfisch wurde vor allem seiner Laichplätze beraubt. 

Wenn zwischen 1870 und 80 in der Unterelbe jährlich an die 7000 Störe gefangen wurden, so wird die ,Stör freie" Zeit weiter anhalten. Immerhin gibt es Hoffnungen der Ansiedlung zunächst in Ostsee und Oder, bevor ein gezieltes Nachzuchtprogramm für die Nordsee und damit die Niederelbe-Oste-Region greifen kann.