4000 Flaschengeister 
lauern hinterm Deich 
Wanderer, führt Dich Dein Wissensdurst nach Osten an der Oste, so lösche ihn im Buddelmuseum am Deich. Achte nur auf eine große Schnapsbuddel vor der Tür...

So poetisch könnte man auf ein einmaliges Raritätenkabinett in einem ungewöhnlichen Ort hinweisen. Verdient hätte es die 850-Seelen Gemeinde am Flüßchen Oste weißgott. Nicht nur, daß es dort kurioserweise nicht einen einzigen Bauern gibt - Osten ist seit Jahrhunderten traditionsreicher Handelsplatz -, der Ort hat noch mehr Eigenarten zu bieten, die in Europa ihresgleichen suchen. Mit Sicherheit dürfte das Buddelmuseum der Familie ten Doornkaat davon aber die am wenigsten trockene Angelegenheit sein...


Anne und Jan ten Doornkaat

Sinnigerweise sind es die Räume einer alten Korn-Brennerei, die eine hochprozentige Kollektion von über 4000 Flaschen aus aller Welt beherbergen. Tagelang, ja wochen- und monatelang könnte man sich durch diese Flaschen-Galerie trinken auf einer Reise nach „Delirien", denn neun Zehntel der Schaustücke weisen noch unangetastet und versiegelt die Originalfüllung auf. Nebenbei durchläuft man dabei die Ideengeschichte der Schnaps- Verpackungen, vorausgesetzt, man bleibt lange genug aufnahmefähig.

Charakterfeste Gemüter stellen auch so fest, daß sich die Produzenten der Prozente einiges einfallen ließen, um ihre Tropfen an den Mann zu bringen. Alles, was Natur und Technik an Formen hergeben, diente ihnen als Vorbild für ihre Gefäße. 

Das Geburtshaus von Shakespeare, das Kühlhaus eines Atomkraftwerks, eine Bockwindmühle, der schiefe Turm von Pisa noch ein wenig schiefer als sonst - wen wundert's bei dem berauschenden Inhalt. Katzen, Adler, Truthähne, Seehunde, Piraten, Schwarzwaldmädel, Micky Maus, der Hamburger Hummel, Napoleon und der späte Elvis - „wie im Leben bis zum Stehkragen voll mit Bourbon", bemerkt Jan ten Doornkaat trocken. Eine kleine Geschichte der Automobile, alte Telefone, der Santa-Fe-Expreß - ohne anregende Füllung geht es nicht.


Anne und Jan ten Doornkaat

Die Familie ten Doornkaat hat diese hochexplosive Mischung zu einzelnen Motivgruppen zusammengefaßt, nach Ländern und landestypischen Getränken sortiert. Da gibt es einen richtigen kleinen Zoo, Gebäude bilden eine kleine Stadt, Fußbälle sind dem Bereich Sport zugeordnet, Antikes steht neben der Heiligenecke. 

Ein anderes Regal („unser Beitrag zum Frieden") löst den gesellschaftspolitischen Konflikt mit eigenen Mitteln: Blaue und grüne Flüssigkeiten hat man in gläserne Colts und Karabiner gegossen, nach deren Genuß die Treffsicherheit unter Garantie nachläßt, Infanteristen halten standhaft Wacht, obwohl sie dieses Quantum längst hätte in die Horizontale zwingen müssen, und eine Bombe versteckt sich fast schamhaft hinter ihren kriegerischen Verwandten, als ob sie wüßte, daß von ihr eine Gefahr nur für den klaren Verstand des Anwenders ausgeht.

Jan ten Doornkaat Koolman, ein Abkömmling aus der bekannten holländischen Dynastie von Kornbrennern, und seine Frau Anne tragen seit 30 Jahren zusammen, was ihnen an Schnapsgefäßen zwischen die Finger kommt. Über ein Vierteljahrhundert lang, von 1953 bis 1970, haben sie selbst noch in der 1825 gegründeten Brennerei Hochprozentiges destilliert, manchmal 84 verschiedene Branntweinsorten zur gleichen Zeit. Eine fast komplette Destille im hinteren Raum des Museums erinnert noch an diese Tätigkeit. Dort stehen Gärbottiche, Kompreßpumpen, Etikettiermaschinen, Korkengeräte, Obstpressen und Abfüllapparate, wie sie bereits zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in Betrieb waren.

Schnapsbrenner Jan ten Doornkaat, wenige sollen ihn bisher ohne Schippermütze gesehen haben, spart nicht mit „Döntjes" über seine Lieblingsbuddeln, wenn er selbst Besucher führt. Die haben ihre eigenen erklärten Lieblinge: Flaschen mit „Musikvorrichtungen", die beim Ausschenken des Schnapses Töne von sich geben, eine magische Flasche von Bols, die sich selbsttätig auf dem Tisch bewegt, um damit lästigen Gästen einen erhöhten Alkoholspiegel vorzugaukeln. Staunen ruft immer wieder eine große Birne hervor, die man am Baum in eine bauchige Flasche hineinwachsen ließ, und noch mehr Staunen ein handgroßer Waran in einem chinesischen Hirsebranntwein. Ihm werden wohl bestimmte Heilkräfte zugeschrieben.

Die älteste Flasche, rund 100 Jahre alt, ist einer Nachtwächterlampe nachgebildet und mit Kümmellikör gefüllt, und eine der seltensten ist zweifellos eine Schmuggelflasche aus der amerikanischen Prohibitions-Ära. Auf ihr verkündet ein Schriftzug wenig glaubhaft: „Absolutely pure milk".

Aus:Peter Becker / Manfred Kunst: "Originelle Museen in Norddeutschland. Ein Wegweiser", Kabel, Hamburg; 1985.

www.osten-oste.de
www.schwebefaehre.org
www.buddelmuseum.osten.oste.de