Auch Esel und Dampfwalze 
schwebten über den Fluß 
Ihr widerfuhr das gleiche Schicksal wie einem Menschen in entsprechendem Alter: Mit exakt 65 Jahren wurde sie in den Ruhestand versetzt, kam im wahrsten Sinne des Wortes „zum alten Eisen", ohne allerdings auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen. Und damit schnitt sie weit besser ab, als die meisten ihrer menschlichen Schicksalsgenossen. 

Geschäftstüchtige Bürger erwirkten nämlich noch 1974, im Jahr der Stillegung, daß ihr stolzes Wahrzeichen, dem sie liebevoll und werbewirksam zugleich den Kosenamen „Liegender Eiffelturm" verliehen hatten, unter Denkmalschutz gestellt wurde. So konnte die Schwebefähre Osten sich das Privileg an die mächtigen Stahlstreben heften, als erstes technisches Baudenkmal Niedersachsens anerkannt worden zu sein. 

Nähert man sich dem Ort am rechten Ufer der Oste, wird die Dorfidylle mit der stattlichen Kirche von der rechteckigen Konstruktion wie von einem überdimensionalen Bilderrahmen umschlossen. Ein Gemälde voller Gegensätze ist offensichtlich auch das Geheimnis dieser funktionierenden Ehe, die schon so lange währt und 1984 bei einem Volksfest aus Anlaß der „Eisernen Hochzeit" erneuert wurde. 

Osten ist ohne seine Schwebefähre nicht denkbar, und die Schwebefähre wäre nichts ohne sein geschichtsträchtiges Wirtschaftszentrum an der Oste. Im vergangenen Jahrhundert blühten hier Handel und Wandel. Von den zwanzig hier ansässigen Ziegeleien kamen die Bausteine, mit denen Hamburgs Innenstadt nach dem Großen Brand von 1842 wiederaufgebaut wurde. In Osten gab es eine Goldschmiede und fünf Werften. Noch 1858 schickte man ein eigenes Walfangschiff auf die Reise. Aber wenn der Fluß Oste, die Lebensader der Gemeinde, im Winter Treibeis führte oder gar zufror und der Fährkahn nicht verkehren konnte, geriet die Betriebsamkeit in dem Ort mit seinen 650 Einwohnern ins Stocken.

Den Wohlstand mag man wohl als Ursache für den großen Wagemut der Ortsgewaltigen ansehen. Statt wie von der Firma MAN vorgeschlagen, eine Drehbrücke zu bauen, beauftragte man 1899 in einer Zeit aufblühender Ingenieurkunst einen Schüler Gustave Eiffels, den Diplomingenieur Pinette, eine Schwebefähre zu entwerfen. So entstand 1908 für 286000 Goldmark über der Oste mit den stattlichen Maßen von 38 Metern Höhe und über 80 Metern Länge ein ungewöhnliches Bauwerk. 

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte 600 Jahre lang ein Fährpram die Aufgabe erfüllt, den regen Wirtschaftsverkehr auf der heutigen Bundesstraße 495 zwischen Osten und dem Nachbarort Basbeck aufrechtzuerhalten. Das Fährprivileg mußte dem damaligen Fährbesitzer Drewes teuer abgekauft werden. Wie so häufig in diesem Beruf handelte es sich um einen Sonderling, der trotz seines Reichtums zeit seines Lebens unter der Angst litt, arm zu sterben. Von ihm macht noch heute das Wort die Runde, er werde sicher noch mal mit dem „Kessel nach Portland" gehen, also nach Essensresten bei der ortsansässigen Zementfabrik anstehen müssen. 

Die Einnahmen der neuen Fähre warfen in jedem Jahr einen beträchtlichen Überschuß ab. Gußstahl und Thomaseisen mit einem Gewicht von 252 Tonnen waren in dem metallenen „Vierbeiner" gebunden, 34 Tonnen wog allein die Gondel, die sich an einem starren Gittergerüst von zwei Elektromotoren getrieben in etwa drei Minuten über den Fluß bewegte. Bei Windstille konnte sie bis zu 140 Personen befördern und dazu Fahrzeuge mit einem Gesamtgewicht von 18 Tonnen. 

Ein Blick auf den von einem „Regierungs-Präsident Graf von Berg" unterzeichneten Fährtarif von 1909 wirft Schlaglichter auf die Lebensumstände der ersten Fährbenutzer. Pro Person waren 5 Pfennig zu entrichten, für ein Stück Großvieh (Pferd, Füllen, Stier, Ochse, Rind, Maultier, Esel) 15 Pfennig, für Federvieh „welches getrieben wird" je angefangene zehn Stück 10 Pfennig und für Gegenstände wie Kinderwagen und Hundefuhrwerke 5 Pfennig. Ein Zweispänner und der noch seltene Kraftwagen kosteten schon 60 Pfennig. Freie Überfahrt konnten „anerkannt arme Leute" in Anspruch nehmen, wobei die Preisliste die Antwort schuldig bleibt, welche Kriterien zu besagter Anerkennung führten. 

Als die Fähre 1974 nach 23634 Tagen treuer Diensterfüllung ohne Urlaub und „Krankfeiern" (darin unterscheidet sie sich von ihren menschlichen Pensionärskollegen) nach dem Brückenbau aufs Altenteil geschickt wurde, waren die zuletzt gültigen Fährtarife auch noch durchaus erschwinglich. Personen, die nur mal das Ufer wechseln wollten, hatten 15 Pfennig zu zahlen, der Drahtesel, der das Maultier ersetzte, kostete 25 Pfennig und der Tarif für „des Deutschen liebstes Kind", das Auto, bewegte sich zwischen 1,30 DM und 1,80 DM. Eine Dampfwalze war auch gebührenmäßig der dickste Brocken. 12,50 DM flössen in die Geldtasche des Fährmannes. 

Von Armenbefreiungen ist heutzutage nicht mehr die Rede.
Aber heute rühmt sich die Schwebefähre, touristischer Hauptanziehungspunkt des Kreises Land Hadeln an der Unterelbe zu sein. Pläsier bereitet es, zwischen zwei Stück Kuchen im anliegenden Hotel „Fährkrug" ganz exklusiv eine Fährfahrt zu buchen, hin und zurück für eine Mark, und während der gemächlichen Überfahrt Dohlen und Turmfalken zu beobachten, die das mächtige Stahlgeflecht als Brutplatz auserkoren haben.

Aus: Peter Becker / Manfred Kunst: "Originelle Museen in Norddeutschland. Ein Wegweiser"; Kabel, Hamburg; 1985.

www.osten-oste.de
www.schwebefaehre.org