Osten und die untere Oste
Aus dem Buch "Zwischen Niederweser und Niederelbe" von Friedrich Kühlken (1950)
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Die untere Oste Der größte Fluß des Regierungsbezirks Stade ist die Oste, die oberhalb von Bremervörde rund 1000 qkm entwässert. Der der Flut zugängige Unterlauf reicht bis zu dieser Stadt, und größere Busch- und Torfkähne können den Fluß bis dorthin befahren. Auf dieser ganzen Strecke von der Mündung bei Belum bis zur Bremervörder Ostemühle kreuzte früher keine Brücke das Wasser. Erst bei Anlage der Unterelbebahn wurde die 150 m lange Eisenbahnbrücke bei Hechthausen erbaut. Zu ihr gesellte sich in nächster Nähe die um 1930 errichtete, neuzeitliche Betonbrücke im Zuge der Bundesstraße 73 von Harburg nach Cux-haven. Damit hat der umständliche, aber einträgliche Fährbetrieb an dieser wichtigen Übergangsstelle im Zeitalter der Motorisierung endlich ein Ende gefunden, wenn auch die Erhebung eines Brückengeldes noch ein wenig an die alten Zustände anklingt. Zwischen Bremervörde und der von links einmündenden, viel gekrümmten Mehe, die aus einer 160 qkm großen, öden Moor- und Heidewildnis kommt, durchströmt der Fluß ein schmales Niederungstal. Nur streckenweise schützen es kleine Deiche gegen die Fluten. Mit Deichbrüchen und Überschwemmungen haben die Bauern auf der Geestinsel Nieder-Ochtenhausen und in den auf dem Geestrande liegenden Haufendörfern wie Gräpel u. a. bei Nordweststurm und entsprechend hohem Wasserstand in der Elbe immer zu rechnen. Dann wird das Ostetal unterhalb von Bremervörde noch oft zu einem See. Nach der Einmündung der Mehe wird die Oste 70 m breit. Nun begleitet Marschboden den Fluß, an den hie und da noch die Geest herantritt. Eben oberhalb von Hechthausen beginnen dann beiderseits des Flusses die Deiche, die an der Ostemündung in die Elbdeiche übergehen. Bis hierher und bis Großenwörden, zwei Haufendörfern, die im Mittelalter zum nahen Kloster Himmelpforten in enger Beziehung standen und später zu diesem Klosteramte gehörten, reicht von der Elbe her die Ostemarsch. |
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Die Ostemarsch und ihr Siedlungsbild Bei Großenwörden treten wir in die eigentliche Ostemarsch ein, die sich zwischen den Rändern der Lastender Borde bzw. der Winkst und dem Kehdinger Moor zu immer größerer Breite entwickelt. Sie bildet dann mit dem Lande Kehdingen eine natürliche Einheit. Kehdingbruch, dicht an der Hadelner Grenze, Kadwisch und Cadenberge verraten schon durch ihre Namen, daß die Ostemarsch nördlich der Wingst ursprünglich ebenfalls als Kehdingen bezeichnet wurde. Unterhalb von Großenwörden ändert sich
nun das Siedlungsbild. Außer dem Kirchdorfe Osten gibt es auf dem
rechten Osteufer keine Dörfer. Die Siedlungen bestehen hier, ähnlich
wie in Nord Wursten oder im Lande Hadeln, aus Einzelhöfen. Sie folgen
in Reihen oder Strichen auf dem Hochlandt dem Deiche, binnenwärts
Wasserzügen, Wegen bzw. Straßen und sind Bauerschaften. Die
Kolonisation des Wässerlandes zwang eine Reihe von Bauern zu gemeinsamem
Bau von Gräben, Wettern und Deichen, zu einem Deichverband und damit
zu
In der Ostemarsch waren die freien Grundbesitzer, die Hausleute oder Erbexen, in der Mehrzahl. Diese Freiheit schloß das Jagd- und Fischereirecht ein. Im Gegensatze zu den roßpflichtigen Edelleuten hatten sie aber an den erzbischöflichen Landesherrn und auf sein Schloß zu Neuhaus den Pflugschatz als Grundsteuer zu leisten. Ein Pflug entsprach 5 — 6 auf dem Hofe gehaltenen Pferden. Die auf Adels- oder Kirchenland sitzenden, ebenfalls schatzpflichtigen Meier hatten zudem einen Grundzins und einige andere, nicht sehr drückende Abgaben an ihren jeweiligen Grundherrn zu entrichten. Der Ackerbau stand in der Wirtschaft voran, besonders auf dem Hochlande. Weizen, Hafer, Roggen, Gerste und Bohnen wurden angebaut. Diesen Anbau schützten die Deiche. Kam bei Sturmfluten das Land unter Wasser und konnten die Deichbrüche nicht bald geschlossen werden, so war es mit Säen und Ernten vorbei. Dann begannen Zeiten der Not. Die Lasten wurden unerschwinglich, und den pfändungen der Steuerrückstände folgten oft Konkurse und das End am Bettelstab. Die Viehzucht stand an zweiter Stelle. Einige Adelsfamilien, deren ältestes und vornehmstes Geschlecht die von Brobergen waren, hatten Anteil an der fruchtbaren Marsch und besaßen in allen Kirchspielen Höfe. In Osten hatte der Erzbischof die Herren von Rönne mit dem Richteramt erblich belehnt, das sie lange innegehabt haben. Im Kirchspiele Oberndorf saßen neben den von Brobergen die von Issendorf und Bremer. Es erwies sich aber, daß manche Hausleute dem Adel trotz seiner Vorrechte wirtschaftlich überlegen waren. Durch zähen Fleiß, aber auch durch Ziegelbacken und Brennen oder durch Vieh- oder Kornhandel kamen sie zu Geld, und Höfe, Windmühlen oder Ostefähren gingen aus adligem Besitz in bäuerliche Hände über. Abgesehen von Neuhaus und Belum, von Hechthausen und Großenwörden liegen in der Ostemarsch drei große Kirchspiele. Das älteste ist wahrscheinlich Geversdorf, früher Geuersdorpe geschrieben. Es ist die Mutterkirche des Nordens, von der die Kirchen zu Neuhaus, zu Belum, zu Kehdingbruch und Oberndorf abgezweigt worden sind. Oberndorf, früher Averendorp oder Aurendorpe genannt, ist das jüngere, oberhalb von Geversdorf gelegene Kirchdorf. Das Kirchspiel liegt beiderseits der Oste, und die bis ans Moor reichende Kehdinger Seite mit Bentwisch und Niederstrich liegt besonders niedrig. Große Deichbrüche an der Elbe, wie der zu Wischhafen, setzten auch hier das Land jahrelang unter Wasser. Die Einwohner des Pfarrortes - von Ahn, Ahlf, Föge, Gooß, Junge, Kröncke, Oellrich, Schmelcke, Schmarje, Steffens, Stüven oder Stuben sind alte Oberndorfer Familiennamen - waren Handwerker und Schiffer, zum Teil auch wohlhabende Haus- und Kaufleute. Handel mit Korn und Steinen wurde besonders mit Hamburg betrieben, und aus Hamburg eingeführtes Bier unterlag nicht der Akzise, wenn es für den Hausgebrauch bestimmt war. Hafer und Gerste brachten die Oberndorfer Schiffer viel nach Bremervörde. Das Alter der Kirche, die 1653 durch einen Neubau ersetzt werden mußte, liegt im Dunkel. Die Angehörigen der drei Adelsfamilien wurden in ihr bestattet. Ihre Höfe sind inzwischen in bäuerlichen Besitz übergegangen. |
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Das Gericht Osten In Osten oder "to der Osten" errichteten 1305 Bremer Domherren eine Kapelle oder Kirche. Um sie herum entwickelte sich auf Grund und Boden der Gemeinde Altendorf ein Haufendorf, das auch einfach "Kirchdorf" oder "Kirchosten" genannt wurde. Mit Kirchosten bezeichnete man auch wohl den ganzen Pfarrsprengel. Die reich mit Landpfründen ausgestattete Kirche, an der ein Rektor und Vikar tätig waren, gehörte dem Kirchspiel. Ein Deichbruch zerstörte sie. Daher wurde sie nach ihrem heutigen Standorte verlegt und hier 1396 wieder aufgebaut. 1745 erstand dort das heutige Gebäude. Um diese zweite Kirche entwickelte sich von 1400 an ein Dorf, dessen Friedhof als Thing- und Gerichtsstätte diente und das auch wirtschaftlich zum Mittelpunkte des umliegenden Gebietes wurde. Gewerbe treibende Kölner oder Meier bauten sich hier auf grundherrlichem Boden, besonders auch auf Kirchenland, an. Kramer, Kornverkäufer und Schiffer, Kroger, Molter und Weißbäcker, Schuster, Schneider und Leineweber, Schmied, Rademacher und Zimmermann: alles, was jene Jahrhunderte handwerklich zu bieten hatten, saß eng gedrängt um diese Kirchen- und Gerichtsstätte. Die "nige Fähre", 1423 schon erwähnt, verband Osten mit dem linken Ufer, und eine rege betriebene Fischerei erbrachte gute Erträge an Stör, Lachs und Flußaal. 1657, in der Schwedenzeit, zählte man im Orte 53 Hausbesitzer, und als "Königlich Schwedisches Gericht Osten" nahm Osten im Amte Neuhaus eine Sonderstellung ein. Nach all den Elendsjahrcn, die der 30jährige Krieg und die nachfolgenden unruhigen Jahrzehnte auch hier mit sich brachten - die umstrittenen festen Plätze Stade und Bremervörde lagen nahe -, blühten Landwirtschaft, Ziegeleien und Schiffahrt nach 1719 unter Hannover lebhaft auf. Daher gab es in Osten neben den alten Handwerkern um 1750 einen Arzt, einen Tierarzt und eine Apotheke. Goldschmied, Uhrmacher und Zinngießer, aber auch ein Steuereinnehmer lassen ansteigenden Wohlstand des Bauerntums erkennen, und ein Rechtsanwalt verrät, daß am "Gericht Osten«" prozessiert wurde. Bezeichnend ist es auch, daß 15 Bauern - Osten war nun auch Alterssitz bäuerlicher Altenteiler größerer Höfe - unter Führung zweier Kaufleute im Jahre 1800 den Walfänger »Die Hoffnung« ausrüsteten und ins Nördliche Eismeer schickten. Die Unternehmung brachte ihnen sogar 20% Gewinn ein. Es erfolgte der wirtschaftliche Niedergang der Napoleonischen
Zeit. 1825 wurde zudem auch das Kirchspiel Osten überschwemmt. Trotz
solcher Rückschläge und einer starken Auswanderung nach Stade
wie Hamburg, vor allem aber nach Nordamerika, zählte der Ort 1842
im Ganzen 140 Häuser (1809
1850 wurde Osten Sitz eines Amtes und Amtsgerichts. Als
1884 die preußischen Kreise eingerichtet wurden, kam das Landratsamt
nach Neuhaus. Osten hatte gleiches Gewicht. Nur seine Lage jenseits des
Flusses und der bei Treibeis schwierige Zugang zum Ort entschieden gegen
seine Wahl als Kreissitz.
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