MODERNES LEBEN

Tupperdosen 
ohne Chance

Ein wunderliches Spiel gewinnt weltweit Anhänger in Scharen: Schatzsuche im Gelände mit Navigationscomputern.

Nicht erschrecken, wenn im Wald plötzlich ein Mann aus dem Unterholz kracht, in der Hand ein piepsendes Gerät! Nicht wundern, wenn er zum nächstbesten Baum rennt und versucht emporzuklettern! Alles nur ein Spiel. Der Mann ist auf der Suche nach einer Tupperdose mit Gummibärchen drin oder einem Autoquartett.

Das muss ein großes Vergnügen sein. Eine wachsende Gemeinde ist ihm weltweit verfallen. Die Schatzsuche im Gelände, auf Neudeutsch "Geocaching", hat enormen Zulauf. Die Beute, genannt Cache ("Käsch"), kann überall verborgen sein: im Mauerloch einer Burgruine, in einem hohlen Baumstumpf, unter einem Stein. Meist ist es eine wasserdichte Plastikdose, die billige Preziosen birgt, dazu ein kleines Logbuch, in dem der Finder sich einträgt.

Die Weltzentrale der Bewegung ist im Internet unter www.geocaching.com angesiedelt. Alle Verstecke sind dort verzeichnet. Wer eines eingerichtet hat, meldet einfach die Ortsdaten mit Längen- und Breitengrad an. Und schon kommen von allen Seiten die Jäger herangepirscht - ausgerüstet mit kleinen GPS-Empfängern, die ihnen per Satellitenortung den Weg zum Ziel weisen: Ein Pfeil auf dem Monitor zeigt Himmelsrichtung und Distanz.

Vergangene Woche waren bereits 44 319 Verstecke in 162 Ländern registriert; rund tausend kommen jede Woche hinzu.

Alle Erdteile sind befallen. Sogar in China sind 42 Caches versteckt und 6 in der Antarktis. Dort winken dem Abenteurer unter anderem Ersatzschnürsenkel, ein Erdbeerriegel und eine Lupe zum Feuermachen - wer etwas entnimmt, legt nach guter Sitte eine Kleinigkeit für den nächsten Finder in den Behälter, schreibt ein paar Zeilen ins Buch und zieht weiter.

Die moderne Variante der Schnitzeljagd ist offenbar so unwiderstehlich, dass die Schatzsucher hie und da schon übereinander stolpern. Kerstin Ahrweiler aus Dormagen, noch kein Jahr dabei, trifft auf der Fahndung nach Verstecken immer öfter Leute im Gelände mit seltsam irrendem Blick. "Dann sehe ich das GPS-Gerät in der Hand", sagt sie, "und weiß Bescheid."

Schatzsucherin Ahrweiler hat bereits 344 Verstecke geknackt. Stets mit dabei: Ehemann Marco, ehedem ein Spaziergangsmuffel, nun auch er "richtig süchtig". Die Ahrweilers wählen schon ihre Urlaubziele nach größtmöglicher Cache-Dichte vor Ort. Nach Andorra, Belgien, Spanien führte bislang die Jagd. Dieses Jahr geht es in die USA, das Heimatland des Geocaching, das bekannt ist für unvergleichlich reiche Beute.

Es lockt das alte Glück des Einkreisens und Aufspürens in freier Natur - nun zu erleben im Bund mit neuester Technik: Die Abenteurer von heute rollen mit dem Auto ins Zielgebiet, schalten auf dem Parkplatz den GPS-Empfänger ein, und dann ab ins Ungewisse. Dabei leitet sie verlässlich die milliardenteure Flotte der 27 GPS-Satelliten, die um den Planeten kreisen: Punktgenau wird die Beute angepeilt. Die Tupperdose hat keine Chance.

Meist sind es Menschen aus Computerberufen, die dem Zauber der Himmelstechnik erliegen. Viele von ihnen wagen sich nun erstmals richtig nach draußen. Und siehe da: Mit einem Monitor stets vor Augen ist es gar nicht so schlimm.

Jetzt haben endlich all die herrlichen GPS-Computer, die seit Jahren verkauft werden, etwas Sinnvolles zu tun. Die tragbaren Geräte gibt es schon von hundert Euro aufwärts, aber ihr Nutzen war bislang begrenzt: Sie führen den Besitzer überall hin - allein was soll er dort? Nun ist die Antwort da, und sie hat in einer Tupperdose Platz. Die Menschen sind glücklich, wenn sie am Ziel einen Bleistiftspitzer bergen dürfen oder einen Eiskratzer fürs Auto.

Manche Fundorte erfordern aber durchaus Opfermut. Zu den entlegensten Verstecken zählen eine Sanddüne in der libyschen Wüste, eine versunkene Barkasse vor den Bimini-Inseln oder ein Geröllfeld in Lappland - zu erreichen nur über eine dreitägige Gebirgswanderung, einschließlich der Errichtung eines Basislagers am Fuß des Bårddetjåhkkå. Auf dem Gipfelanstieg wartet dann irgendwo der Schatz (falls es jemand versuchen will: einfach N 67° 09.439 E 017° 37.522 ins Navigationsgerät eingeben).

Andere Verstecke sind durch verzwickte Rätsel gesichert. Da führen etwa die Koordinaten zunächst nur zu einem Schuppen, wo es gilt, die Zahl der Türnägel in eine trigonometrische Formel einzusetzen. Das Ergebnis liefert dann die wahren Ortsdaten.

Das Spiel ist erst am Anfang; wer weiß, was den Aktivisten noch alles einfällt. Sicher ist nur: Die Erfinder der GPS-Technik hätten sich diese Art von Erfolg nicht träumen lassen. Als das US-Militär in den Siebzigern die ersten Ortungssatelliten in den Himmel schoss, dachte niemand an eine zivile Nutzung. Lange Zeit war der Empfang für Zivilisten sogar künstlich vergröbert. Im Mai 2000 aber schaltete der damalige US-Präsident Bill Clinton diese Schikane ab, und sofort nahm die Bewegung des Geocaching ihren Lauf.

Mit dem GPS für alle geht unbemerkt ein Zeitalter zu Ende: Es gibt kein Irgendwo mehr. Von nun an hat jeder beliebige Punkt auf Erden, jeder Felsblock und jeder Baumstumpf, eine genaue Adresse, die jedes GPS-Gerät versteht. Die Geocacher halten gelegentlich schon Überraschungstreffen ab, von denen die Besucher nur die Koordinaten erfahren. Sie lassen sich dann von ihren Geräten hinführen.

Das Publikum wird unterdessen immer bunter. In den USA stoßen zunehmend Eltern mit Kindern hinzu. Als Schatzsuche bekommt der Sonntagsausflug eine ganz neue Würze.

Damit wird das Geocaching vollends ein Faktor für den Tourismus. Die ersten US-Naturparks haben bereits angefangen, Tupperdosen zu vergraben. Nun warten sie, bis die Besucher neuen Typs sich heranpirschen - die GPS-Geräte fest im Blick und immer dem Pfeil hinterdrein.

MANFRED DWORSCHAK