Alfred Vagts
und Hemmoor

Auszüge aus Berichten
unserer Websites
www.hemmoor.info
www.oste.de
seit Oktober 2003


Literatur

Die Dichter und
die Schwebefähre


Vagts-Neffe Peter Schütt

24. 10. 2003. Die Schwebefähre zwischen Osten und Basbeck hat in den  vergangenen Jahrzehnten bekanntlich viele Dichter und Schriftsteller fasziniert - darunter nicht nur in der Region bekannte Autoren wie den früheren Ostener Chronisten Richard Rüsch, sondern auch Prominente wie Peter Rühmkorf. Unsere Bitte, uns auf weitere literarische Werke hinzuweisen, die sich mit der Schwebefähre befassen, ist auf erfreuliche Resonanz gestoßen. Der Schriftsteller Peter Schütt - selber Autor zweier Gedichte zum Thema - machte uns auf Texte seines Onkels Alfred Vagts und seines russischen Freundes Rady Fish aufmerksam. ... Sämtliche Texte zum Thema stehen in der Rubrik LITERATUR der Website schwebefaehre.org.
 

Der Dinosaurier 
über dem Fluss 

Aus den unveröffentlichten Memoiren von Alfred Vagts (ca. 1960) 

Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, war klein und hatte nur eingeschossige Häuser. Und doch hatte ich es in meiner Kindheit mit Riesen und Ungeheuern zu tun. Vor dem Fenster meiner Schlafkammer erhob sich riesengroß die väterliche Windmühle. Wenn sie im Sturm mit ihren Mühlenflügeln wild um sich schlug, dann hatte ich das ängstliche Gefühl, ein Zyklop wollte mit seinen Armen nach mir greifen. 

Noch ungeheuerlicher und vorsintflutlicher erschienen mir jedoch die eisernen Fußstelzen der mächtigen Schwebefähre, die während meiner Kindheit zwischen Basbeck und der Nachbargemeinde Osten über den Ostefluss gebaut wurde. Sie war in meinen Augen so etwas wie ein Dinosaurier. Zwei klobige Tatzen standen diesseits des Flusses im Sumpf, zwei auf der anderen Seite. Dazwischen war das eiserne Rückgrat gespannt, an dem sich die Gondel von einem Ufer zum anderen herüberhangelte. 

Nach dem Krieg, als ich in Hamburg forschte und lehrte, habe ich meine Freunde aus der großen Stadt gern mit zu einer Reise in meine niederelbische Heimat genommen. Mühle und Fähre wurden ehrfürchtig bestaunt. Das technische Wunderwerk der Schwebefähre, das inzwischen sogar Automobile über den Fluss transportierte, löste bei den Hamburger Soziologen und Politologen viel Verwunderung aus. 

Ganz anders reagierten dagegen meine Künstlerfreunde, die zuweilen aus Bremen und Worpswede zu Besuch herüberkamen. Sie konnten mit der kühnen Eisenkonstruktion nichts anfangen, vermissten Backstein und Fachwerk und ließen sich auch nicht dazu überreden, ein Bild der Fähre zu malen, obwohl der sanfte Fluss darunter ganz nach ihrem rustikalem Geschmack war. Wenn ich vor dem Krieg in den Semesterferien zu Hause, schwebte ich gern herüber nach Osten zur jüdischen Familie Philippsohn in Osten. Mit dem Sohn hatte ich einige Jahre zusammen die Vossische Lateinschule in Otterndorf besucht, mit der Tochter hatte ich gern mehr getauscht als nur Blicke. Ich nannte sie meine norddeutsche Sqaw. Vielleicht war es ihretwegen, weshalb mir jedes Mal, wenn ich mit der Schwebefähre von einem Ufer zum anderen schwebte, das Herz bibberte. 


Literatur

"Straße nach
Vagts benennen"


Hemmoorer Autor Heiko van Dieken

November 2003. In seinem neuen Buch "Bombenkrieg und Kinderjahre" schlägt der Hemmoorer Autor Heiko van Dieken vor, eine Straße nach Alfred Vagts zu benennen. Der aus Basbeck stammende Windmüller-Sohn, ein "scharfsinniger Kritiker des Nazismus", war in die USA emigriert, hatte sich dort aber aus humanitären Gründen gegen eine Flächenbombardierung deutscher Großstädte ausgesprochen, wie van Dieken in seinem Buch schreibt. In den USA hatte der weltweit bekannte Wissenschaftler und Militarismuskritiker eine Reihe bedeutender militärhistorischer Werke verfaßt. ...


Hemmoor

Der "spiritus rector"
feierte 75.Geburtstag

3. 2. 2004. Der Schriftsteller Peter Schütt nannte ihn in einem Aufsatz über seine Heimat den "spiritus rector des Hemmoorer Literaturbetriebes". Am 2. Februar feierte der pensionierte Studienrat Heiko van Dieken seinen 75. Geburtstag. Aus diesem Anlaß widmete die NEZ ihm (und Ehefrau Ingeborg) ein von Respekt und Zuneigung geprägtes Porträt. ... Das Lehrerehepaar "prägt die kulturelle Landschaft" in und um Hemmoor, urteilt darin NEZ-Redaktionsleiter Hans-Henning Kruse.

Erst im Herbst 2003 hat van Dieken, von dem unter dem Titel "Marschbefehl und Krippenspiel" bereits vor einiger Zeit Jugenderinnerungen erschienen sind, in der Kulturdiele mit "Bombenkrieg und Kinderjahre" (De Utrooper-Verlag, Leer) Tagebuchnotizen aus seinen Schülerjahren vorgestellt, die vom Terror des Bombenkrieges geprägt waren. Auf dem Titelbild sind Todesanzeigen von Kindern wiedergegeben - so, wie der Vierzehnjährige sie damals für sein Tagebuch abgezeichnet hat.  Besonders wichtig war dem Autor der Hinweis, dass es auch in England Proteste gegen das so genannte "moral bombing" gegeben hat - etwa von dem anglikanischen Bischof George Bell.

Alfred-Vagts-Straße für Hemmoor?

Wahrscheinlich kann man dem Geburtstagskind keinen größeren Gefallen tun, als ihm einen Wunsch zu erfüllen, den er in seinem neuen Buch vorträgt: eine Straße in Hemmoor nach Alfred Vagts zu benennen. Der aus Basbeck stammende Windmüller-Sohn Vagts, ein "scharfsinniger Kritiker des Nazismus", war in die USA emigriert, hatte sich dort aber aus humanitären Gründen gegen eine Flächenbombardierung deutscher Großstädte ausgesprochen, wie van Dieken in seinem Buch schreibt. In den USA hatte der weltweit bekannte Wissenschaftler und Militarismuskritiker eine Reihe bedeutender militärhistorischer Werke verfaßt. ...
 

Wer war Alfred Vagts? 

Alfred Vagts, Lyriker und Historiker, wurde 1892 als Sohn des Windmüllers in Basbeck geboren. Er besuchte zunächst die "Vossische" Lateinschule in Otterndorf, machte sein Abitur in Hannover und ging dann zum Studium nach München, wo er rasch in Kontakt mit den führenden Repräsentanten des Expressionismus kam. In der Zeitschrift "Aktion" veröffentlichte Vagts, seit 1915 Kriegsteilnehmer, regelmäßig Gedichte gegen den Krieg, die er bei Kriegsende zu einem eigenen Band zusammenstellte: "Ritt in die Not". 1917 nimmt Alfred Vagts als Vertreter des "Rates der Offiziere" an den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk teil, 1919 beteiligte er sich aktiv an der Münchner Räterepublik, brach jedoch bald mit der radikalen Linken. In der Weimarer Republik arbeitete Vagts als Historiker am Hamburger Institut für auswärtige Politik. 1933 emigrierte er in die USA und lehrte später deutsche Geschichte an der Harvard University. Seine wissenschaftlichen und essayistischen Bücher, darunter sein Hauptwerk "History of Militarism", schrieb er durchweg auf englisch. 

Quelle: "Von Dichtern und Dörfern" (Peter Schütt)


Unternehmergemeinschaft

Wie kulturvoll
ist Hemmoor?

30. 7. 2004 ...Manch einem Besucher wurde wahrscheinlich erst an diesem Abend (Atelierbesuch der Unternehmergemeinschaft bei Frijo Müller-Belecke) klar, wie vielfältig das Schaffen Müller-Beleckes ist und wie sehr der Mann, der seit vier Jahrzehnten in Hemmoor wirkt ..., anderswo geschätzt und verehrt wird. Müller-Belecke leise: "Das weiss man in Hemmoor nicht."

Beim anschließenden Klönschnack war Gelegenheit, über die Gründe nachzudenken: Ist es einfach so, dass der Künstler, wie auch der Philosoph, im eigenen Lande generell nichts gilt? Oder aber hat die frühere Zementstadt - einzige Samtgemeinde weit und breit ohne Bücherei - nicht doch einen ganz besonderen Nachholbedarf in Sachen Kultur?

Kultur als Werkzeug des Stadtmanagements, Straßenkunst als identitätsstiftender Faktor gerade in einer Stadt aus der Retorte - auch solche  Stichworte fielen im Gespräch. Supermärkte allein, und seien es noch so viele, schaffen kein Stadt-Image (und wenn, dann eher ein negatives).

Dabei ist in der Region durchaus Kultur zu Hause. Aber warum zum Beispiel erinnert in Hemmoor nichts und niemand an die großen Geister, die der "heimlichen literarischen Hochburg" (so Peter Schütt) entstammen - von Alfred Vagts bis hin zu Peter Rühmkorf? Muss Hemmoor das Kulturelle tatsächlich, von Ausnahmen abgesehen, Orten wie Otterndorf und Bederkesa überlassen?  ...


Geschichte

Wer hat ein Foto
von Alfred Vagts?

5. 2. 2005. Alfred Vagts ist, neben Peter Rühmkorf, der bedeutendste Sohn von Basbeck und damit von Hemmoor. Wir würden gern ein Foto von der fast vergessenen Geistesgröße aus Basbeck zeigen, der "leading authority on military history", kennen aber keins. Wer kann weiterhelfen?

Die Mitarbeiter des interaktiven Web-Lexikons wikipedia.de haben mittlerweile eine Menge Fakten über Vagts zusammengetragen, einen Wissenschaftler von Weltrang, nach dem in Hemmoor allerdings noch nicht einmal eine Straße benannt ist...


Wissenschaftler

Gefunden: Bilder
von Alfred Vagts


Professor Alfred Vagts um 1970

10. 10. 2005. "Wer hat ein Foto von Alfred Vagts?" fragten wir vor einiger Zeit die Leser dieser Website in einem Bericht über den - neben Peter Rühmkorf - bedeutendsten Sohn der heutigen Stadt Hemmoor, der in seiner Heimat heute fast vergessen ist; Hemmoor ist bisher nicht einmal dem Vorschlag von Heiko van Dieken gefolgt, eine Straße nach dem international angesehenen Schriftsteller und Historiker zu benennen...

Vagts Werk umfasst wissenschaftliche und essayistische Bücher; sein viel beachtetes Hauptwerk war The History of Militarism, Civilian and Military. ...

Bis ins hohe Alter hielt er die Verbindung in seine niedersächsische Heimat aufrecht; so schrieb er unter anderem heimatgeschichtliche Beiträge für die Jahrbücher der "Männer vom Morgenstern".

Mittlerweile ist es Gerald Tielebörger (Unternehmergemeinschaft Hemmoor / AG Osteland) gelungen, den einzigen Sohn von Alfred Vagts in den USA aufzuspüren. Professor Detlev Vagts, der internationales Recht in Harvard lehrt, zeigte sich in Briefen an Tielebörger erfreut über das Hemmoorer Interesse an seinem Vater, dessen 20. Todestag im kommenden Jahr ansteht, und stellte die erbetenen Fotos zur Verfügung.
 


Vagts mit Ehefrau 1938 in den USA

Lieber Herr Tielebörger

Thank you for your message of yesterday. You are correct in assuming that Alfred Vagts was my father (in fact I am his only child). The name Hemmoor is quite familiar to me since I often wrote to my aunt Erika Schütt at that address.

I have quite a few pictures of my father. Could you be a bit more specific about what you want?...

Please feel free to write me in German. Though it is easier for me to write this in English I read German without difficulty. Actually, after I have been in Germany for a few days I begin to feel fluent in the language again. I come to Hamburg from time to time to see friends and do work either with the new Bucerius Law School or with the Max Planck Institute of Comparative Law on the Miittelweg.

I've glanced hastily at the biography on the web. I would note that we left Germany in 1933 rather than 1932. Before my father achieved US citizenship his German citizenship was taken away by the Nazi government because of a "disloyal" lecture he gave at at Tufts University here in Massachusetts.

Mit freundlichen Grüssen

Detlev Vagts
Bemis Professor of International Law
Harvard law School



Osteland-Vorsitzender Tielebörger

Sehr geehrter Herr Professor Vagts,

herzlichen Dank für Ihre schnelle Antwort. Wir freuen uns sehr, den Sohn eines unserer großen Mitbürger gefunden zu haben. Und ich bin auch sehr erfreut, dass Sie gerne in Deutsch kommunizieren möchten. Ich hoffe jedoch, dass es nicht an meinem Englisch liegt. ...

Ich möchte Ihnen in kurzen Worten die ganze Geschichte erzählen. Wie ich Ihnen bereits mitteilte, bin ich Vorstandsmitglied in der Unternehmergemeinschaft Hemmoor. 'Unternehmergemeinschaft' war eines der wenigen Worte, für das ich mein dictionary benutzen musste. ... Der Webmaster unserer Website www.hemmoor.info, Herr Jochen Bölsche, hat die Daten über Ihren Vater zusammengetragen und so die Erinnerung an ihn mit neuem Leben erfüllt. Unser Ansinnen ist, die Erinnerung an ihn wach zu halten und den jüngeren Hemmoorern aufzuzeigen, welche grossen Söhne diese kleine und noch relativ junge Gemeinschaft hervorgebracht hat.

Auch möchten wir die Verantwortlichen dazu bewegen, eine Strasse in unserer Stadt nach Ihrem Vater zu benennen. Sollten wir erfolgreich sein, wäre es für uns eine grosse Ehre, Sie zu diesem Ereignis begrüssen zu können. Auf jeden Fall werden wir sehr engagiert dafür arbeiten.

Ihr Engagement an der ersten deutschen privaten Universität für Rechtswissenschaften in Hamburg und an dem renommierten Max-Planck-Institut nehme ich sehr interessiert zur Kenntnis. Auch die Details über den Zeitpunkt Ihrer Emigration aus Deutschland und die Gründe der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft Ihres Vaters.

Lieber Herr Vagts, wenn es jemanden gibt, der den Wert einer Photographie seines Vaters beurteilen kann, dann sind es sicherlich Sie selbst. Bitte suchen Sie ein oder zwei Bilder aus, die Ihren Vater so zeigen, wie er war. So wie Sie ihn gesehen haben und gemocht haben...

Mit freundlichem Gruss über den 'grossen Teich'

Gerald Tielebörger


Lieber Herr Tielebörger

Today I am putting a set of photographs of Alfred Vagts in the mail. The one that shows him with his wife was taken around 1938 when he was 46.

The others of him alone were taken in 1970 when he was 77. You can with modern technology blow them up to any size that suits your purposes. It's interesting that when I am come to Hamburg I keep seeing people who looklike him.

Mit freundlichen Grüßen

Detlev Vagts


Schriftsteller

Promovieren
über Vagts

3. 8. 2006. Das offizielle Hemmoor schweigt ihn tot, nicht einmal eine Straße ist nach ihm benannt. Doch anderswo erfährt der Basbecker Müllersohn, Dichter, Pazifist und Militärwissenschaftler Alfred Vagts (1892 - 1986) hohe Beachtung.

Zur Zeit entstehen über den bedeutendsten Sohn Hemmoors mehrere Doktorarbeiten, wie der aus Hemmoor stammende Schriftsteller Peter Schütt beim jüngsten Treffen der Religionspädagogischen Arbeitsgemeinschaft Hemmoor mitteilte.

Nach einem NEZ-Bericht über das Treffen war Vagts dem deutschen Widerstand eng verbunden. Zugleich widersetzte er sich, wie Heiko van Dieken in der Sitzung vortrug, in den USA der Flächenbombardierung deutscher Städte. ...


Theater

Schleswig zeigt
Basbecker Stück

16. 2. 2006. Kommt der große niederdeutsche Schriftsteller und Stückeschreiber Hermann Boßdorf, der zeitweise in Warstade als Telegrafenassistent gewirkt hat, wieder in Mode? Die Schleswiger Speedeel hat jetzt das an der Oste entstandene Boßdorf-Stück "De Fährkroog" wieder aufgeführt. ... Im Hemmoorer Heimatmuseum informiert eine Boßdorf-Stube über den Dichter.

An die anderen literarischen Berühmtheiten aus der Stadt - vor allem Peter Rühmkorf und Alfred Vagts - erinnert leider nichts und niemand mehr in Hemmoor, das offenbar noch immer ein Problem hat, sich als jene literarische Hochburg zu begreifen, die sie schließlich auch einmal war.


AG Osteland

Goldstaub
im Osteland

21. 5. 2006. "Oste - Fluß der großen Dichter" war der Titel einer zehnstündigen Exkursion der AG Osteland. Die "Literatour" führte am Wochenende vierzig Kulturinteressierte unter der Leitung von Karin Harms und Renate Wendt von Hemmoor über Bremervörde bis in das "Haus Kreienhoop" des Schriftstellers Walter Kempowski in Nartum (Kreis Rotenburg/Wümme).

Das Land an der Oste, resümierte Jochen Bölsche, der Vorsitzende des Osteland-Arbeitskreises Kultur, sei nicht nur Heimat von "Giganten der Geisteswelt" wie Walter Kempowski oder dem in Warstade aufgewachsenen Dichter Peter Rühmkorf. Vielmehr finde sich überall im Einzugsbereich der Oste "literarischer Goldstaub". Bisweilen jedoch seien die Schätze, wie in der Stadt Hemmoor, vom "Zementstaub der Kulturvergessenheit" überlagert. ...

In der Hemmoorer Kulturdiele gab der pensionierte Oberstudienrat Heiko van Dieken, Spiritus rector der Hemmoorer Literaturszene, einen temperamentvoll vorgetragenen Überblick über das örtliche Kulturschaffen. Während andere Orte, wie beispielsweise Otterndorf, ihre Geistesgrößen ehrten, sei in der "kuriosen Dörferstadt" Hemmoor das literarische Werk etwa von Rühmkorfs Mutter, der schreibenden Dorfschullehrerin Elisabeth Rühmkorf, oder das Wirken des Warstader Müllersohns, Dichters, Pazifisten und Historikers Alfred Vagts weithin in Vergessenheit geraten. An Vagts ... erinnere nicht einmal ein Straßenname. Kommentar van Diekens: "Hemmoor ist, wenn man trotzdem lacht."
 
"Buchstaben 
über der Stadt" 

Aus dem Grußwort von Jochen Bölsche (AK Kultur) zur Literatur-Exkursion der AG Osteland im Mai 2006 

... Dass unsere heutige Exkursion zum Thema Literatur ausgerechnet in der einstigen Industriestadt Hemmoor beginnt, mag manchen verwundern, denn das offizielle Hemmoor selber weist merkwürdigerweise kaum darauf hin, welche literarischen Schätze die Stadt birgt. Natürlich war mir Peter Rühmkorf ein Begriff, bevor ich als Zugereister an der Oste landete - aber dass er im heutigen Hemmoor aufgewachsen ist, darauf hat kein offizieller Hemmoorer hingewiesen, das habe ich erst erfahren durch einen Artikel seines Dichterkollegen Peter Schütt im Hamburger Abendblatt über die heimliche Literaturhauptstadt Hemmoor. In Otterndorf, nicht in Hemmoor ist Rühmkorf angemessen geehrt worden, mit dem Voß-Preis, anderswo hat man sein Werk mit dem Arno-Schmidt-Preis gewürdigt, mit dem Georg-Büchner-Preis und und und. ...

Und dass Hemmoor auch die Heimat des international renommierten großen Militärwissenschaftlers, Philanthropen und Heimatschriftstellers Alfred Vagts ist, nach dem anderswo längst eine Straße benannt wäre - das habe ich erst dem vorletzten Büchlein von Heiko van Dieken entnommen. ... Und wenn man dann noch feststellt, dass auf dem Gebiet der bildenden Kunst etwa das Werk von Frijo Müller-Belecke anderswo eher gewürdigt wird als hier, dann sagt man sich als Neubürger: Welch ein Reichtum! - und man wundert sich: Welch eine Kulturvergessenheit! 

Das wohl traurigste Beispiel ist der Umgang mit Rühmkorf. (...)


Literatur

Hemmoor - Stadt der
vertanen Chancen?

28. 6. 2008. (Zum Otterndorfer Vorschlag, des dortige Gymnasium nach dem kurz zuvor verstorbenen Peter Rühmkorf zu benennen): Dem Otterndorfer Kommunalpolitiker, der sich mit aufgeklärten Geistern wie dem brillanten CDU-Kulturkopf und Vize-Landrat Hans-Volker Feldmann umgibt, ist für diese noble Einstellung zu danken, die in scharfem Kontrast zur Haltung des schwarz-grünen Hamburger Senats steht, dessen Bürgermeister Ole von Beust dem zeitweiligen SPD-Wahlhelfer Rühmkorf nicht einmal einen Kranz zur Trauerfeier spendierte und auch keinen Senator entsandte...

Zu fragen bleibt allerdings, was Rühmkorf mit Otterndorf verbindet. Dort lebte lediglich der Großvater, ein hartherziger Superintendent, der seine Tochter Elisabeth zwang, den unehelichen Sohn Peter fernab in Dortmund zur Welt zu bringen und zu verleugnen. Aufgewachsen und zwei Jahrzehnte lang geprägt worden ist Peter Rühmkorf in Warstade, wohin seine Mutter nach der Geburt exilierte.

Allerdings bekennt sich Otterndorf - trotz der nur schwachen (und negativen) Verbindung - im Gegensatz zu dem offenbar kulturvergessenen Hemmoor seit Jahren schon zu dem großen Hadler. So war Rühmkorf der erste Voß-Preisträger der Stadt Otterndorf.

Sollte in Otterndorf der Zahrte-Vorschlag aufgegriffen werden, woran kaum zu zweifeln ist, hätte das imagekranke Hemmoor ein weiteres Mal die Chance vertan, sein Ansehen aufzuwerten: ... Dem neben Rühmkorf bedeutendsten Hemmoorer, Alfred Vagts, ist nicht einmal eine Straße gewidmet. ... Hemmoor - Stadt der vertanen Chancen? ...


Literatur

Alfred Vagts
im Blickfeld

23. 7. 2009. Im Jahr der Oste rückt nicht nur der in Warstade aufgewachsene Dichter Peter Rühmkorf - dessen Werk sich demnächst eine Rühmkorf-Gesellschaft widmen will - ins Blickfeld der Hemmoorer Öffentlichkeit, sondern auch ein weiterer international renommierter Sohn der Stadt: der aus Basbeck stammende Schriftsteller, Pazifist, Heimatforscher und Militärwissenschaftler Alfred Vagts(1892 bis 1986).

Im November sollen im von-Bockel-Verlag in Neumünster Vagts' Memoiren veröffentlicht werden, herausgegeben von seinem Neffen, dem Hamburger Schriftsteller Dr. Peter Schütt, in Zusammenarbeit mit Ursel Hensler und Detlev Vagts. Vorgesehen ist der Titel "Alfred Vagts: Hüben und Drüben. Autobiografische Aufzeichnungen."
 
Wikipedia über
Alfred Vagts

Stand: 23. 7. 2009

Alfred Hermann Friedrich Vagts (* 1892 in Basbeck (heute Ortsteil von Hemmoor); † 1986 in Cambridge (Massachusetts)) war ein Lyriker, Historiker und Autor vor allem militärhistorischer Werke.

Vagts wurde als Sohn des Windmüllers geboren. Nach dem Besuch der Lateinschule in Otterndorf lernte er während seines Studiums in München führende Repräsentanten des Expressionismus kennen. Im Ersten Weltkrieg war Vagts Kompanieführer und erhielt das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse, veröffentlichte aber auch Gedichte gegen den Krieg (Sammelband Ritt in die Not). Als Vertreter des Rates der Offiziere nahm er 1917 an den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk teil.

Nach dem Krieg war Vagts in der Sozialdemokratischen Partei aktiv, beteiligte sich 1919 auch an der Münchner Räterepublik, brach aber bald danach mit der radikalen Linken. Seit dieser Zeit war er mit Egon Ranshofen-Wertheimer befreundet und führte einen umfassenden Briefwechsel mit ihm. In der Weimarer Republik arbeitete Vagts von 1923 bis 1932 als Historiker am Institut für auswärtige Politik der Universität Hamburg, wo ihn sein späterer Freund George W. F. Hallgarten ab 1925 für ein Jahr vertrat.

Am 3. Oktober 1924 gründete er mit Gustav Dahrendorf, Egon Bandmann und Theodor Haubach (alle SPD) sowie Hans Robinsohn, Ernst Strassmann und Heinrich Landahl (alle DDP) den Klub vom 3. Oktober, dessen Ziel einerseits der gemeinsame Kampf gegen die Feinde der Weimarer Republik war, der andererseits aber auch für gegenseitige Unterstützung bei politischen Initiativen sorgen sollte.[1]

Als Austauschstudent besuchte er 1924 erstmals die USA. An der Yale University lernte er die Tochter des einflussreichen amerikanischen Historikers Charles A. Beard kennen. Sie heirateten 1927.

1939–1942 war Alfred Vagts Mitglied des Institute for Advanced Studies (IAS) in PrincetonAls 1932 die Nationalsozialisten in Deutschland politisch auf dem Vormarsch waren, emigrierte Vagts zunächst nach Großbritannien, ein Jahr später ging er in die USA und konnte dort noch 1933 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen. In den USA konnte er bis 1938 als Privatmann forschen und veröffentlichen. 1938/39 hatte er eine Gastprofessur an der Harvard University inne und war anschließend bis 1942 Mitglied des Institute for Advanced Study in Princeton. Danach war er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Washington für das Board of Economic Warfare tätig, das die Versorgung der Alliierten mit für den Krieg wichtigen Rohstoffen sicherstellen sollte.

Bis zu seinem Tod 1986 arbeitete Vagts als privater Autor. Sein Werk umfasst wissenschaftliche und essayistische Bücher; sein viel beachtetes Hauptwerk war The History of Militarism, Civilian and Military. Vagts war ein scharfer Kritiker des Nationalsozialismus, sprach sich aber auch gegen die Flächenbombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg aus.

Vagts Neffe ist der Schriftsteller Peter Schütt.
 

Einzelnachweise

(1) Christof Brauers: Die FDP in Hamburg 1945 bis 1953. Martin Meidenbauer Verlagsgesellschaft, München 2007, S. 68f.

Werke

Ritt in die Not, München 1920; Neudruck Vaduz 1973 (Gedichte).
Mexico, Europa und Amerika unter besonderer Berücksichtigung der Petroleumpolitik, Berlin 1928
Deutschland und die Vereinigten Staaten in der Weltpolitik, 2 Bände, London/New York 1935.
The History Of Militarism, New York 1937; zahlreiche Nachdrucke.
Hitler's Second Army, Washington 1943.
Geography in War and Geopolitics, 1943.
Landing Operations: Strategy, Psychology, Tactics, Politics, from Antiquity to 1945, Harrisburg 1946.
Defense and Diplomacy: The Soldier and the Conduct of Foreign Relations, New York/London 1956.
Deutsch-amerikanische Rückwanderung, Heidelberg 1960.
The Military Attaché, Princeton 1967.
Bilanzen und Balancen, hrsg. von Hans-Ulrich Wehler, Frankfurt 1979.


Bücher

Vagts-Memoiren
zur Jahreswende


Titelbild des geplanten Bandes

3. 11. 2009. Im Jahr der Oste rückt nicht nur der in Warstade aufgewachsene bedeutende Dichter Peter Rühmkorf verstärkt ins Blickfeld der Menschen der Oste, sondern auch ein weiterer international renommierter Sohn der Stadt: der aus Basbeck stammende Schriftsteller, Pazifist, Heimatforscher und Militärwissenschaftler Alfred Vagts (1892 bis 1986).

Für die Benennung einer Hemmoorer Straße nach Vagts hatten sich bereits 2003 bzw 2005 der Hemmoorer Schriftsteller Heiko van Dieken und der AG-Osteland-Vorsitzende Gerald Tielebörger ausgesprochen.

Zum Jahresende sollen nun im von-Bockel-Verlag in Neumünster Vagts' Memoiren veröffentlicht werden, herausgegeben von seinem Neffen, dem Hamburger Schriftsteller Dr. Peter Schütt, in enger Zusammenarbeit mit dem in Boston lebenden Sohn, Prof. Detlev Vagts, und der Kousine Ursel Hensler. Vorgesehen ist der Titel "Alfred Vagts: Hüben und Drüben. Autobiografische Aufzeichnungen."


Würdigt Vagts: Historiker Wehler

Ein Nachwort ("Alfred Vagts - ein antimilitaristischer Militärhistoriker") steuert Prof. Hans-Ulrich Wehler bei, einer der namhaftesten deutschen Historiker (mehr auf der Website des Verlages); seine "Deutsche Gesellschaftsgeschichte" (5 Bände) zählt zu den Standardwerken der deutschen Geschichtsschreibung für die Zeit von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1990.

Alfred Vagts wurde als ältester Sohn eines Windmüllers in Basbeck geboren. Er besuchte zunächst die Lateinschule in Otterndorf, machte 1910 sein Abitur in Hannover und leistete danach in Göttingen seinen Militärdienst ab. Seit dem Wintersemester 1911/12 studierte er in München Geschichte, Literatur und Theaterwissenschaft. Im Seminar von Arthur Kutscher lernte er die Repräsentanten des literarischen Expressionismus kennen, unter ihnen Becher, Benn, Klabund Toller und Mühsam. Er begann unter ihrem Einfluß Gedichte zu schreiben.

Ende 1914 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Er kämpfte an der Ostfront, an der es weit weniger hurrapatriotisch zuging als an der Westfront. Seit dem Dezember 1914 veröffentlichte er in der Zeitschrift "Die Aktion" regelmäßig Gedichte gegen den Krieg.


Professor Alfred Vagts um 1970

Im Winter 1917/18 nahm er als Vertreter des Rates der Offiziere an den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk teil. Ein Jahr später beteiligte er sich an der Münchener Räterepublik. Er wandte sich jedoch von den radikalen Kräften ab, ging 1919 nach Hamburg und setzte dort sein Geschichtsstudium fort, das er mit einer Promotion über die Rolle des Öls in der mexikanischen Revolution abschloss. Für die Arbeit hatte er von Außenminister Stresemann persönlich eine Ausnahmegenehmigung zum Studium der Akten im Archiv des Auswärtigen Amtes erhalten.

1922 gehörte Vagts zu den ersten deutschen Studenten, die nach dem Krieg ein Stipendium zum Studium in den USA erhielten. Er lernte den bekannten amerikanischen Historiker Charles Beard kennen, besuchte ihn in den folgenden Jahren mehrfach und heiratete 1927 dessen Tochter Miriam, die selbst schriftstellerisch tätig war. Ab 1925 arbeitete Alfred Vagts am Hamburger Institut für auswärtige Politik, unter anderem zusammen mit Hans von Dohnanyi, Julius Leber und Gustav Radbruch. Seit 1920 war er Mitglied der SPD.

Bereits im November 1932 hatten Alfred und Miriam Vagts Deutschland verlassen und waren über London in die USA emigriert. An den Universitäten von Harvard und Princeton übernahm er Gastprofessuren und wurde in Sherman, Connecticut, sesshaft. In New York betätigte er sich in der SPD-nahen Gruppe "Neues Beginnen" und war im Herbst 1944 der Hauptredner auf einer Gedenkveranstaltung für die ermordeten Widerstandskämpfer, unter ihnen sein Freund Hans von Dohnanyi.

Wie schon nach dem Ersten- trat Vagts auch nach dem Zweiten Weltkrieg für die Versöhnung zwischen beiden Völkern ein und plädierte als einer der ersten für den Brückenschlag mit Nachkriegsdeutschland. Er unterstützte im Hungerwinter 1946/47 die CARE-Paket-Hilfsaktion und erklärte in der amerikansichen Presse öffentlich, warum er seinem Jugendfreund Gottfried Benn Lebensmittel geschickt habe, auch wenn er mit den Nazis paktiert habe: "damit er nicht verhungert und Gelegenheit zum Nachdenken über seine Irrtümer hat."


Vagts-Neffe und Herausgeber Schütt

In den Forschungen zur deutschen Exilliteratur spielt Alfred Vagts nur eine geringe Rolle, weil er bereits ab 1937 hauptsächlich in englischer Sprache publizierte. Er war ein durchaus erfolgreicher Sachbuchautor. Sein Taschenbuch "Hitlers Second Army" über die paramilitärischen Verbände der Nazis erreichte eine Auflage von 300.000 und wurde zur Pflichtlektüre für alle GIs, die in Deutschland Krieg führten. 1951 dachte Alfred Vagts an eine Rückkehr nach Deutschland. Er bewarb sich um einen Lehrstuhl am historischen Seminar der Universität Hamburg. Der international bekannte Historiker, Hauptwerk: History of Militarism, Civilian and Military, wurde aber wegen "fehlender Lehrerfahrung" abgelehnt. Diese Zurückweisung hatte ihn tief gekränkt. Seither ist er nur noch selten nach Deutschland gereist.

Im hohen Alter hat Alfred Vagts damit begonnen, seine Memoiren zu schreiben. Seine Lebenserinnerungen sind unvollendet geblieben. Alfred Vagts hat einzelne Kapitel seiner Memoiren an seine in Deutschland lebende Nichte Ursel Hensler zur Überarbeitung und zur Übertragung in Reinschrift geschickt. Andere Abschnitte hat er deutschen Freunden und seinem Neffen Peter Schütt zur kritischen Lektüre zugesandt. Aus diesen Materialien und aus dem Nachlass wurde eine Auswahl aus den autobiographischen Schriften des Schriftstellers und Historikers zusammengestellt, ergänzt um bislang zum Teil unveröffentlicht gebliebene Gedichte aus seinen jungen Jahren und Auszüge aus literatur- und geschichtswissenschaftlichen Forschungsarbeiten.

Das Buch wird folgende Kapitel enthalten: 1. Meine Kindheit und Jugend im Zweistromland zwischen Elbe und Weser, 2. Basbecker Gedichte, 3. Ritt in die Not - Gedichte, Exkurs: Petra Jenny Vock: "Kritikwürdige Lyrik aus dem Kriege, dokumentarisch vielleicht wichtig", 4. Die Münchner Räterepublik, 5. Hamburg 1923 bis 1932,  6. Amerikanische Aufenthalte in den Zwanzigerjahren, 7. Unter Emigranten und Amerikanern, 8. Besuche in der alten Heimat, 9. Erinnerungen an Gottfried Benn.


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