Leseprobe aus dem Buch "Über die Oste - Geschichten aus 100 Jahren Schwebefähre Osten - Hemmoor" von Gisela Tiedemann, Jochen Bölsche u. a. (MCE-Verlag, Drochtersen):


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Der Schlips des
Schlachters

13 Jahre nach der Wiederinbetriebnahme
steht die Fähre erneut vor dem Aus

Von Jochen Bölsche


Guthahn und Döscher im Juli 1994 (NEZ-Foto)

In seinem Heimatdorf hat sich Metzgermeister Herbert Guthahn durch Fleischwaren aus eigener Schlachtung, von seiner ff. Bratwurst bis zur "Hamburger Gekochten", einen Ruf wie Donnerhall erworben. Im Cuxhavener Kreistag aber fällt der SPD-Abgeordnete Anfang der Neunziger vor allem durch seine Krawatte auf. Der Schlips, handbemalt, zeigt die Ostener Schwebefähre, und Guthahn trägt ihn, wann immer das  Wahrzeichen des Ostelandes im Kreishaus auf der Tagesordnung steht.

Und das ist nun häufiger denn je der Fall. Denn nach der triumphalen Wiederinbetriebnahme am 31. Juli 1976 war der Fähre nur eine Fahrzeit von gerade mal 13 Jahren vergönnt. Im Sommer 1989 führt eine Überprüfung des TÜV Bremen zur sofortigen Stilllegung.

Der neue Landkreis Cuxhaven, der das Baudenkmal nahe seiner Ostgrenze von seinem Vorgänger, dem Kreis Land Hadeln, hatte übernehmen müssen, zeigt keine gesteigerte Bereitschaft, Geld für die Reparatur des schadhaften Schienenstrangs in der Traverse auszugeben - wenngleich Schlachter Guthahn, stellvertretender Bürgermeister von Osten, immer wieder drängt. Guthahn schwört sogar, seinen Fährschlips im Kreistag so lange zu tragen, bis die Gondel wieder schwebt.

Der Kampf scheint zunächst aussichtslos. Bald nach der Stilllegung 1989 besagt eine erste Kostenschätzung, dass eine Sanierung 800 000 Mark kosten würde. Ein später vom Kreis in Auftrag gegebenes Gutachten eines Statikers kommt sogar auf 1,2 Millionen Mark.

Unverdrossen bemüht sich der Ostener Fährverein, die Medien zu mobilisieren. Horst Ahlfs schreibgewandter Stellvertreter Hans Ameis setzt am 9. März 1991 einen langen Brief an die "liebe Bild-Zeitung" auf: "Ihre bekannte Hilfsbereitschaft, die ja auch durch Ihre Aktion 'Bild hilft' bis hin zu den sogenannten 'kleinen Leuten' geht, ermuntert uns heute, Sie um Ihre Hilfe für die notwendige Restaurierung ... zu bitten." Denn durch das Betriebsverbot sei "die Attraktion der Schwebefähre praktisch tot".

"Wie Sie aber wissen," schreibt Ameis weiter, "mahlen die Mühlen der Politik langsam, und wir sind überzeugt, dass ein entsprechender Artikel in der Bildzeitung sehr hilfreich wäre, um die Aufmerksamkeit der Politiker auf unser Problem zu erhöhen."  Tatsächlich druckt das Boulevardblatt in seiner Hamburg-Ausgabe kurz darauf ein paar Zeilen über die stillgelegte Schwebefähre an der Oste, allerdings nicht den von Ameis erhofften Appell an die Politik, sondern einen schnell verhallenden Aufruf an die Leserschaft mit der Überschrift: "Wer spendet für Reparatur der Schwebefähre?"

Der Staat tut sich schwer mit Förderzusagen. So kurz nach der Wiedervereinigung zehrt die Aufgabe, im Osten die Landschaften erblühen zu lassen, an allen Etats. Ein Antrag des Kreises an das Land Niedersachsen auf einen Zuschuß in Höhe von 300.000 Mark wird Mitte 1991 mit dem Hinweis abgelehnt; in den neuen Ländern gebe es "dringlichere Aufgaben".

Immerhin aber kommt im Herbst 1991 ein Gutachten zu dem Ergebnis, die Schwebefähre sei von "nationaler Bedeutung". Der Bund nimmt das Bauwerk daher in ein einschlägiges Förderprogramm auf und stellt Geld in Aussicht, maximal 200.000 Mark. Daraufhin sagt Niedersachsen notgedrungen zu, den selben Betrag zu übernehmen. Der Kreistagsmehrheit jedoch macht wenig Anstalten, sich selber ebenfalls für die Fähre ins Zeug zu legen.

Da holt in Osten der Hotelier Ahlf zu einem politischen Paukenschlag aus. Zur Jahreshauptversammlung 1992 seines Fährvereins versendet er Einladungen mit dem Tagesordnungspunkt "Zukunftsperspektive der Fördergesellschaft". Zugleich droht er pressewirksam mit der Auflösung des Vereins: Der sei wegen der Untätigkeit der Politik nicht mehr in der Lage, seine "satzungsmäßigen Ziele" zu verfolgen. Die Zeit der Sonntagsreden sei vorbei, der Verein werde vom Kreis "nur hingehalten", er sei "richtig wütend", zitiert die Presse den Hotelier im Vorfeld der Versammlung: "Wenn sie uns nicht unterstützen wollen, dann sollen sie es uns klipp und klar sagen."

In der Versammlung selber wollen die Mitglieder von einer Auflösung ihres Vereins nichts wissen. Die reichlich erschienenen Ehrengäste aus der Politik, die Ahlfs Presse-Schreckschuss vernommen haben, verbreiten nun vorsichtigen Optimismus, während Kreisdenkmalpfleger Guido Steinke gegensteuert: Die EU verweigere jeglichen Zuschuss für die Sanierung. Außerdem sei der Landkreis selber gar nicht am Zuge: Das Cuxland sehe sich lediglich dazu verpflichtet, die Anlage "als solche" zu erhalten, nicht aber dazu, den "Mobilbetrieb" zu garantieren.

Im Klartext: Der Landkreis könne ein in seinem Besitz befindliches Bauwerk von nationaler Bedeutung ruhig verrotten lassen - eine Auffassung, die nicht nur aus dem Munde eines Denkmalschützer befremdlich erscheint. Dennoch: Knapp einen Monat später, im März 1992, faßt der Kreistag nach einer Debatte, in die sich auch Fährschlipsträger Guthahn einschaltet, den lange erwarteten Beschluß, die Schwebefähre durch Restaurierung und Reparatur zu sichern; die Sanierung, schränkt Oberkreisdirektor Dr. Johannes Höppner ein, solle "möglichst billig und nicht möglichst perfekt" ausgeführt werden.

Dennoch klafft in der Finanzierung mangels Förderzusagen etwa aus Brüssel eine gewaltige Lücke, wie Denkmalpfleger Steinke im Januar 1993 dem Kulturausschuß des Kreistages offenbart: "Wir müssen noch 700.000 Mark einspielen." Über die trostlose Ausschußsitzung berichtet die "Niederelbe-Zeitung" unter der Überschrift: "Schicksal des Baudenkmals ist im 'Schwebezustand' - Die Hoffnungen auf eine baldige Restaurierung sind stark gesunken."

Dass die Cuxhavener Firma Voß gut ein Jahr später, im März 1994, dennoch mit den Reparaturarbeiten beginnen kann, ist vor allem einem Sinneswandel auf Seiten der EU zu verdanken, die im Herbst zuvor nun doch 400.000 Euro bewilligt hat, nachdem die Schwebefähren-Lobby parteiübergreifend tätig geworden war.

Nach einer Intervention des Niedersächsischen Heimatbundes beauftragt   Ministerpräsident Gerhard Schröder sein Wissenschaftsministerium, nach weiteren Geldquellen zu fahnden. Die Hadler SPD-Abgeordnete Birgit Meyn-Horeis schleppt den sozialdemokratischen hannoverschen Europa-Staatssekretär Frank Ebisch nach Osten. Schließlich reist auch dessen Vorgesetzter, der grüne Europaminister Jürgen Trittin, an, bei dem Kindheitserinnerungen wach werden: Seine Familie habe, so erzählt er, einst die Schwebefähre benutzt, "als wir von Vegesack nach Bad Segeberg zu den Karl-May-Festspielen gefahren sind".

Um die 400.000 Mark  Europagelder nicht verfallen zu lassen, sah sich der Kreistag genötigt, ebenfalls 400.000 Mark draufzulegen. Auch Landrat Martin Döscher (CDU), selber Mitglied der Fördergesellschaft, hatte Druck gemacht: "Wenn wir es jetzt nicht hinkriegen, werden wir es niemals schaffen." Unproblematisch war der Beschluß für die Abgeordneten nicht - auch nicht für den Grünen Hans-Jürgen Klein: "Wir haben es uns nicht leicht gemacht in Zeiten, in denen Frauenhauszuschüsse gestrichen werden, diese Mittel locker zu machen."

Am Sonntag, dem 10. Juli 1994, nach fünf Jahren Stillstand, feiert Osten die Wiedergeburt seiner Fähre, frisch gestrichen und entrostet. "Alle politischen Register sind gezogen worden, alle persönlichen Beziehungen mobilisiert, um wieder einmal die Fähre zu retten," bilanziert Horst Ahlf, bevor der Bauleiter droben vom sanierten Schienenstrang an einem langen Band den symbolischen Schlüssel zur Wiederinbetriebnahme herabläßt. Landrat Döscher legt im Führerstand einen Hebel um, die Fähre schwebt, das Publikum applaudiert.

In diesem Augenblick, mitten auf der Gondel, löst Schlachter Guthahn den Knoten seiner handbemalten Krawatte, nimmt den Schlips ab und überreicht ihn mit einer angedeuteten Verbeugung dem Landrat.


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