"Verstörend wie
das Leben selbst"

Seelke (M.) mit Bölsche und Galeristin Helenius-Scharten

Rede von Jochen Bölsche (AG Osteland) zur Eröffnung der Ausstellung "ZOO-M" von Anja Seelke am 6. 10. 2007 in der Kleinen Galerie Neuhaus

Es ist eine wahre Freude, auch heute wieder zu erleben, wie schnell sich das lange Zeit unbekannte Osteland zur Kunstlandschaft entwickelt, wie fix es gerade in Neuhaus gelingt, an die über hundertjährige Tradition als Künstlerdorf anzuknüpfen - dank dieser  wunderbaren Galerie von Evelyn Helenius-Scharten, dank der Wiederentdeckung der Duhner Wattmaler durch Peter Bussler, dank dem Engagement des Malers, Verlegers und Kurators Wolf-Dietmar Stock für diesen Ort, dank der Gründung der Matthaei-Gesellschaft und dank der Idee, regelmäßig die Stelle eines Fleckenmalers auszuschreiben.

Gerade erst vor einer Woche haben wir hier in Neuhaus die Finissage der bislang 6. Kunstausstellung der Arbeitsgemeinschaft Osteland gefeiert - und heute bereits dürfen wir hier die Vernissage der neuesten Ausstellung einer ganz außergewöhnlichen Künstlerin erleben.


Seelke mit dem Hemmoorer Künstler Müller-Belecke

Außergewöhnlich schon allein deshalb, weil Anja Seelke gerade erst vor gut drei Jahren, im Alter von 35, zu malen begonnen hat - und ihre Arbeiten heute bereits auf ihrer sage und schreibe 16. Einzel- bzw. Gemeinschaftsausstellung präsentiert.

Wie ist es zu dieser Blitzkarriere einer Spätberufenen gekommen? Die Hildesheimerin Anja Seelke, von Haus aus Literaturwissenschaftlerin, hat sich nach dem Studium zunächst zur Keramikerin ausbilden lassen, zeitweise als Baukeramikerin in der Altbausanierung und als Assistentin eines Bildhauers gearbeitet, und schließlich bei dem Stader Maler Matthias Weber einen Kursus belegt, um die Vorzeichnungen für ihre Keramikarbeiten zu perfektionieren. Dann irgendwann, berichtet sie, "gab Matthias mir einen dickeren Pinsel und ein größeres Blatt Papier" - und ihr schlummerndes Talent erwachte.

Unsere Wege kreuzten sich in der Ausstellung "Die Oste - von der Quelle bis zur Mündung", zu der Anja Seelke zwei Acryl-Arbeiten beisteuerte, das Porträt eines Fährmanns und ein Bild der einstigen Ostener Prahmfähre, angeregt durch ein Gemälde des großen Ostener Malers Diedrich Rusch, des "Modersohn von der Oste".

Mehr aber noch als diese Arbeiten zeigen ihre großformatigen Bilder von tanzenden und tauchenden, duschenden oder liebenden Menschen das Spezifische ihres Werks auf, das zu definieren allerdings nicht leicht fällt.
Ihr Lehrer Matthias Weber sagt: "Irgendetwas ist in den Bildern, das habe ich noch gar nicht verstanden... Irgendwie kann man immer eine ganze Menge beschreiben, was auf den Bildern so los ist, aber doch nicht das letzte Geheimnis lüften."


Anja Seelke mit Ausstellungsbesucherin

Unverkennbar ist, dass Anja Seelke mit ihrer Maltechnik - dem dynamischen Pinselstrich, der intensiven Farbigkeit, dem augenzwinkernden Humor, der enormen Präsenz ihrer Figuren - in der Tradition der "Wilden Malerei" der 70er und 80er Jahre steht.

Wie Älteren erinnern uns: In den 70ern war zunächst die intellektuelle Concept Art en vogue gewesen; es genügte, das maschinengeschriebene Konzept eines Kunstwerks an die Wand zu nageln, um als Künstler zu gelten. Für den seltsamen Wunsch, malen zu wollen, mußten Kunststudenten sich damals vor ihren Kommilitonen rechtfertigen.

Als Absage an diese moderne Spielart der Bilderstürmerei und an die strenge Sprödigkeit der Minimal Art und der Concept Art entstand Ende der 70er die "Heftige Malerei" der "Neuen Wilden" -  Wiederkehr einer unbekümmert fabulierenden, figurativen, grellfarbigen subjektiven Malerei, oft mit trivialer Motivik aus dem Alltagsleben, immer wieder verfremdet mit ironischen Zitaten.

Plötzlich eroberten Bilder den Kunstmarkt, denen nichts Menschliches fremd war. Im Zentrum der Malerei stand wieder der Homo sapiens mit  seiner Lebensgier und Lebensangst, seiner Sexualität und seinen  Sehnsüchten - und mit dem Abgründigen in seiner Seele.

Dieser Neoexpressionismus also hat Anja Seelke geprägt - und doch sei die "Wilde Malerei" der 80er für sie lediglich ein "Anknüpfungspunkt", urteilt ihr Lehrer Weber: eine Grundierung, auf der sich etwas entwickelt habe, das er nach eigenem Eingeständnis "nicht so richtig beschreiben kann".

Was die Spannung erzeugt, mit der viele ihrer Bilder den Betrachter in ihren Bann ziehen, hat die Schriftstellerin und Oste-Kulturpreisträgerin Elke Loewe kürzlich in einer Laudatio auf Anja Seelke so beschrieben: "Es ist das Alltägliche in ihren Bildern, das schockartig als etwas Fremdes erscheint. Anja Seelke, und das fasziniert mich, ist ganz nah an der Realität, die in jeder Küche, an jeder Straßenecke, in jedem Schwimmbad lauert, aber sie malt sie so, wie sie der von täglichen bunten Bildern abgestumpfte Blick nicht mehr sieht. Die ganz normalen Dinge ... bekommen eine neue Form und Farbe. ...  Dieses Widersprüchliche, Zwiespältige, Doppelbödige ist in allen Bildern zu finden."

In der Tat speist Anja Seelke, die neben Literaturwissenschaft auch Sozialpsychologie studiert hat, den Betrachter ihrer Bilder nicht mit trivialer Eindeutigkeit ab, sondern regt zu eigenem Weiterdenken an. Sie selber sagt: "Ich male Einzelne, Paare und Gruppen, Menschen in Porträthaltung und in Bewegung, verletzlich und selbstbewußt, oft lebensgroß. Nicht immer vordergründig ’schön’ sind diese Bilder, sondern manchmal auch verstörend - wie das Leben selbst."

"Der Mensch ist das Thema meiner Malerei" - diese Aussage kollidiert nur auf den ersten Blick mit den neuen Tierbildern von Anja Seelke. "Der Blick aufs Tier" - so lautet der Untertitel dieser Ausstellung - ist des Menschen Blick auf seine Mitgeschöpfe, denen er mal mit Affenliebe, mal mit Mordgier begegnet.

Die Künstlerin beschreibt dieses Spannungsfeld mit den Worten: "Dummes Vieh oder geliebtes Gegenüber, Kuscheltier, Domestik oder Statussymbol: die Rollen, die Tiere für uns spielen, sind scheinbar unerschöpflich. Blickt aus ihren Augen unschuldige Natur oder haben wir sie unwiderruflich unserer Kultur einverleibt?"

"Oftmals augenzwinkernd, aber nie ohne Ernst" - so charakterisiert sie selber ihre aktuellen Tierbilder, mit denen sie an den Beginn aller Malerei anknüpft. Denn zuallererst stellte der Mensch - und zwar in allen Kulturen, in allen Erdteilen dieser Welt - auf den Felswänden seiner Höhlen nicht sich selber dar, sondern Pferde, Gazellen, Affen, Stiere. Und zu allen Zeiten symbolisierten Tiere menschliche und göttliche Eigenschaften, standen sie in einem magisch-mythischen Zusammenhang - vom Goldenen Kalb bis zur Heiligen Kuh, vom Einhorn bis zum Phönix, vom Lamm (für Christus) bis zur Taube (für den Heiligen Geist).

Und es liegt allein im Auge des Betrachters, ob er, überheblich, in dem Esel aus Seelkes Tierleben nur die Minderwertigkeit der Kreatur sieht - oder aber, wie  Franz von Assisi, das Sinnbild des störrischen, mit Mängeln behafteten menschlichen Körpers und somit den „Bruder Esel“.
 
 

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