In Gummistiefeln 
auf Findorffs Spuren

"Die Oste - Fluß zwischen den Mooren" - eine Exkursion der AG Osteland e. V. im Rahmen der Reihe "Unbekannte Oste" am 10. Juli 2005

1. Station: Hohes Moor


Heinz Haselmeier (M.) führt durchs Moor

Riesige Wasserflächen, wo noch vor wenigen Jahren Birkengehölze oder Grünland waren, prägen das Bild im Naturschutzgebiet Hohes Moor zwischen Oldendorf, Elm und Heinbockel. Wachsendes Hochmoor soll hier wieder entstehen. Kraniche haben sich bereits wieder angesiedelt.

Der Landkreis Stade, unterstützt vom Land Niedersachsen und vom "Life"-Projekt der EU, engagiert sich seit Jahren für den in Norddeutschland ursprünglich charakteristischen Lebensraumtyp. Von den rund 1000 Hektar unter Naturschutz stehenden Hochmoorflächen befindet sich etwa die Hälfte in der Wiedervernässung. Dort soll wieder Torfmoos wachsen. 


Im Hohen Moor wächst wieder Torfmoos

Nicht alle dies Flächen waren industriell abgetorft worden. Einige waren nur von Gräben durchzogen und hatten sich im Laufe der Zeit in Birkengehölze verwandelt – ökologisch vergleichsweise unbedeutend. Zusammen mit den Wiedervernässungsflächen in Abtorfungsgebieten sind im Landkreis Stade auf rund zehn Prozent der ursprünglichen Hochmoorstandorte Regenerationsmaßnahmen eingeleitet. Das gilt unter anderem für das Feerner Moor bei Dollern, das Hohe Moor bei Oldendorf sowie für Königsmoor, Aschhorner und Wolfsbrucher Moor in Kehdingen.

2. Station: Stadt der Moorkonjunktur


Torf-Transportweg  Oste

Als Mitte des 18. Jahrhunderts die Moorkolonisation betrieben wurde, erlebte Bremervörde seine "Moorkonjunktur". Die Stadt wurde zur Drehscheibe des Torfhandels an der Oste, zwischen Teufelsmoor und wichtigen Abnehmern, zum Beispiel in Hamburg.


Umschlagplatz Klein-Helgoland

Zeitweise lagen im Hafen gleichzeitig bis zu 100 Torfkähne, die den Brennstoff aus dem Teufelsmoor über den Oste-Hamme-Kanal und die Oste bis nach Klein-Helgoland, einer Insel im Zentrum von Bremervörde, brachten. Dort wurde der Torf auf Oste-Ewer umgeladen. 

Ein Figurenensemble mit dem Titel "Menschen im Moor" ziert den Bremervörder Rathausvorplatz. Die Bronzeplastik stellt Moorbewohner beim Torfstechen dar. 

Das Bachmann-Museum an der Oste

Im Bachmann-Museum, das direkt an der Oste liegt, zeugen Schiffsmodelle und ein Torfkahn vom ehemals regen Wasserverkehr auf diesem Nebernfluss der Elbe. Auch die Umweltpyramide am Vörder See vermittelt Wissen zum Thema "Leben mit dem Moor".

"Innere Colonisation"

Mitte des 18. Jahrhunderts gab es in Europa den Trend zur Urbarmachung und "Innerer Colonisation". Grundlage war die Idee von größerer Unabhängigkeit der Staaten. So wenig wie möglich Waren und Lebensmittel sollten teuer eingeführt werden. Die Teufelsmoorregion unterstand dem König von Hannover und England. Mit der Urbarmachung der Region beauftragt wurde ab 1750 Jürgen Christian Findorff, der "königliche Moorkommissar". 1892, 100 Jahre nach seinem Tod, errichten die Worpsweder ihm ein Denkmal auf dem Weyerberg. Findorffs Idee: Mit wenig Aufwand sollten kleine Ansiedlungen entstehen. Die Kolonisten legten im Hochmoor Gräben und Kanäle an. So entstand ein zusam-menhängendes Kanal- und Grabensystem. Es sollte auch Schutz vor Überschwemmungen bieten. Die künstlichen Wasserarme waren gleichzeitig wichtige Verkehrswege. Gräben, Kanäle und Dämme verbanden auch benachbarte Ansiedlungen. Die Schaffung und Pflege von Wasserstraßen und Dämmen gehörten zu den Pflichten der Kolonisten.


Torfabbau in Augustendorf

Rechtwinklig zur Durchfahrtstraße angelegte Hofstellen, die „Hufen“, sind Kennzeichen der Findorff-Siedlungen. Auf der Landkarte sind die Dörfer leicht an ihrer schnurgeraden Form zu erkennen. Mehr über Findorff bei Wikipedia.

Ziel der Moorkolonisation, war nicht nur die Urbarmachung bislang ungenutzter Areale. Das hiermit verbundene Bevölkerungswachstum sollte dem Land mehr Soldaten und höhere Steuereinnahmen einbringen, um die Macht und Stärke des kurhannoverschen Staats zu vergrößern. Links und rechts des Oste-Hamme-Kanals entwickelten sich ab 1780 viele Dörfer wie Findorf, Langenhausen oder Augustendorf. Auch im Norden des Landkreises Rotenburg entstanden Findorffsiedlungen, darunter Mehedorf . Als die wohl am besten erhaltene „Findorff-Siedlung“ ist der Ortsteil Ostendorf anzusehen.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Torf ein begehrter Brennstoff. Dann wurde er schnell von der Steinkohle verdrängt. Torfkunden waren Industrie, Handwerk (z.B. Ziegeleien und Bäckereien) und  Privathaushalte. Je nach geografischer Lage der Moorstellen verkauften die Moorbauern nach Bremen, Brake, Geestemünde oder Bremervörde 
(Quelle: Radio Bremen).

"Viertelhunt" und "Halbhunt"

Übliche Transportwege waren Kanäle und Gräben. Die Gräben waren flach und führten zeitweise kaum Wasser. Also mussten die Torfschiffe besonderen Anforderungen genügen. Das übliche Torfschiffmodell im Teufelsmoor war der "Halbhunt". Der Hunt ist ein altes Maß und entspricht ungefähr zwölf Kubikmetern. Auf einen "halben Hunt" passten sechs Kubikmeter Torf, er fasste 50-60 Körbe Backtorf. Flüsse wie die Wörpe waren zu schmal für den Halbhunt. Hier fuhren Viertelhunt-Schiffe. Merke: Halbhuntschiffe bieten Laderaum für ein "halbes Hundert" Körbe Torf.


Torfkahn in Augustendorf

Selbst ein beladener Torfkahn hatte kaum Tiefgang. Die Eichenschiffe waren durch ihren flachen, kiellosen Bug leicht zu steuern. Breite Seitenschwerter halfen bei der Navigation. Die Schiffer bedienten sie durch Seile. Halb- wie Viertelhunt haben einen Mast und ein geteertes Segel. Ein Halbhunt hat zehn Quadratmeter Segelfläche. 

Zum Staken oder Rudern besitzt jeder Kahn ein Paar drei bis vier Meter lange Holzstangen mit Ruderblatt. Beim Treideln zog jemand vom "Leinpfad" aus den Kahn, während der Schiffer seitlich mit dem Staken schob. Flotten von Torfschiffen durchzogen die Niederung von Hamme und Wümme, im Jahr 1875 wurden 18.000 Schiffe gezählt, die St. Jürgen passierten.

Das Teufelsmoor

Das Moor ist eine gewachsene Landschaft, gebildet durch das unermüdliche Wachstum einer unscheinbaren Pflanze, des Torfmooses. Das Moor zwischen Osterholz-Scharmbeck, Gnarrenburg und Bremen bekam seinen Namen nicht vom Teufel, sondern vom niederdeutschen Wort für taub, unfruchtbar (duven). Die Bestellung des Landes war schwer, der Boden karg und fruchtarm. Regelmäßige Überschwemmungen vernichteten das wenige, was hätte geerntet werden können. Für die armen Siedler bedeutete dies: "Dem ersten den Tod, dem zweiten die Not, und dem dritten erst das Brot".

3. Station: Der Moorexpreß


Mit dem Moorexpreß ging es nach Gnarrenburg

Stärkste Befürworter einer schmalspurigen Kleinbahn von Bremen nach Stade waren vor allem Vertreter der in Gnarrenburg ansässigen Glas- und Ziegelindustrie, insbesondere. Hermann Lamprecht, seit 1876 Besitzer der Gnarrenburger "Marienhütte". Die Teilstrecke Bremervörde-Gnarrenburg eröffnete die Kleinbahn bereits am 23. Juni 1909. 

Das zweite Teilstück bis Osterholz bereitete den Ingenieuren große Probleme: Die Bodenverhältnisse im Moor waren äußerst schlecht. Außerdem wurden die Bauarbeiten immer wieder durch Überschwemmungen unterbrochen. Die gesamte Strecke wurde am 9. Februar 1911 in Betrieb genommen (mehr hier.)

4. Station: Gnarrenburg 


Planwagenfahrt nach Augustendorf

Die Saalkirche in Gnarrenburg aus dem Jahre 1790 ist das letzte von Findorff geplante und erbaute Gotteshaus. In nur sechs Jahren entstand das einfache Backsteingebäude mit seinem achteckigen Grundriss. Die Sitzbänke für 1200 Kirchgänger standen auf einem schlichten Sandboden. Der 40 Meter hohe Turm kam erst 1870 hinzu. Die Inschrift über dem Portal "Gloria in Desertis Deo", zu deutsch "Ehre sei Gott in der Wüste", spricht für sich.

5. Station: Der Oste-Hamme-Kanal


Kutschfahrt am Kanal entlang

Der Oste-Hamme-Kanal  ist Bestandteil  eines weit verzweigten Kanalnetzes im Teufelsmoor. Dieser ehemalige Schiffsgraben ist 16 Kilometer lang. Er bildete die Grundlage des regen Torfhandels. 


Ein Magenbitter, der nach Torf schmeckt

Seit der Verbindung der Hamme mit der Oste im Jahre 1790 steht der Wasserweg nach Bremen über Hamme, Lesum und Weser offen. Torfschiffer aus der Gnarrenburger Region erreichten Hamburg über Oste und Elbe.

6. Station: Moorhof Augustendorf


Historischer Moorhof Augustendorf

Augustendorf, am nordöstlichen Zipfel des fast 400 Quadratkilometer großen Teufelsmoor gelegen, ist im Zuge der im 19. Jahrhundert praktizierten „inneren Kolonisation“ gegründet worden. 1828 ließen sich hier zehn Siedler nieder, aus 43 Bewerbern nach strengen Maßstäben ausgewählt. Jeder erhielt 60 Morgen Land, und es bestand die Pflicht, innerhalb von sechs Jahren ein Wohnhaus zu errichten. Als „Starthilfe“ verzichtete die Königlich-Hannoversche Domainen-Cammer in den ersten Jahren ganz, später teilweise auf den Pachtzins.


Helmut Gieschen führt über den Moorhof

In der ersten Zeit hatten es die Siedler besonders schwer, da der Augustendorfer Schiffsgraben erst ab 1852 mit Torfkähnen befahrbar war. Denn ein durchgehender Wasserweg nach Bremen oder Bremervörde war Voraussetzung für den Torfhandel, den die Moorbauern bis in die 20er Jahre dieses Jahrhunderts betreiben mussten, weil die Erträge der Landwirtschaft allein für den Unterhalt nicht ausreichten. 

Schmuckstück dieser Findorffsiedlung ist das Heimathaus "Historischer Moorhof Augustendorf" mit seinem Museum. Auf dem Museumshof ist der Nachbau eines Torfkahns zu sehen, mit dem man etwa 6,5 Kubikmeter Torf transportieren kann. Drinnen und draußen geben Ausstellungsstücke Einblick in die Arbeits- und Lebensweise der Moorbauern zur Zeit der Jahrhundertwende. Der Torfstich mit altem Werkzeug wird gezeigt (Quelle: EWE).

Iselersheim: Findorff-Grab und -Haus


Das Findorff-Haus in Iselersheim

In Iselersheim ist das Grab von Jürgen Christian Findorff (1720-1792) zu finden. Findorff ließ sich auf eigenen Wunsch auf dem Dorffriedhof, den er selbst angelegt hatte, bestatten. In Iselersheim entsteht ein Findorff-Museum.
 

www.osteland.de

www.ostemarsch.de