Jungenträume im Maßstab 1:79

Von Jochen Bölsche

>>> Der Bauingenieur Wilfried Dorenbeck, Jahrgang 1940, aus Hofheim am Taunus betreibt auch im Rentenalter noch sein Ingenieurbüro für Baustatik. Am wohlsten fühlt er sich am Feierabend in seiner Bastel- bude und im Kreise Gleichgesinnter vom „Freundeskreis Metallbaukasten“. Mit denen kann er seinem zweitliebsten Hobby frönen: „Blech reden und über Löcher quatschen.“

Am allerliebsten aber verschraubt Dorenbeck die durchlöcherten Blechstreben und -winkel aus handelsüblichen Metallbaukästen zu imposanten Modellen. Als er beispielsweise im Internet ein Foto der Oste- Fähre entdeckte, machte er sich prompt daran, das norddeutsche Industriedenkmal im Maßstab 1:79 (also 1/2 Zoll gleich ein Meter) nachzubauen.

Nach einigen Dutzend Arbeitsstunden schmückte die Ostener Schwebefähre, bestückt mit Miniaturmenschen und frosch- grün wie das großeVorbild, seine Schrauberbude. Verwendet hatte Dorenbeck diesmal nicht die 12,5 Millimeter breiten Originalteile von Märklin, sondern die nur 9 Millimeter messenden Elemente eines Nachfol- geherstellers: „Das wirkt viel filigraner und echter.“

Billig ist das Hobby nicht gerade. Für ein gebrauchtes 65-Millimeter-Zahnrad seien im Internet, wie Dorenbeck weiß, schon „bis zu 60 Euro“ verlangt worden, und „die Preise laufen davon“. Dennoch lassen sich Hobbyisten wie er nicht davon abbringen, möglichst viele Meisterwerke der Ingenieurkunst von einst nachzubauen, nicht zuletzt berühmte Brücken.

Ganz besonders beliebt scheint die Ostener Fährbrücke, die älteste Deutschlands – viel beliebter jedenfalls als die zweitälteste. Die nämlich hängt an der Eisenbahnhochbrücke über dem Nord-Ostsee-Kanal, die der- maßen monströs ist, dass die Schrauberzunft den enormen Materialaufwand scheut: Die stählerne Brückenkonstruktion zwischen Rendsburg und Osterrönfeld, imVolksmund „Eiserne Lady“ genannt, ist 2486 Meter lang, ein Modell im gängigen Maßstab würde 31 Meter messen.

Die vergleichsweise kleine Ostener Fähre dagegen ist viel leichter nachzubauen. Ein Modellfoto war – allerdings fälschlich als Schwebefähre von Bilbao tituliert – schon vor Jahrzehnten in einem Anleitungsbuch zu den Baukästen der FirmaTrix abgebildet.

Das Hobby hat eine fast 100 Jahre alteTradition. Zu Weihnachten ein Metallbaukasten, ob von Märklin (Deutschland) oder von Meccano (England) – das war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit der großeTraum der kleinen Jungs.Wer sich für die Schwebefähren und Schwebebahnen im Kinderzimmer von einst interessiert, braucht nur in die Suchmaschine Google die Worte „meccano“ und „transporter bridge“ einzugeben, und er findet reichlich Modelle.

Doch nicht nur leidenschaftliche Schrauber begeistern sich für Schwebefähren, sondern auch die ähnlich tickenden Modellei- senbahnfreunde. Im Forum des Miniatur-Wunderlands Hamburg etwa diskutierten sie eifrig die Anregung, die größte Modellbahnanlage Deutschlands um eine Schwebefähre im Maßstab H0 zu ergänzen.

Längst nicht ausgeschöpft sind die Mög lichkeiten, mit dem Bau von Schwebefähren- Modellen den Schulunterricht zu beleben – eine Möglichkeit, auf die der Oldenburger Didaktik-Professor Hartmut Sellin schon vor mehr als anderthalb Jahrzehnten in der Zeitschrift „Kultur &Technik“ (1/1991) hinwies. Sellin hatte mit Otterndorfer Hauptschülern im Technikunterricht ein 1:50-Modell der Oste-Fähre gefertigt, um daran Grundprobleme der Statik und der Festigkeit dar- zustellen.

„Untersucht wurden einfache Fachwerke, wobei es vor allem darum ging, experimentell das Auftreten von Druck- und Zugkräften bei unterschiedlichen Belastungen zu ermitteln“, berichtet der Pädagoge.

Die Schüler waren fasziniert: „Das erworbene Wissen wurde auf das Bauwerk übertragen; historische Bedingungen, Entstehung, ver- kehrstechnische Bedeutung und Ersatz der Schwebefähre durch andere Verkehrsbauten waren plötzlich kein abstrakter Unterrichts- stoff mehr.“ Zur Verblüffung der Schüler rechnete der Professor vor, wie die Stahlfachwerk-Bauweise ein Maximum an Stabilität bei einem Minimum an Materialaufwand ermöglicht: „Der für den Eiffelturm verbaute Stahl entspricht einem kompakten Würfel von zehn Metern Kantenlänge: das in der Schwebefähre bei Osten verbaute Mate rial würde einen Würfel von 3,2 Metern Kantenlänge füllen.“

Entschieden widersprach der Technikpädagoge jedoch dem damals in Osten kursierenden Vorschlag des Ortsheimatpflegers Richard Rüsch, ein Fährenmodell, aufgestellt im Heimatmuseum, könnte eine Repa ratur und Wiederinbetriebnahme der realen Schwebefähre ersetzen. Sellin: „Die Schwebefähre soll in Funktion gezeigt werden und im wahrsten Sinne des Wortes ‚erfahren’ werden. Ein funktionsloses Denkmal, das nicht mehr benutzt werden kann, ist tot.“ Im Übrigen: Seit dem Abriss der Kieler Schwebefähre nach dem Ersten Weltkrieg sei das Ostener Exemplar, so Sellin, „das letzte Beispiel eines Verkehrsbauwerks in Deutschland, das für die Entstehungszeit um die Jahrhundertwende charakteristisch ist.“

Natürlich wird der Modellbau auch am Originalstandort der Schwebefähren gepflegt. Der Ostener Fährmann und Sammler Erwin Bergander, dessen Haus nahe dem Fährgerüst auf dem Ostedeich thront, hat mit der Laubsäge schon mindestens ein Dutzend Modelle aus Sperrholz gebastelt. Ein stattlicher Nachbau, dessen Gondel sich per Knopfdruck surrend in Bewegung setzt, hat im Heimatmuseum des Dorfes einen Ehrenplatz gefunden.

Im Frühjahr 2006 hatte das über drei Meter langes Modell seinen wohl meistbeachteten Auftritt. Auf der Grünen Woche in Berlin diente das grüne Gerüst als Blickfang einer Sonderausstellung des Landes Niedersachsen über die touristischen Aktivitäten an der Oste.Titel: „Beste Projekte der
Landentwicklung.“

Quelle: "Über die Oste", Drochtersen 2009

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