Die Natur ist
der Verlierer

Gerhard Klotz, Vorsitzender der Jägerschaft
Land Hadeln/Cuxhaven e. V., zum Beitrag
"Maismast für die Wildsäue" von Jochen  Bölsche
im Regionalportal www.oste.de

Der Hemmoorer Klotz vertritt die Interessen von 800 Jägern im Kreis Cuxhaven. Er ist zugleich Mitglied der AG Osteland e. V. - Der Ostener Journalist Jochen Bölsche, 2. Vorsitzender der AG Osteland, hat unter anderem die Bücher "Natur ohne Schutz" und "Die deutsche Landschaft stirbt" (Rowohlt-Verlag, Reinbek) herausgegeben.

Hallo und einen guten Morgen, Herr Bölsche, zunächst mal meinen Dank für den Hinweis auf die Radiosendung... Besonders freue ich mich aber über Ihren Internetartikel "Maismast für die Wildsäue". Tatsächlich ist das ein großes Problem in Niedersachsen und zunehmend auch in unseren Revieren des Landkreises Cuxhaven, begründet durch den erheblich gestiegenen Maisanbau. Wie ich Ihrem Bericht entnehme, zeigen Sie die berechtigten Sorgen um den Schaden in der Landwirtschaft, der in der Regel von den Jagdausübungsberechtigten (Jagdpächter) oder gesetzlich von der Jagdgenossenschaft beglichen werden muss, auf.

Ein Ausbrechen der Schweinepest in Niedersachsen würde zudem nach zuverlässigen Schätzungen Millionen von Euros an Schaden betragen. Niedersachsen ist das Land mit der größten Schweinezuchtdichte mit den zugehörigen Schweinefleisch-Veredelungsbetrieben.

Eine Zunahme von Verkehrsunfällen ist mit Zunahme der Wilddichte natürlich auch gegeben. Gehen wir mal bei den Verkehrsunfällen nur von Sachschaden aus und nehmen die beiden anderen aufgezeigten Schadensfälle hinzu, so geht es erst mal rein um das monetäre Problem, also um die Begleichung von durch Wildschweine entstandenen Schaden.

Leider wird in den Diskussionen viel zu wenig auf ein weiteres Problem eingegangen. Während der Schaden in einem Maisfeld, die Vernichtung großer Hausschweinebetriebe durch Tötung oder der Verkehrsunfall deutlich erkennbare Spuren hinterlassen und damit für die Öffentlichkeit mit den sichtbaren Folgen auch noch Beachtung bis Entsetzen finden kann, wird ein großes anderes Problem meist nicht zur Kenntnis genommen.

Ein Maisfeld hat die gleiche biologische Bedeutung wie der Überholfahrstreifen einer Autobahn. Nach Erkenntnissen der Landesjägerschaft Niedersachsen wird das Maisfeld nur bis zu 2 Meter vom nächsten Randstreifen als Einstands- und Deckungsgebiet für Großwild – aber eben von den Wildschweinen mit seiner besonderen Biologie abgesehen – genutzt.

Eine Nahrungsquelle besteht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur für das Wildschwein. Den Wiesenbrütern ist ihr angestammter Biotop Wiese genommen worden und Singvögel gibt es im Maisfeld ohnehin nicht. usammengefasst muss man sagen, dass ein Maisfeld eine biologisch sterile Landschaft darstellt.

Betrachtet man jetzt die enorme Zunahme und die bereits vorhandenen Flächen von Mais, kann man sich vorstellen, welche Flächen der Fauna und Flora verloren gegangen sind. Leider ist ein nicht mehr vorkommender Kiebitz oder Feldlerche nicht so zu erkennen, wie ein Wildschweinunfall oder der Schaden im Maisfeld und wird deshalb kein Entsetzen auslösen. Kein Entsetzen auslösen bedeutet jedoch auch, dass es keinen Grund gibt, aufmerksam zu werden und Gegenmaßnahmen zu treffen.

Wenn schon das Biogas in der Politik von Bedeutung ist und der Maisanbau gewollt ist, so müssen unbedingt Möglichkeiten geschaffen werden, bei denen der Maisanbau nicht zur völligen Zerstörung des Naturhaushaltes führen wird.

Möglichkeiten dazu werden diskutiert. Jede der angedachten Möglichkeiten führt natürlich zu einer Verringerung der Anbaufläche, was wiederum von den Maiserzeugern nicht gewünscht ist, da es sich dann um Einkommensverluste handelt. Freiwillig wird kaum ein Erzeuger auf das Geld verzichten wollen.

Als Vorsitzender eines nach §29 des BNatSchG anerkannten Naturschutzverbandes, nämlich der Jägerschaft Land Hadeln/Cuxhaven, habe ich neben den jagdlichen Belangen unserer Mitglieder in dieser Wildschweinsache auch die Belange des Naturschutzes zu bewerten und zu bearbeiten.

Leider gibt es aber für die nichtjagdliche Tierwelt - von der Pflanzenwelt ganz zu schweigen - kaum öffentliches Interesse für das gemeinsame Bestehen des Mais mit der übrigen Flora und Fauna.

Richtig ist natürlich, dass die "Natur“ zu einem großen Teil immer auf Wirtschaftsflächen, sei es nun das Feld oder der Wald, stattfindet. Vor dem intensiven Maisanbau hat sich jedoch das Miteinander der Bewirtschaftung mit der übrigen Natur in einem wenn auch nicht optimalen, so jedoch erträglichen Zustand gehalten.

Der Energiepflanzenanbau sowie der ohnehin in der Landwirtschaft veränderte Prozessablauf zur Gewinnung von Produkten (Grassilage) lässt die Natur immer mehr zum Verlierer werden.

Es hat seinen Grund, dass die Jagd eine kritische Sichtweise zum Maisanbau hat. Denn nur wer nutzt, wird etwas dafür tun, das er auch zukünftig nutzen kann, also die Jagd nur mit großer Nachhaltigkeit durchführen.

Schließlich geht es bei der Jagd nicht nur um das Großwild, sondern auch um die anderen, dem Jagdrecht unterliegende Tiere, denen der Aufenthaltsort genommen wurde. Dass damit auch die gesamte Natur etwas von der jagdlichen Nutzung hat, braucht nicht lange erklärt zu werden.

Es darf nicht dazu führen, dass der Jäger jetzt für das Wildschweinproblem verantwortlich gemacht und zum reinen Schadwildbekämpfer herabgewürdigt wird. Abschließend möchte ich noch einmal davor warnen, das Mais-Wildschwein-Problem nur monetär und unter Ausschluss der übrigen erheblich größeren und mit Geld nicht zu bewertenden Problematik in der gesamten Biologie zu sehen.

Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Klotz
.

oste.de am 28. 10. 2010:

Maismast für
die Wildsäue


Frischlinge: Leben wie Maden im Speck

27. 10. 2010. Die grassierende Vermaisung des Ostelandes (wir berichteten) und ihre Auswirkungen auf die Wildpopulation sind an diesem Donnerstag, 28. 10., 13.05 Uhr, im Nordwestradio Thema einer Live-Übertragung aus dem Landvolkhaus in Zeven (Meyerstraße 15, Eintritt frei).

"Der Boom von Biogasanlagen in Niedersachsen hat eine tierische Nebenwirkung. Durch den zunehmenden Anbau von Energiepflanzen wie Mais haben Wildschweine so viel zu futtern, dass sie sich explosionsartig vermehren. Die Zeche zahlen die Jäger. Sie müssen für Wildschäden in der Landwirtschaft aufkommen, zahlen inzwischen in vielen Revieren Entschädigungen an Bauern. Der Kern des Problems ist bekannt. In den vergangenen Jahren sind im Norden Hunderte Biogasanlagen entstanden, weitere sind in Planung. Viele laufen mit Energiepflanzen, wobei der Bedarf an Raps und Mais enorm ist," schreibt Nordwestradio über die Sendung (Moderation: Hans Heinrich Obuch, Redaktion: Hilke Theessen).

Immer häufiger
Wildschweinunfälle


Biogasanlage (in der Wingst)

Und weiter: "Um diesen ständig steigenden Bedarf zu decken, bauen immer mehr Landwirte großflächig Mais an. Mindestens ein Drittel der Ernte wird in Biogasanlagen gehäckselt, als Maissilage vergoren und verstromt. Mais ist aber nicht nur die Hauptfrucht für Ökostrom, sondern auch die Lieblingsspeise der Wildschweine. In den riesigen Maisfeldern lassen sich ganze Rotten nieder. Unter diesen  Bedingungen klappt es auch mit dem Nachwuchs.

Eine Bache wirft sechs bis acht Frischlinge, und in den Feldern muss keines der Jungtiere hungern. In dem Schlaraffenland für das Schwarzwild haben die Jäger kaum eine Chance. Sie schießen zwar jährlich mehr Wildschweine ab, aber die Population wächst trotzdem. Inzwischen kommt es in Niedersachsen immer häufiger zu Unfällen mit Wildschweinen."


Schlaraffenland fürs Schwarzwild

In der Diskussion sollen Fragen beantwortet werden wie: Wird das Schwarzwild auch zur Bedrohung für den Menschen? Überträgt es Seuchen wie die Schweinepest? Welche Rolle spielt die flächendeckende Monokultur? Welche wirtschaftlichen Schäden richten Wildschweine an?

Gesprächsteilnehmer sind Christian Meyer, MdL, stellv. Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/die Grünen; Helmut Dammann-Tamke, MdL, CDU, Präsident Landesjägerschaft Niedersachsen; Dr. Oliver Keuling, Tierärztliche Hochschule Hannover, Institut Wildtierforschung; Rudolf  Heins, Vorsitzender Landvolkverband Zeven, Jagdvorsteher Hermann Gerken, Kreisjägermeister, Tierarzt.

"Syphilis der
Landwirtschaft"

Auch Touristen äußern sich zunehmend kritisch über die Maiswüsten an der Oste - wie eine Radwanderergruppe, die dieser Tage hier im Web über eine Tour von Osten nach Zeven berichtete: "Was uns an diesem Tag bereits morgens begleitete waren: Maisfelder, Maisfelder, Maisfelder…. In jeder kleinen Lichtung bis nah an den Wegen: Maisfelder, Maisfelder, Maisfelder…".

Dass von Naturschützern als "Syphilis der Landwirtschaft" charakterisierten Maismonokulturen auch den Jägern zu schaffen machen, hatte der Wildexperte Dr. Kurt Menzel laut Bremervörder Zeitung unlängst vor der Jägerschaft Bremervörde beklagt. Die Maiswüsten beherbergten massenhaft Schwarzwild. Die Landwirte müssten daher beim Maislegen "Schussschneisen" einarbeiten, forderte Menzel.

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