Die Oste - Fluß
mit Vergangenheit

8. Themenexkursion
der AG Osteland e. V.
am 8. Oktober 2006

Ehem. Kriegsgefangenen-
und KZ-Ausweichlager
Sandbostel/Oste
(Website)

In Ostenähe: das Lager (unten links)

Im September 1939 kamen mehrere tausend Polen als erste Kriegsgefangene in das abseits in einer Moorlandschaft zwischen Elbe und Weser gelegene Lager Sandbostel.

Russische Kriegsgefangene in Sandbostel

Im Stalag X B (Mannschafts-Stammlager B im Wehrkreis X, Hamburg) waren bis zu seiner Befreiung im April 1945 einige Hunderttausende Menschen aus großen Teilen der Welt untergebracht: Kriegsgefangene, vornehmlich aus der Sowjetunion, Frankreich, Polen, Jugoslawien und Großbritannien, italienische Militärinternierte, Angehörige der britischen Handelsmarine, Teilnehmerinnen am Warschauer Aufstand von 1944 und zuletzt auch etwa 10.000 KZ-Häftlinge. Manche Gefangene blieben nur einige Tage im Lager, andere mehrere Jahre. Die Kriegsgefangenen wurden an zahlreichen Orten in der norddeutschen Kriegswirtschaft eingesetzt.

Ausgrabungsfunde in Sandbostel

Zu einem Massensterben durch Hunger, Seuchen, Erschöpfung und Gewalt kam es im Herbst un Winter 1941/42 unter den sowjetischen Kriegsgefangenen sowie im April/Mai 1945 unter den nach Sandbostel verschleppten KZ-Häftlingen. Die Toten des Lagers sind auf dem etwa zwei Kilomete östlich des Lagers gelegenen Friedhof beerdigt. Ihre Zahl ist bis heute nicht abschließend geklärt. Die Schätzungen schwanken zwischen 8.000 un 50.000 Toten.
Die britischen Truppen brannten im Mai 1945 mehrere Lagerareale wegen einer Typhusepidemie nieder.

Von ehem. SS-Männern gemauerter Altar


 

Vom Juni 1945 bis 1948 wurden einige tausend SS- und NS-Führer in Sandbostel interniert. In den Jahren 1952 bis 1964 dienten die bis dahin noch existierenden Baulichkeiten als Durchgangslager für jugendliche DDR-Flüchtlinge.


Aushang der Stiftung

1974 wurden die Teile des Lagergeländes, die noch nicht in Ackerland zurückverwandelt worden waren, zun „Gewerbegebiet Immenhain" erklärt. Die 25 bis heute zumindest in den Grundstrukturen erhaltene) Gebäude des Stalag X B stehen seit 1992 (mit wenigen Ausnahmen) unter Denkmalschutz.

Beginn der Exkursion an der Lagerkirche

Tourenleiter Curt Schuster, Udo Theuerkauf

Oste-Kulturpreisträger Dr. Klaus Volland informiert

Das ehemalige Kriegsgefangenenlager Sandbostel gewinnt, wie die Zevener Zeitung (ZZ) jetzt urteilte, zunehmend den Charakter einer anerkannten Gedenkstätte. Ab Januar 2007 sollen erstmals Schulen finanziell gefördert werden, die Klassenfahrten in das Lager organisieren. Die Mittel will die Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten in Celle zu Verfügung stellen.

Die Stiftung wurde 2004 vom Land Niedersachsen gegründet, ist mit Geldern aus Hannover ausgestattet und entscheidet unter anderem über die finanzielle Förderung von Schulfahrten zu ehemaligen Stätten des Nationalsozialismus auf niedersächsischem Gebiet. "Sandbostel hat als Gedenkstätte einen Stand erreicht, der es rechtfertigt, die Einrichtung in das Förderprogramm aufzunehmen", sagte Stiftungsvorstand Hermann Wiedemann gegenüber der ZZ..

Die Gedenkstätte Sandbostel, getragen von einer eigens gegründeten örtlichen Stiftung und begleitet vom Gedenk- und Dokumentstättenverein, habe mittlerweile einen Stand erreicht, der von der landeseigenen Stiftung in Celle volle Anerkennung findet, zitiert die ZZ den Stiftungsvertreter.

Das pädagogische Konzept, das vor allem von Dr. Klaus Volland entwickelt wurde, sei geeignet, Schulklassen das Geschehen im ehemaligen Kriegsgefangenenlager lebendig zu vermitteln. Das Informationsangebot am Ort des Gedenkstättenvereins in Bremervörde und Führungen im ehemaligen Lager würden Schülern eindrucksvolle Erlebnisse vermitteln.

Ab 2007 sollen daher Schulfahrten nach Sandbostel gefördert werden. Der Zuschuss beträgt bis zu 60 Prozent. Die Anträge müssen bei der Stiftung in Celle sowie bei der Stiftung oder dem Verein in Sandbostel gestellt werden.

Die Verantwortlichen in Sandbostel bemühen sich, wuie die ZZ berichtet, zur Zeit darum, den alten Zustand des Lagers - soweit wie möglich - wiederherzustellen beziehungsweise den vorhandenen Bestand für die Nachwelt zu erhalten.

Gefällte Bäume auf dem Lagergelände

Auf dem Gelände  wurden in den vergangenen Wochen zahlreiche Bäume beseitigt, damit das Lager - auf dessen Gelände es einst weder Baum noch Strauch gab - wieder in seiner Grundstruktur erkennbar wird.

Speisesaal aus der Jugendlagerzeit nach 1950

Außerdem sollen zwei von neun baufälligen Baracken, die sich allesamt mittlerweile im Besitz der örtlichen Stiftung befinden, vor dem Verfall gerettet werden. Die Dächer der beiden Baracken werden abgedichtet.

Hermann Luttmann zeigt sich auch zuversichtlich, was den Bau der eigentlichen Dokumentationsstätte betrifft. Allerdings sei das Ziel, die Dokumentationsräume von Bremervörde ins Lager zu verlegen, nur langfristig zu erreichen.
 

Friedhof (Kriegsgräberstätte)
Sandbostel/Oste
(Website II)

Die sowjetische Militäradministration ließ im Sommer 1945 auf dem Friedhof Sandbostel ein Ehrenmal für die dort beerdigten Rotarmisten errichten. 1949 wurde der gesamte Friedhof einplaniert und umgegraben. Danach wurden die 53 sowjetischen Massengrabreihen oberirdisch auf einer wesentlich kleineren Fläche zu (heute 14) „Sammelgräbern" zusammengefasst; die Grabanlage entspricht also zum Teil nicht der tatsächlichen Lage der Toten.

1956 wurde das sowjetische Ehrenmal - unter anderem wegen der auf ihm vermerkten angeblich weit überhöhten Zahl der Toten - auf Betreiben des Landkreises Bremervörde und des niedersächsischen Innenministeriums gesprengt.

Die dreisprachige Inschrift des sowjetischen Ehrenmals lautete: „Hier ruhen 46.000 russische Soldaten und Offiziere, zu Tode gequält in der Nazigefangenenschaft."

1956 wurde auch die Umbettung von fast 3000 KZ-Häftlingen aus Massengräbern in der Region auf den Friedhof Sandbostel im Wesentlichen abgeschlossen. Die Überreste der nichtsowjetischen Kriegsgefangenen wurden größtenteils in ihre Heimatländer, die der Italiener auf den Zentralfriedhof in Hamburg-Öjendorf überführt. Heute befinden sich noch etwa 170 Einzelgräber von polnischen, jugoslawischen und unbekannten Kriegsgefangenen auf dem Friedhof.

Die nationalen Veteranenverbände der Kriegsgefangenen und die Organisationen der überlebenden KZ-Häftlinge wie die Amicale Internationale de Neuengamme setzten sich nach dem Krieg dafür ein, dass die Geschichte des Stalag X B nicht in Vergessenheit geriet und dass die Grabstätten der Toten von Sandbostel in einem würdigen Zustand gehalten wurden. Für ihre Pflege war seit 1946 das Land Niedersachsen zuständig; seit 1973 wird der Friedhof im Auftrag des Landes von der Gemeinde Sandbostel betreut.
 

Nieder Ochtenhausen

Führung durch Dr. Helge Matthiesen (Flensburg)

In Nieder Ochtenhausen existierte schon im Ersten Weltkrieg ein Lager für 1400 russische Kriegsfenangene, die von der preußischen Armee für Deichbau- und Meliorationsarbeiten abgestellt wurden. In dem primitiven Barackenlager kam es im Frühjahr 1915 durch Seuchen zu 130 bis 140 Todesfällen.

Stein zum Gedenken an russische Gefangene

Dennoch seien die Kriegsgefangenen - verglichen mit der "Vernichtung durch Arbeit" im Zweiten Weltkrieg etwa in Sandbostel - damals "vergleichsweise human" behandelt worden, urteilt der Heimatforscher Dr. Helge Matthiesen (heute Flensburg).

Ostedeich: Viele haben mitgebaut

Matthiessen hat mit seinen Nachforschungen dazu beigetragen, dass an der Schiffstelle an der Oste auch ein Gedenkstein für die Kriegsgefangenen aufgestellt worden ist.

Gut Haneworth
(Website)

Der aus Osten stammenden Reichstagsabgeordnete Dr. Diederich Hahn zählte schon in jungen Jahren zum engen Freundeskreis des ehemaligen Reichskanzlers Fürst von Bismarck . Der Nationalist Hahn verstand sich bis zu seinem Tod als einer der politischen Testamentsvollstrecker Bismarcks. Hahn war Mitbegründer des einflussreichen Bundes der Landwirte , deren Interessen er in der Provinz Hannover vertrat. Um im 1. Weltkrieg die Volksernährung sicherzustellen, gründete Hahn in Lamstedt eine Kultivierungsgenossenschaft, um  Heide und Moorflächen urbar zu machen; einen großen  Teil der Ländereien hatte Hahn persönlich erworben, um darauf Gut Haneworth aufzubauen.

Kriegsgefangenenlager
Lamstedt
(Website)

Gut Haneworth bei Lamstedt

Gutsbesitzer Heinz Christian Gresens referiert

Zur Kultivierung der Lamstedter Ländereien wurden Kriegsgefangene aus Flamen herangezogen , die unter Aufsicht von preußischen Soldaten zur Arbeit eingesetzt wurden. Die Gefangenen wohnten in Baracken  in der Nähe des heutigen Gutes Haneworth, die vom Militär aufgebaut wurden. Da die harte Arbeit für die Gefangenen nicht zu bewältigen war, wurden zusätzlich riesige Kruppsche Dampfpflüge eingesetzt.

Der Gutspark - 1914/15 angelegt von Gefangenen

Nach Feststellungen der Gemeinde Lamstedt arbeiteten auf dem Gut weit mehr als  500 Kriegsgefangene. Das Lager müsse im weiteren Sinne als „Gulag“ (= Arbeitslager) bezeichnet werden. Dort seien bisher 14 Todesfälle bekannt geworden, heißt es auf einer Gemeinde-Website: "Insbesondere den Toten, aber auch den anderen Kriegsgefangenen sind wir es in einem sich vereinigenden Europa schuldig, diesen Teil der Geschichte aufzuarbeiten."

Beispielhaft für eine derartige Vorgehensweise sei die in den 80er Jahren erfolgte Aufarbeitung der Historie des Kriegsgefangenenlagers Nieder Ochtenhausen (siehe oben).

Historische Gutsgärten in Norddeutschland

"Über die Errichtung einer Gedenkstätte bzw. eines Mahnmals sollte befunden werden, sobald abschließende Erkenntnisse hinsichtlich des Standortes wie auch gegebenenfalls weiterer Todesfälle vorliegen," heißt es bei der Gemeinde.


 

Jüdischer Friedhof
im Wingster Wald

Im 18. und 19. Jahrhundert gab es in Neuhaus und Osten eigene jüdische Gemeinden. Der jüdische Friedhof für das Land Hadeln lag am alten Postweg zwischen Neuhaus und Lamstedt in der Wingst. Erhalten sind 26 Grabsteine aus den Jahren von 1767 bis 1926.

Führung durch Erich Müller (r.)

Auf dem Friedhof befindet sich unter anderem die Grabstätte der Familie Philippsohn aus Osten, deren Nachfahren im KZ Minsk umgekommen sind.

Der jüdische Brauch, kleine Steine auf die Grabplatten zu legen, gehe in die biblische Zeit zurück, als man Gräber nur mit einem Steinhügel bedeckte, erläuterte der Heimatforscher und langjährige Kommunalpolitiker Erich Müller, der sich seit Jahrzehnten für die Erhaltung des Friedhofs einsetzt.

Bodenerosion, Überflutungen oder wilde Tiere hätten, so Müller, einst den Gräbern zugesetzt, deren Bedeckung sich in der Umgebung verstreute. Um die Entweihung zu verhindern, hätten immer wieder neue Steine auf die Grabstätten gelegt werden müssen, und das geschehe in Erinnerung an alte Zeiten auch heute noch.


 

Fotos von Renate Wendt, Jochen Bölsche,
Curt Schuster und Peter Wortmann

www.osteland.de

www.ostemarsch.de