Als in Bentwisch
der Deich brach

Jörg von See (Cadenberge) erinnert sich an die Sturmflut 1962
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Die Gedenkveranstaltungen und -artikel zum 50. Jahrestag der Februarflut 1962 haben auch bei dem Cadenberger Versicherungsfachmann und Kommunalpolitiker Jörg von See Erinnerungen an die Katastrophe geweckt, die er als Fünfeinhalbjähriger in Oberndorf-Bentwisch erlebte. "Diese Bilder / Ereignisse werde ich nie wieder vergessen," schreibt er zu dem folgenden Bericht, dem er www.oste.de übermittelte.

Mein Vater Ludwig von See war mit der Feuerwehr seit dem Nachmittag im Einsatz – was wir erst später erfuhren: Er galt zwischenzeitlich als vermisst, da er mit der Wehr bei Mahler als Wehrführer Bentwisch von der einer gefährdeten Seite zur anderen wollte, um sich ein Bild zu machen. In dem Moment brach der Deich, und die Kameraden diesseits der Bruchstelle haben nicht gesehen, dass er die andere Seite gerade noch erreicht hatte – Funk gab es ja noch nicht – , so wurde zunächst eine Suchaktion gestartet, bis Sicht- bzw. Rufkontakt herrschte.

Wir, meine Mutter Elisabeth und wir Kinder Helga, Renate, Hartwig und ich waren zu Hause (Bentwisch 68), mein Bruder Heiner war zum Offizierslehrgang in Süddeutschland. Am Abend kamen noch unsere Nachbarn Oma und Opa Schmoldt (Mariechen mit den Kindern Klaus und Karin waren mit Familie Walter von See zuvor per PKW "geflüchtet", Vater Heini – Kümoeigner - kam mit dem Zug nicht aus Hamburg raus) zu uns, da ihnen das Wetter und die Radiomeldungen unheimlich wurden. Sie wohnten nebenan in einer kleinen Wohnkate mit Landstelle (2 Kühe und weiteres "Kleinvieh").

Abends (es war schon dunkel und stürmte fürchterlich) ist Mutti mit Hartwig und mir zum Deich gegangen, komisch, der war irgendwie ganz feucht und "schwammig". Ich wollte nach alter Gewohnheit auf der anderen Seite wieder herunter laufen, doch da war nur Wasser, das auf Höhe der Deichkrone stand, und der Untergrund zitterte irgendwie. Sofort wurde der Rückzug "befohlen", und wir eilten zurück ins Haus. 

Aus der Stube konnte man das Brausen des Orkans hören, und es war durch das von mir nie wieder so gesehene Wetterleuchten sogar recht hell.

Später am Abend hatte Opa Schmoldt Atemnot, und seine Frau wollte kurz rüber ins eigene Haus, um Medikamente zu holen. Da sah ich im fahlen Licht, dass da gar kein Haus mehr war, und Oma Schmoldt wurde von ihrem Plan abgehalten: "Das wird schon gehen… bei diesem Wetter kannst Du nicht los…."

Wir schauten aus der Haustür, und das Wasser rauschte um die unteren Stufen des Hauses (unser Hof wurde zum Ende des Krieges ausgebombt und auf den Grundmauern des alten Gebäudes wieder aufgebaut und lag somit etwa einen Meter höher als das Grundstück). 

Als das Wasser anstieg gab Mutti den Befehl die Wohnung zu verlassen und wir zogen Alle auf den Heuboden (der stand auf massiven Eisensäulen und hatte einen Betonboden) da das der sicherste Platz zu sein schien.

Am nächsten Tag war das für mich unbegreifliche Ausmaß trotz des ganzen Wassers, das auf dem Land stand, schon mal grob zu erkennen:

Der Deich vor dem Schmoldtschen Haus war in etwa 10 bis 15 Meter Breite gebrochen. Wo vorher die Straße war, gab es nun einen großen Teich (die Ausspülungen waren, wie man später sehen konnte, mehrere Meter tief). Aber es kam noch viel schlimmer: Vom Wohnhaus und Stall unserer Nachbarn standen nur noch Trümmer, und von den beiden Kühen hat eine überlebt, weil sie in den Fluten auf dem Kadaver der anderen stand. In den Bäumen hing Treibgut – wie gesagt: Bilder, die ich meinen Lebtag nicht vergessen werde! 

Die gesamte Familie Schmoldt (Oma und Opa wurden dann in Oberndorf untergebracht) hat noch länger bei uns gewohnt, und für mich war das ganze natürlich toll und abenteuerlich. Von den Resten des Hauses lag z. B. der Schornsteinkopf komplett mehrere hundert Meter entfernt, Jahre später haben wir beim Grabensaubermachen noch Weckgläser gefunden – die Kirschen schmeckten noch sehr gut.

In den Tagen nach der Flut war bei uns auf dem Hof jede Menge los: Eine ganze Kompanie Pioniere rückte mit schwerem Gerät an, und der Hof wurde zur "Kaserne" umfunktioniert. Die Soldaten schliefen auf dem Heuboden und in der Scheune – das war ein toller Spaß für uns Jungs, konnten wir mit den Soldaten doch abends rumtoben und Cowboy und Indianer spielen. 

Mein Bruder Heiner hatte bei seinem Lehrgang sofort freibekommen und wurde per LKW von den Pionieren über Himmelpforten am Bahnhof Höftgrube abgeholt. 

Faszinierend war für mich auch immer die Essensausgabe: Alle mussten vor dem Hauseingang antreten und gingen der Reihe nach durch den langen Flur. An der Küchentür wurde dann Verpflegung gefasst (das Graubrot und Wurstkonserven kannte ich gar nicht, Wurst und Fleisch wurde bei uns entweder "eingeweckt" oder zum Kühlhaus der Molkerei Hasenfleet gebracht). Im Gänsemarsch ging es dann zur Stalltür wieder hinaus.

Die Offiziere der Kompanie waren allerdings auch zunächst etwas zu militärisch, mussten doch die Soldaten trotz schwerster körperlicher Arbeiten auch noch exerzieren – wir Kinder fanden das ganz witzig und machten "Parademarsch". Das kam allerdings bei den Weltkriegsteilnehmern (z. B. die Nachbarn Georg Böker, Richard Dede, Hans Hellwege und natürlich mein Vater, der erst lange nach Kriegsende aus russischer Gefangenschaft zurückkam und den ausgebombten Hof vorfand) überhaupt nicht gut an und wurde dann auch wohl eingestellt. 

Und richtig was los war auch bei meinen Schwestern. Während Helga immer verheult und angenervt durch die Gegend ging, war Renate immer gut gelaunt. Naja, Helgas Hochzeitstermin sollte kurz nach der Sturmflut sein (wurde dann etwas verschoben), und Renate fand die jungen Burschen auf dem Hof wohl ganz nett, denn die pfiffen ihr hinterher und wollten von mir wissen, was denn mit Helga (der wurde auch immer ganz schlecht) los sei. Also davon hatte ich damals wirklich noch keine Ahnung, und das verwirrte auch mich!


 Karin und Klaus Wilhelm Schmoldt,...

... die Nachbarskinder, beim Swattsuur-Eten

Nach einigen Wochen / Monaten kehrte langsam die Normalität zurück: Die Soldaten zogen wieder ab (jahrelang wurde noch ein Treffen mit den Soldaten auf dem Schießstand durchgeführt), Familie Schmoldt baute ein neues massives Wohnhaus, der Deich und die Straße waren repariert bzw. wurden neu gebaut, Helgas Hochzeit mit Hartwig Scholvin fand statt (und Nachwuchs kam dann auch mit verkürzter "Lieferzeit" - zumindest vom Hochzeitstermin aus gemessen), und Renate ließ sich nur noch von Albertus Lemke nachpfeifen. Alles war wieder gut!

All diese Erinnerungen werden stets bei mir sein und natürlich bei Familientreffen und Feiern immer mal wieder ausgetauscht – die Bilder sind stets abrufbereit! All diese Tatsachen und Berichte sollten auch insbesondere den "Elbvertieferern" gerade in Hamburg zu denken geben!

Jörg von See, Altenfluth 1, 21781 Cadenberge


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