Die "Ostealgie" 
greift um sich
Deutsche Fährstraße große Chance für die Region

Von Thomas Schmidt

Bremervörde. Groß war das Medienecho bei der Eröffnung der Deutschen Fährstraße im Bremervörder Oste Hotel. Für die Region Bremervörde ist das vom Verein Osteland maßgeblich vorangetriebene Projekt eine große Chance. Wird die Ostestadt doch künftig in einem Atemzug mit Kiel genannt, dem anderen "Ende" der Deutschen Fahrstraße. Touristiker der Region sind jetzt zuversichtlich, dass die Deutsche Fahrstraße dem Fremdenverkehr in Bremervörde und umzu neue Impulse geben wird.

Inzwischen gibt es drei verschiedene jeweils rund 250 Kilometer lange Routen entlang der Deutschen Fährstraße - eine blaue für Wassersportler, eine rote für Auto- und Motorradfahrer und eine grüne fur Radfahrer. Nähere Routen-Infos finden sich unter www.deutsche-faehrstrasse.de im Internet.

"Ferienstraßen haben einen großen Rang. Das zeigt etwa die Deutsche Weinstraße", betont Bianka Kummer von der Stadt Bremervörde im Gespräch mit der BZ. Die Leiterin des Fachbereiches Wirtschaftsförderung, Touristik und Kultur sieht in dem Projekt die Möglichkeit, die Deutsche Fahrstraße als "Marke" zu etablieren. Der Imagefaktor sei von unschätzbarem Wert und eröffne die Möglichkeit, auch überregional den Natur- und Erlebnispark zu vermarkten.

Glücksfall für die Region

Als Glücksfall für die Region bezeichnet auch der stellvertretende  Landrat und TouROW-Vorsitzende Reinhard Brunjes das Projekt. Die Fährstraße sei ein wichtiger Schritt nach vorn bei dem Versuch, eine Region über Kreisgrenzen hinweg gemeinsam touristisch zu erschließen. "Das Schönste ist, dass alle Osteanlieger endlich an einem Strang ziehen. Die Kirchturmspolitik hat endlich ein Ende", sagt Caspar Bingemer, Eigentümer und Kapitän der Mocambo von der Firma Osteschifffahrt. 

Karin Warncke, Geschäftstellenleiterin der Arbeitsgemeinschaft Maritime Landschaft Unterelbe, die das Projekt von Beginn an unterstützt hat, teilt die Einschätzung des Skippers. "Die Oste gehört zu den schönsten Nebenflüssen der Unterelbe. Die Flusslandschaft ist als Naturschönheit erhalten geblieben und schlängelt sich unbegradigt an idyllischen Dörfern vorbei." Reisegruppen können wunderschöne Ausflugspauschalen wie die "Oste rauf und runter" oder "Fährmann hol öber" buchen. Die Touristikerin aus Grünendeich sieht in der Deutschen Fahrstraße eine ideale Ergänzung zu den Angeboten des Moorexpresses und anderen touristischen Aushängeschildern der Region.

In Bremervörde fing alles an

Einen sehr persönlichen Zugang zur Ost hat Jochen Bölsche. Der stellvertretende Vorsitzende des Vereins Osteland, der zu den Gründervätern der Deutschen Fährstraße gehört, beschrieb beim Festakt zur Eröffnung im Oste Hotel die Faszination Oste: "Im Sommer 1992 habe ich zum ersten Mal von Hamburg aus mit einem Kajütboot die Oste befahren bis hinauf nach Bremervörde - und auf diesem Törn habe ich ein äußerst folgenreiches Faible entwickelt für diesen idyllischen, sauberen und trotzdem noch immer weithin unbekannten Strom", freut sich der Touristiker aus Leidenschaft und Redakteur beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

Für seine Festrede hatte Bölsche in seinem alten Logbuch geblättert und unter Bremervörde lediglich einen ganz "prosaischen Eintrag gefunden". Über einen Motorschaden hieß es dort lakonisch: "Stoppknopf defekt". Aus heutiger Sicht haben diese zwei Wörter für Bölsche eine tiefere Bedeutung: "Meine Vorliebe fur die Oste war seit meiner Flussreise nach Bremervörde nicht mehr zu stoppen." So habe Bremervörde sein Leben verändert. 

In den seither verflossenen zwölf Jahren hat er jeden Sommer an der Oste verbracht. Schließlich ist Bölsche ganz ins Osteland gezogen - in ein Haus an der Schwebefähre in Osten: Natürlich in die Fährstraße. Seine Website heißt sinnigerweise oste.de - genauso wie das Boot. Der Hobby-Skipper nennt seine Leidenschaft "einen schweren Fall von Ostealgie".

Die Notwendigkeit, etwas für die Oste zu tun, liegt nach Bölsches Einschätzung auf der Hand: Es sei spürbar gewesen, wie sehr all das bedroht ist, was uns hierher zieht: "Plötzlich fuhr (zeitweise) das Flussschiff 'Mocambo' nicht mehr, plötzlich schwebte auch die Schwebefähre nicht mehr, und der Tourismus lahmte, eine der wenigen Hoffnungen für die Entwicklung dieser doch recht abgelegenen Region." Eine Idee, wie sich dieser Entwicklung vielleicht begegnen ließe, hat Bölsche seiner Mitarbeit in der Fördergesellschaft zur Erhaltung der Schwebefähre in Osten zu verdanken, die ihn im vorigen Herbst zur Gründungsversammlung des Weltverbandes der Schwebefähren nach Madrid und Bilbao geführt hat.

Im Gespräch mit den Bürgermeistern der deutschen Schwebefähren-Gemeinden sei ein Gedanke entstanden, der seither vielfach gezündet hat und den Bölsche so auf den Punkt bringt: "Gemeinsame Vermarktung der beiden letzten deutschen Schwebefähren, die ja zugleich die überragenden Wahrzeichen ihrer jeweiligen Region sind, mit Hilfe einer neuen Ferienstraße, die es möglich macht, an rund 50 Orten alle Möglichkeiten zu erleben, die der Mensch je ersonnen hat, um ein Gewässer zu überqueren."


Bremervörder Zeitung
29. 5. 2004