Jahresbericht 2009

von Werner Burkart

Beauftragter für Naturschutz und Landschaftspflege
im Landkreis Rotenburg (Wümme)
 

1. 5. 2010. ... Mehr als je zuvor prägten ...  die sich zuspitzenden Konflikte um eine umweltverträgliche, nachhaltig betriebene Landwirtschaft das Tagesgeschäft des Naturschutzes. Hierauf werde ich im Folgenden eingehen. Nach 25-jähriger ehrenamtlicher Arbeit erlaube ich mir jedoch auch einige bilanzierende Überlegungen die über den Zeitraum des vergangenen Berichtsjahres hinausreichen.

Erfolge für den Schutz der Natur

Die ermutigende Kraft von Erfreulichkeiten ist auch im Naturschutz unverzichtbar. Deshalb sei an einige Entwicklungen erinnert, die keinesfalls selbstverständlich waren.

Gewässerschutz - Abwasserfahnen verschwunden

Die Verbesserung der chemischen Gewässergüte größerer Vorfluter durch den Bau von Kläranlagen und die Abwendung von ökologischen Schäden durch belastetes Oberflächenwasser ist ein Ergebnis großer Anstrengungen auf kommunaler Ebene, Gleichzeitig bleibt diese Aufgabe - nicht zuletzt durch neue Probleme und technische Fortentwicklung - eine ständige Herausforderung. Wenngleich sie eher dem „technischen Umweltschutz" zuzurechnen ist, bleibt doch der Naturschutz in hohem Maße mit betroffen. So haben Störfälle immer wieder gravierende Auswirkungen auch auf Arten, die nach Naturschutzrecht geschützt sind.

Es soll hierbei auch nicht verschwiegen werden, dass gerade die Quellbereiche und Oberläufe kleiner und kleinster Ffießgewässer, die noch vor 30 Jahren nahezu unbelastet waren, durch das Vordringen landwirtschaftlicher Nutzung dramatische Qualitätsverluste erlitten haben. Darüber hinaus hat besonders im Südkreis die Ausweitung der maschinellen Gewässerräumung in den achtziger Jahren zu schweren Schäden an der Gewässerstruktur vieler Fließgewässer geführt, die bis heute fortwirken. Für die flächendeckende Zielerreichung eines "guten Zustands" im Sinne der europäischen Wasserrahmenrichtlinien bedarf es weiterhin großer Anstrengungen...

Moorschutz - beispielhaft und effektiv

Dass vorausschauender Naturschutz unseres Landkreises sich besonders eindrucksvoll an unseren Hochmooren zeigt, habe ich wiederholt dargestellt. Mit vorbildlichen Beobachtungseinrichtungen sowie die Einbindung unserer Hochmoore in überregionale Bemühungen zum Naturerleben wird deutlich, dass Naturschutz auch bedeutet, die Menschen willkommen zu heißen, die Ruhe und Erholung suchen.

Artenschutz - Kernaufgabe des Naturschutzes mit Licht und Schatten

Deutlich zwiespältiger fällt die Bilanz im Artenschutz aus: Neben spektakulären Erfolgen wie die Rückkehr von Kranich, Uhu, Wanderfalke und Fischotter erleiden „volkstümliche" Arten wie Feldlerche und Kiebitz seit Jahren beispiellose Bestandseinbußen. Das Ende der Flächenstilllegung hat diese Entwicklung noch beschleunigt. Der „stumme Frühling" ist über weiten Bereichen der freien Landschaft bereits Realität. Auch zur Situation anderer Artengruppen wie Schmetterlinge und Amphibien sind erhebliche Sorgen angebracht.

Die Systeme von Oste und Wümme sind in den vergangenen Jahren mit Arten, die auch nach europäischem Recht als besonders schutzbedürftig eingestuft sind (Steinbeißer, Fluss - und Bachneunauge, Lachs und Meerforelle; Grüne Keiljungfer), in erfreulicher Weise -zumindest streckenweise- wieder besiedelt worden. Dies ist allerdings weniger auf eine allgemeine Lebensraumverbesserung zurückzuführen als auf gezielte Maßnahmen zur Durchgängigkeit sowie die beharrliche Arbeit u. a. engagierter Sportfischer, ohne die manchem Fließgewässer die notwendigen Habitatstrukturen fehlen würden.

Wie kaum eine andere Organismengruppe gibt uns die einheimische Pflanzenwelt flächendeckend und unbestechlich Aufschluss über den Zustand unserer Lebensumwelt. Während Gewerbegebiete, Verkehrsflächen und sonstige, nicht intensiv genutzten Bereiche nicht selten eine spontan entstandene, vielfältige Flora aufweisen, erlebt die Agrarlandschaft eine beängstigende Verarmung und Trivialisierung. Die Hauptursachen liegen in der flächendeckenden intensivierten Landbewirtschaftung einerseits und der Nutzungsaufgabe andererseits.

Die kreiseigenen Grünlandflächen sowie die Orchideenwiesen der Stiftung Naturschutz zeigen, dass der hohe Pflegeaufwand nach wie vor schwer zu leisten ist. Leider ist die Ausgestaltung von Programmen zum Artenschutz für die Landwirtschaft offenbar wenig attraktiv, so dass in unserem Landkreis von einem spürbaren Beitrag zur Erhaltung der Vielfalt kaum die Rede sein kann.

AG der Verbände - Dialog statt Konfrontation

Seit mehr als 30 Jahren gibt es in unserem Landkreis die Arbeitsgemeinschaft der Naturschutzverbände, die von Anfang an auf den Dialog und Meinungsaustausch mit Behörden, Politik und Verbänden, insbesondere mit der Landwirtschaft gesetzt hat.

Wenngleich sich viele Themen und Probleme, wie z. B. die Rückgewinnung gemeindeeigener Wegraine, Fragen zur Gewässerunterhaltung oder die Ausräumung der Agrarlandschaft als Daueraufgaben herausgestellt haben, ist aus meiner Sicht die Stimme des ehrenamtlich arbeitenden Naturschutzes gewichtig und in der öffentlichen Diskussion nach wie vor unentbehrlich.

Strukturwandel in der Landwirtschaft; Mais - Grünlandschwund - Biogas

Eine völlig neue Erfahrung waren für mich Im vergangenen Jahr die zahlreichen Reaktionen auf ein Pressegespräch, in dem es u. a. auch um die Auswirkungen des Grünlandumbruchs, des verstärkten Maisanbaus sowie die Entwicklung der Biogaserzeugung in unserem Landkreis ging. Die ausschließlich zustimmenden Rückmeldungen, auch aus den Reihen praktizierender Landwirte, sind für mich ein Zeichen dass die kontroverse Diskussion mitten durch die Landwirtschaft geht und auch Thema in breiten Bevölkerungskreisen ist. Und wenn selbst ehemalige Mitarbeiter der Landwirtschaftskammer, die viele Jahre Landwirte beraten haben, Unbehagen und Sorge über diese Entwicklung äußern, sagt dies etwas über die neuen, tief greif enden Probleme.

Dreh - und Angelpunkt aller Kritik ist die verhängnisvolle Weichenstellung durch fehlgeleitete Fördermittel, die die fortgesetzte Ausräumung der Landschaft erst ermöglicht hat.

In den vergangenen zwei Jahren ging eine Welle von Grünlandumbrüchen durch den Landkreis, nicht zuletzt auch durch Investoren, die mit herkömmlicher Landwirtschaft nicht viel mehr zu tun haben.

Mit der Verordnung zum Grünlandschutz vom Oktober 2009 schien ein Schritt zur Befriedung getan. In der Praxis zeigt sich aber zunehmend, dass trotz hohen bürokratischen Aufwandes durch fragwürdige Regelauslegung sich an der Misere kaum etwas geändert hat und der Grünlandschwund, meist zugunsten des Maisanbaues für Biogasanlagen, weiter anhält.

Gesetzesnovellen und Strategien zur Biologischen Vielfalt

Die Maßstäbe, die auf europäischer Ebene gelten, bilden den Handlungsrahmen für Gesetze und Vorschriften, die von der Bundes- über die Landesebene bis in den letzten Winkel unseres Landkreises hineinwirken.

Dass sich unser Land hiermit schwer tut, haben mehrfache Ermahnungen und Verurteilungen durch den Europäischen Gerichtshof bewiesen. Es entspricht nicht nur meiner persönlichen Einschätzung, dass der niedersächsische Naturschutz seit Jahren eine tiefe Talsohle durchschreitet.

Im Niedersächsischen Ausführungsgesetz zum Bundesnaturschutzgesetz ist der politische Wille erkennbar, so weit wie möglich an der unteren Grenze internationaler Naturschutzstandards zu bleiben.

Wenn wir Naturschutz als eine kulturelle Errungenschaft ansehen, dann muss leider auch konstatiert werden, dass die aktuell herrschende Naturschutzpolitik in Niedersachsen Ausdruck eines Banausentums ist, dem es freilich an populistischer, selbstgefälliger Schläue nicht mangelt.

Die vom Bundeskabinett 2007 beschlossene „Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt" muss schon jetzt Abstriche an Zielen machen, die bereits für 2010 vorgesehen waren. Für Niedersachsen hat die Regierung eine Landesstrategie verabschiedet. Sie soll durch „zuständige Behörden und andere Beteiligte" vollzogen werden. Nach Jahren der gezielten Ausdünnung der Naturschutzverwaltung und einer Verlagerung von Aufgaben auf die Kommunen fehlt es nicht nur aus meiner Sicht an Kapazitäten, dies auch wirklich umsetzen zu können.