Brückenbote (Rendsburg), April 2005


"Frohe Fährien 
im frischen Norden"

Die Rendsburger Schwebefähre ist das Wahrzeichen der "Deutschen Fährstraße", die ihre Entstehung dem spanischen König verdankt 

Geboren wurde die Idee in einer schlaflosen Nacht in Spanien, Pate stand kein Geringerer als  König Juan Carlos I. Vor den Fenstern des prächtigen "Grand Hotel Puente Colgante" in Portugalete, nahe der Mündung des Rio Nervíon in die wilde Biskaya, erhob sich, von gelblichem Scheinwerferlicht strahlend illuminiert, das filigrane Gitterwerk der "Mutter aller Schwebefähren". Jahrzehnte lang war die 1893 erbaute erste Fährbrücke der Welt, die der Spanier Alberto de Palacio und der französische Eiffel-Freund Ferdinand Arnodin entworfen hatten, Vorbild für Baumeister auf drei Kontinenten gewesen.

In weiteren 20 Orten, von Rio de Janeiro bis Rendsburg, von Bizerta bis Chicago, entstanden um die vorletzte Jahrhundertwende Schwebefähren, die das Überqueren von Gewässern ermöglichten, ohne die Schifffahrt zu behindern. Viele wurden, wie die weltgrößte "transporter bridge" im britischen Newport, wegen ihrer Schönheit von den Zeitgenossen gefeiert: "Würdig wie Apollo, stark wie Herkules."

Die Mehrheit dieser Meisterwerke der Ingenieurkunst ist seither in Kriegen zerstört oder vom Schneidbrenner zerstückelt worden. Ganze acht sind heute noch erhalten, zwei davon in Deutschland: die Schwebefähre unter der Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal zwischen Rendsburg und Osterrönfeld und, rund 200 Kilometer weiter südwestlich, eine "Schwesterfähre" über den idyllischen Elb-Nebenfluss Oste im niedersächsischen Osten.

Bürgermeister aller Schwebefähren-Städte sowie Denkmalschützer aus Fördervereinen waren im Herbst 2003 in Spanien zusammengekommen, um einen Weltverband der Schwebefähren zu gründen - auf Anregung der Spanier, die auf die Pionierleistung Palacios im Jahre 1893 mit Recht so stolz sind wie die Franzosen auf ihren Eiffelturm und die für die älteste Schwebefähre der Welt nun den Status des Unesco-Weltkulturerbes anstreben.

Am Abend vor Konferenzbeginn hatte der spanische König im Audienzsaal seines Zarzuela-Palasts bei Madrid die Delegation empfangen, darunter auch die Bürgermeister von Rendsburg und Osterrönfeld, Andreas Breitner und Jörg Sibbel, und deren Ostener Amtskollege Carsten Hubert. "Bewahrt diese Brücken," appellierte der Monarch an die Gäste aus Argentinien, Frankreich, Spanien, Großbritannien und Deutschland. Denn: "Die Schwebefähren gehören der gesamten Menschheit."

Während der Weltkonferenz keimte die Idee, die beiden letzten deutschen Schwebefähren - eine dritte auf dem Gelände der einstigen Kaiserlichen Werft in Kiel ist 1923 demontiert worden - künftig gemeinsam zu vermarkten: als technikgeschichtliche Attraktion von internationalem Format, als Wahrzeichen einer neuen Ferienstraße, die es zudem ermöglichen würde, die strukturschwachen Regionen an Oste und Nord-Ostsee-Kanal touristisch besser zu erschließen.

Gedacht, getan. Die Ostener Delegation übernahm die Aufgabe, für die Idee einer touristischen Route von Bremervörde bis Kiel zu werben, die nahezu alle Möglichkeiten erfahrbar macht, die der Mensch je ersonnen hat, um ein Gewässer zu queren - von der Furt, der die Stadt Bremervörde an der Oste ihren Namen verdankt, über den altertümlichen, handbetriebenen Fährprahm im nahen Gräpel, die fixen Elbfähren zwischen Glückstadt und Wischhafen und die vielen Kanalfähren bis hin zu den gigantischen "Kreuzfährschiffen" in Kiel; hinzu kommen Klappbrücken wie die Hörnbrücke am Kieler Hauptbahnhof, imposante  Hochbrücken und die beiden Kanaltunnel, Schleusen und Sperrwerke sowie etliche Schifffahrtsmuseen - insgesamt mehr als 50 maritime Sehenswürdigkeiten.

In Schleswig-Holstein besteht bereits seit Jahren eine "Touristische Arbeitsgemeinschaft Nord-Ostsee-Kanal" (TAG-NOK), die mit dem Slogan "Radel mal am Kanal" einen kreisübergreifenden Radwanderweg bewirbt. In Niedersachsen musste eine entsprechende Organisation erst geschaffen werden. So wurde Anfang 2004 die ehrenamtlich tätige Arbeitsgemeinschaft Osteland e.V. (AGO) gegründet, die Feintrassierung und Ausschilderung der Route übernahm,  ein Logo und eine Website (www.deutsche-faehrstrasse.de) entwickelte und Info-Material und einen Slogan entwarf: "Frohe Fährien im frischen Norden."

Bereits im Mai konnten Monika Heise (TAG-NOK) aus Rendsburg und Gerald Tielebörger (AGO) aus Hemmoor bei einem Festakt in Bremervörde die 150. deutsche Ferienstraße eröffnen. Funk und Fernsehen berichteten, die Presse veröffentlichte Sonderseiten und Serien, die Landeschefs Heide Simonis und Christian Wulff schickten Grußworte, die Kieler Oberbürgermeisterin Angelika Volquartz nannte die Route von der Oste zur Ostsee "eine der schönsten und zugleich aufregendsten Möglichkeiten, Norddeutschland zu entdecken".

Beworben wird die Deutsche Fährstraße auch von der Deutschen Zentrale für Tourismus, die zur Internationalen Tourismusbörse 2005 die Route von der Vörde zur Förde in die Reihe ihrer "Top 50"-Angebote aufgenommen hat, die in zwölf Sprachen im Internet herausgestellt werden.

Das Aufsehen, das Juan Carlos I. mit seinem Engagement für die Schwebefähren erregt hat, ist nicht zuletzt auch den beiden schwebenden Baudenkmalen in Deutschland zugute gekommen.

So hat der Einsatz des Königs entscheidend dazu beigetragen, dass die zentrale schleswig-holsteinische Veranstaltung zum Tag des offenen Denkmals 2004 mit starkem Medienecho an der Rendsburger Hochbrücke stattfinden konnte. Mit Hilfe der Investitionsbank des Landes wurde ein "Workshop zur Steigerung der touristischen Attraktivität der Schwebefähre in Rendsburg" ins Leben gerufen; als Prioritäten werden die Schaffung eines Fährmuseums in Rendsburg und die Einbindung in die Deutsche Fährstraße diskutiert.

Dem Eigentümer der Ostener Schwebefähre wiederum, dem armen Landkreis Cuxhaven, war es auf Grund des königlichen Engagements möglich, bei diversen Institutionen rund 1,1 Millionen Euro Förder- und Spendengelder für eine längst überfällige Reparatur des Bauwerks zu akquirieren. Im Frühjahr 2004 hat der Bund die Ostener Schwebefähre, die 1909 von dem Eiffel-Schüler Louis Pinette errichtet worden war, in den Rang eines nationalen Baudenkmals erhoben.

Und so ist nicht einmal übertrieben, was kürzlich eine auf den kanarischen Inseln erscheinende Zeitung schrieb: "Spanischer König rettet den Eiffelturm des Nordens."

Jochen Bölsche

Der Autor, SPIEGEL-Redakteur in Hamburg, ist Vizepräsident des Weltverbandes der Schwebefähren sowie 2. Vorsitzender der AG Osteland und der Fördergesellschaft zur Erhaltung der Schwebefähre in Osten.

Web-Tipps: 

www.schwebefaehre.org
www.deutsche-faehrstrasse.de