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Der stählerne Koloss und der spanische König

Ostener Schwebefähre ist im November wieder fahrbereit – Förderer kämpften im Schulterschluss mit Juan Carlos I. für die Sanierung 

Osten (gh).Hammerschläge auf Metall klingen aus luftiger Höhe über den Ort Osten – ein gern gehörtes Geräusch in den Ohren derer, die dafür gekämpft haben: Die Schwebefähre in Osten wird zurzeit saniert. Nicht zuletzt der spanische König Juan Carlos hatte gefordert, die Schwebefähren zu erhalten: „Diese Fähren gehören der gesamten Menschheit.“

Drei Jahre ist es her, dass die die Ostener Fährfreunde die Hiobsbotschaft erhielten: Aufgrund von Baumängeln musste die Schwebefähre stillgelegt werden. Antrieb und Elektrik waren hinüber, dazu kamen Risse in den Schienen. Seitdem standen die Motoren der 95 Jahre alten „eisernen Dame“ still. Keine Fahrten für Touristen, keine schwebende Gondel über der idyllischen Oste, keine nostalgische Verbindung zwischen Osten und Basbeck.

Düster sah es für die Fähre aus, die noch bis zum Jahr 1974 Passagiere befördert hatte, bei Niedrigwasser, bei Flut und Eisgang. Zur Eröffnung im Jahr 1909 war sie noch gefeiert worden, als „achtes Weltwunder“, als „Eiffelturm des Nordens“. Louis Pinette, ein Schüler des Eiffelturm-Erbauers Gustav Eiffel hatte sie entworfen.

Von der Euphorie war im Herbst 2001 nichts zu spüren, auch der Ruhm der längst unter Denkmalschutz stehenden Konstruktion war verblasst. Schließlich lagen die Zahlen auf dem Tisch: Die Kosten für die Instandsetzung würden 1,1 Millionen Euro betragen. Geld, das der Landkreis Cuxhaven als Eigentümer nicht aufbringen konnte.

Aber: Nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte stritten engagierte Ostener für ihre Fähre, für das Wahrzeichen ihres Ortes. Die Gesellschaft zur Förderung der Ostener Schwebefähre knüpfte Kontakte – und zwar bis zum spanischen König. Im vorigen Herbst gründete sich der Weltschwebefährenverband, der für die Erhaltung der weltweit letzten acht Schwebefähren in Bilbao, Buenos Aires, Rochefort, Newport, Middlesbrough, Warrington, Rendsburg und Osten steht. Seine Majestät Juan Carlos sagte zu, die Ehrenpräsidentschaft zu übernehmen. Schließlich steht die älteste Schwebefähre aus dem Jahr 1893 bei Bilbao und wird von den Spaniern verehrt.

So reiste denn eine Delegation aus Osten gen Madrid. Bei einer Audienz im Zarzuela-Palast überreichte Bauamtfrau Birgit Greiner, Denkmalschützerin beim Landkreis Cuxhaven, dem Monarchen mit einem Knicks ein Bild der Ostener Schwebefähre. Und der spanische König forderte, die stählernen Zeugen einstiger Ingenieurskunst zu erhalten: „Diese Brücken gehören der gesamten Menschheit.“

Zurück in Osten verhallte der königliche Appell nicht ungehört, klang sogar weit über das Elbe-Weser-Dreieck hinaus. Das Bundeskanzleramt setzte die Ostener Schwebefähre auf die Liste national bedeutsamer Bauwerke. Die Landesdenkmalpfleger in Hannover plädierten dafür, das Ostener Bauwerk für das Unesco-Welterbe zu nominieren. 

Und die Denkmalschutzbehörde des Landkreises Cuxhaven bekam immer mehr erfreuliche Nachrichten, nachdem sie unermüdlich um Geld geworben hatte. „Wir sind nur auf hilfsbereite und denkmalfreundliche Menschen gestoßen“, ist Birgit Greiner noch immer dankbar. Die Liste derer, die Geld für die Sanierung gaben, ist lang: Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die niedersächsische Lottostiftung, die Ewe-Stiftung Oldenburg, die EU über ihr Programm zur Entwicklung typischer Landschaften, das Land Niedersachsen und die gemeinsame Landesplanung Hamburg/Niedersachsen/Schleswig-Holstein, der Förderfonds Hamburg/Niedersachsen, der Landkreis Cuxhaven, die Samtgemeinde Hemmoor und die Gemeinde Osten wollten die seltene Konstruktion erhalten wissen – zumal die Schwebefähre über das Projekt Deutsche Fährstraße die Chance hat, touristisch neu entdeckt zu werden.

Vor etwa zwei Monaten rückten die Gerüstbauer in Osten an. Die Brücke ist in Planen eingepackt, damit die Stahlbauer in 30 Metern Höhe sicher arbeiten können. „Nach der Einrüstung haben wir weitere Schäden entdeckt“, sagt Bauamtfrau Birgit Greiner. Anderes wiederum zeigte sich in gutem Zustand. Intakt sind die großen Laufräder, die die Gondel vorantreiben. Überhaupt ist die eiserne Dame im hohen Alter noch rüstig und stabil. Nach dem ersten, rund 350 000 Euro teuren Sanierungsabschnitt soll der stählerne Koloss ab November wieder fahrbereit sein. Im nächsten Jahr werden Stahlbleche und Knotenpunkte an der Konstruktion ausgewechselt und ein neuer Rostschutz aufgetragen. 

Der neue Motor wird nächste Woche geliefert. Maschinenbauer und Elektriker sorgen dann dafür, dass sich die Gondel demnächst wieder in Bewegung setzt. Und hoch oben über dem Fluss sind die Stahlbauer am Werk, das Sirren einer Flex und Hammerschläge auf Stahl klingen über Osten – Musik in den Ohren der Fährfreunde.

Grit Klempow im Stader Tageblatt vom 16.10.2004 

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