Der
Kreidestrich
.
Wie
man Schüler triezt und zwiebelt - Ein einstmals antiautoritärer
(und heute natürlich höchst autoritärer) Lehrer verrät
seine Tricks.
Vor vier Wochen traf ich
ihn auf dem Frankfurter Flughafen, kurz vor seinem Start in den Tauchurlaub
auf den Malediven. Um ein Haar hätte ich ihn, nach so langer Zeit,
gar nicht wiedererkannt: Georg, meine Zwei-Semester-Beziehung aus 68er
Berliner Studententagen, Georg, heute Lehrer in einer hessischen Kleinstadt...
Wie lange das alles zurücklag,
die Nächte auf dem Flokati-Teppich in der Kreuzberger Pädagogikstudenten-WG,
die leidenschaftlichen Diskussionen über Klaus Mollenhauers Kampfschrift
"Erziehung und Emanzipation" und, vor allem, über Alexander Sutherland
Neill und seine revolutionäre "Theorie und Praxis der antiautoritären
Erziehung", ein Rowohlt-Taschenbuch, das damals, 1969, in Deutschland binnen
sechs Monaten 500 000mal verkauft wurde.
Wir WGler waren uns einig:
Wir würden Kinder einmal ganz anders erziehen als unsere Nazi-Eltern
und als die spießigen, deutschnationalen Studienräte in der
hessischen und schwäbischen Provinz, der wir entstammten. Frontalunterricht,
Hausaufgaben, Stillsitzen - das war Gerümpel aus vergangenen Zeiten
wie Tanzstunden, Vertriebenenverbände oder die pathetischen Reden
zum "Tag der deutschen Einheit".
Ich brach mein Studium schließlich
ab, ging ins Ausland und verlor Georg aus den Augen - bis ich ihn Ende
der achtziger Jahre, bei einem Deutschlandbesuch, zum ersten Mal wiedertraf.
Georg war Anfang 40, aber
ein gebeugter, gebrochener Mensch, gemartert von seinem Lehrerberuf, gezeichnet
von einem Magenleiden und ersten Herzattacken. Er hatte seine Schüler
geliebt und sich von ihnen duzen lassen, er hatte ihr Kumpel und Kumpan
sein wollen - und war dennoch ihr Opfer geworden.
"Ich hasse den Augenblick,
in dem ich morgens die Tür öffne, hinter der die Kinder lärmen
und toben, und ich weiß, sie werden mir den ganzen Vormittag über
keine Chance geben, auch nur zehn Minuten lang ungestört zu unterrichten.
Ich hasse den Schulhof mit den ständigen Rempeleien, in die ich nicht
eingreifen kann, ohne mich selber zu gefährden oder ein 'Diszi' zu
riskieren. Ich hasse die Klassenfahrten mit den ewigen Nörgeleien
und Ferkeleien, die Jungs mit den Beinbrüchen und die Mädchen
mit den Wespenallergien und die Elternanrufe und die Randale jede Nacht
, die einem den Schlaf raubt. Ich habe die Schnauze voll."
Und nun, an der Frankfurter
Flughafenbar, das zweite Wiedersehen- mit einem Georg, der völlig
streßfrei, fast wie neugeboren schien - obwohl das Schuljahr gerade
erst vor zwei Tagen zuende gegangen war. Wie geht's, was macht die Gesundheit?
"Wie Du siehst, blendend," antwortete Georg. Und die Schule, die Kids?
"Die Kids," grinste er, "die Kids hab' ich jetzt voll im Griff."
Ich muß sehr erstaunt
dreingeschaut haben.
"Naja," fuhr er fort, während
er Zucker in seinen Espresso rührte, "weißt Du, manchmal mußt
Du vor der Klasse nur das richtige Zauberwort aussprechen, und die Schüler
wissen wieder, was Sache ist. Ich hab's raus, mach Dir um mich bloß
keine Sorgen mehr."
Meine Verblüffung ermunterte
ihn, weiter auszuholen. "Mein Rezept - oder genauer gesagt: meine beiden
Rezepte - verrät Dir kein Pädagogikprofessor, und sie stehen
in keiner Pädagogikzeitschrift. Erstens: Du mußt die Schüler
zwiebeln." (Ich schwöre: Er verwendete das Wort 'zwiebeln'.) "Zweitens:
Du mußt sie schlagen, nicht mit der flachen Hand, aber mit Humor."
(Ich schwöre: Er sagte 'Humor' - obwohl er mir früher nie als
humorvoll erschienen war.)
Was zwiebeln heißt?
"Früher habe ich den Fehler gemacht, vor einer zu lauten Klasse selber
laut zu werden. Heute zwinge ich mich, ganz leise zu reden, richtete zu
Beginn der Stunde ein paar Fragen an die lautesten Schüler und benote,
für jeden sichtbar, ihre Antworten. Wenn mal wieder keiner richtig
zuhört, was der andere sagt, lasse ich, notfalls die ganze Stunde
oder Doppelstunde lang, immer wieder Schüler kurz, ganz kurz
zusammengefaßt wiederholen, was der Vorredner gerade gesagt hat."
Georgs Augen glänzten.
Schwang da Sadismus in seiner Stimme mit? "Wenn's dann immer noch nicht
still ist, gebe ich der Klasse in meinem freundlichsten Ton zu verstehen:
Wenn es ruhig ist, läßt sich der Stoff mündlich erarbeiten,
wenn nicht, muß geschrieben werden, entweder sofort oder als Hausaufgabe.
Das wirkt."
Natürlich gebe es einzelne
besonders laute, besonders störende Knilche, denen so nicht beizukommen
sei. "Gegen die setze ich meine Geheimwaffe ein," sagte Georg und zog seine
Brieftasche und entnahm ein zweimal gefaltetes DIN-A4-Blatt mit einem Schreibmaschinentext:
Sehr
geehrte/r Herr/Frau... ich möchte Sie auf diesem Wege ohne großen
Zeitverlust darüber informieren, daß das Verhalten Ihres Sohnes/Ihrer
Tochter...... im Unterricht erheblich zu wünschen übrig läßt.
...... stört recht häufig die gemeinsame Arbeit mit der Klasse,
verhält sich zeitweise sehr laut und verfolgt den Unterricht nur mit
geringer Aufmerksamkeit. Dementsprechend schwach sind die mündlichen
Leistungen.
Und so weiter, noch ein paar
Absätze lang. Dann die Schlußformel:
Falls
keine grundlegende Verhaltensänderung eintritt, werde ich Sie in den
nächsten Wochen noch einmal anschreiben und zu einem Gespräch
in die Schule bitten.
Mit
freundlichen Grüßen
........
(Unterschrift
des Lehrers)
Wir
haben von dieser Benachrichtigung Kenntnis genommen:
.......
(Unterschriften
der Eltern)
Georg faltete den Zettel
wieder zusammen. "Der Trick ist: Nicht ich schreibe den Brief - ich lasse
den Knaben selber den Zettel abschreiben, direkt nach seiner Missetat.
Da hat er erstmal zu tun, er kommt zum Nachdenken, und es ist sofort etwas
ruhiger im Klassenzimmer."
Ich kam aus dem Staunen nicht
heraus. Dann fiel mir ein, daß Georg eben noch von Humor gesprochen
hatte. "Das mag ja alles wirken," warf ich ein, "aber besonders spaßig
ist es nicht gerade."
"Ach ja, der Humor," erwiderte
er. "Weißt Du, wenn zum Beispiel die ganze Klasse unkonzentriert
ist, einer popelt, einer gähnt ohne Mundschutz, zwei trommeln, zwei
knuffen sich, einer setzt sich seine Mütze auf, dann hilft oft der
richtige Spruch."
Ich sah ihn neugierig an,
und er rasselte Beispiele herunter: "Die Frage 'Öl oder Diamenten?'
führt oft blitzartig zur Einstellung der Nasebohrerei. Den Gähner
erledige ich mit dem Hinweis 'Der Siebener oben links braucht 'ne Füllung'.
Die Prügler bringe ich mit dem coolen Text auseinander: 'Na, wie lange
wollt ihr noch knutschen?' Den Trommler stelle ich mit der freundlich vorgetragenen
Bemerkung ruhig: 'Ich hoffe, wir stören Euch mit dem Unterricht nicht
bei Eurem Schlsgzeugsolo.' Und den mit der Mütze frage ich: 'Erwartest
Du für die laufende Unterrichtsstunde noch Niederschläge?'"
"Toll," bemerkte ich, und
meine Bewunderung für den einst so drögen Georg wuchs. "Aber
was machst Du, wenn das alles nicht hilft?" In diesem Moment wurde zum
zweitenmal Georgs Flug aufgerufen, er blickte auf seine Uhr. "Dann setze
ich den Kreidestrich ein, aber das ist eine andere Geschichte," sagte er.
Wir tauschten unsere Telefonnummern aus, er verabschiedete sich, entschwand
und ließ mich ratlos zurück.
Georgs wundersame Wandlung
und der mysteriöse Kreidestrich beschäftigten mich noch ein paar
Tage lang - so sehr, daß ich meine Freundin Claudia, ebenfalls im
Schuldienst, anrief und ihr von Georgs Methode, seinem Witz und seiner
Schlagfertigkeit berichtete.
Claudias Reaktion traf mich
unvorbereitet: "Dieser Aufschneider! Die Ideen sind doch alle geklaut.
Die stammen von Pfefferkorn."
Pfefferkorn? "Klar doch,
Paul Pfefferkorn. Ist wohl ein Pseudonym. Der hat letztes Jahr eine Broschüre
mit Tricks und Tips für ratlose Lehrer verfaßt. 'Wie man Schüler
zwiebelt' oder so ähnlich. Gibt's nur per Post, bei einem hessischen
Geheimverlag. Kann ich Dir aber besorgen."
Zwei oder drei Tage später
fand ich im Briefkasten einen Umschlag, der, nebst einem mit lila Tinte
verfaßten herzlichen Gruß von Claudia, "den Pfefferkorn" enthielt,
zitronengelber Pappumschlag, Postkartenformat, Untertitel: "Ärztlich
empfohlene Anregungen zur Streßreduzierung".*
Ich blätterte, und siehe
da: Alles, aber auch alles, womit Georg mich beeindruckt hatte, entstammte
dem gelben Bändchen. So wörtlich, wie er einst Neill genommen
hatte, so sklavisch hielt er sich nun offenbar an Pfefferkorns Regeln.
Natürlich fand sich
auch der geheimnisvolle Kreidestrich in dem Büchlein. Auf Seite 16
empfiehlt der Zwiebelpauker als probates Mittel gegen Lärm im Klassenzimmer,
den Schülern folgendes Vorgehen anzukündigen: "Wenn es zu unruhig
ist, ziehe ich einen Strich vom oberen linken Rand der Tafel zum oberen
rechten Rand. (Das sind bei einer aufgeklappten Tafel vier Meter.) Sowie
Ihr wieder ruhig werdet, ziehe ich den Strich nicht mehr weiter. Wird's
wieder laut, wächst die Linie. Wenn es in der Stunde so laut ist,
daß der Strich bis an die rechte Seite der Tafel reicht, haben wir
im Unterricht zuviel Zeit verloren. Das müßt ihr dann zu Hause
nachholen."
Das Verfahren, schreibt Pfefferkorn,
habe mehrere Vorteile: "1. Es ist klar wie Kloßbrühe. 2. Sie
schonen Ihre Stimme. 3. Die Klasse muß auf Sie achten. 4. Die Schüler
ermahnen sich sehr wirksam untereinander. 5. Sie haben Variationsmöglichkeiten,
was das Tempo der Linienführung angeht: Sie können's durchaus
rasanter angehen, wenn's extrem laut ist, wenn Ihre Nerven ohnehin gespannt
sind wie Drahtseile oder wenn Sie meinen, daß die Klasse heute nach
einer Zusatzarbeit lechzt."
Zum Schluß enthält
die Broschüre auch den Hinweis, die Methoden nicht geballt, sondern
"homöopathisch" einzusetzen - und die obercoolen Sprüche gegen
Trommler, Nasenpopler und Rempler gelegentlich zu wechseln. Doch da sehe
ich ein Problem für Georg voraus: Ich bin nicht sicher, ob ihm selber
irgendetwas Originelles einfällt, das seine Schüler beeindruckt.
Georgs ber ufliches Wohl
und Wehe, fürchte ich, hängt nun davon ab, ob genügend Kollegen
der inständigen Bitte Pfefferkorns entsprechen, möglichst bald
"weitere nützliche Vorschläge" für eine "stark erweiterte
zweite Auflage" beizusteuern.
P.S. Soeben rief mich Georg
an, zurückgekehrt von den Malediven. Er würde mich gern mal wieder
treffen, auf ein Gläschen Wein; es müßten ja nicht immer
zehn oder zwanzig Jahre vergehen, bis man sich trifft. Bei der Gelegenheit
würde er mir auch gern den Trick mit dem Kreidestrich erklären.
*Paul Pfefferkorn: "Wie man
Schüler zwiebelt". Zwiebel-Verlag, Ernst Stracke, Am Linsenberg 9,
61352 Bad Homburg; 78 Seiten; 11,80 Mark (plus 1,50 Mark Porto).