Pentagon
und Pentagramm
Kettenlügen
über Weltverschwörer, Wandersagen über Aliens, Gräuelmärchen
über Giftmischer - in Krisenzeiten nutzen Spinner und Panikmacher
das Internet mehr denn je als Gerüchteschleuder. Wie in den
USA machen nun auch in Deutschland "Hoaxbusters" Jagd auf elektronische
Enten.
Lange bevor alle Welt, nach
den spektakulären Milzbrand-Fällen in Florida, über die
Möglichkeit islamistischer Terrorattacken mit biologischen oder chemischen
Kampfstoffen theoretisierte, glaubten Zehntausende Amerikaner, die Bedrohungslage
bereits ganz präzise einschätzen zu können.
Massenhaft gaben Internet-Nutzer
während der letzten Wochen in ihren Freundeskreisen eine angebliche
"Warnung" des Houston Fire Department weiter, die sie in ihrer elektronischen
Mailbox gefunden hatten: In den Vereinigten Staaten seien nach Angaben
der texanischen Feuerwehr zurzeit per Post "große blaue Umschläge"
mit dem Aufdruck "Ein Geschenk für Dich" unterwegs, die einen Schwamm
mit "einer Art Chemikalie oder ähnlichem" enthielten. Nach dem Kontakt
mit der mysteriösen Substanz seien bereits 28 Menschen gestorben.
Kettenbriefe mit erfundenen
Geschichten wie der vom blauen Todesbrief rasen dank Internet wie ein Lauffeuer
um die Welt. Ersponnen von irgendeinem Anonymus und blitzschnell weitergeleitet
per "Forward"-Button, erreicht ein "hoax" - englisch für Zeitungsente
- oft binnen Tagen Hunderttausende Adressaten rund um den Globus.
Und weil Krisen und Kriege
schon immer ein guter Nährboden für Gerüchte waren, gedeihen
die per E-Mail verbreiteten Kettenlügen seit der Terrorattacke auf
die USA üppig wie nie zuvor. Spinner und Fälscher, Verschwörungstheoretiker
und Weltuntergangspropheten haben Hochsaison - und finden ein oftmals erstaunlich
unkritisches Publikum.
Viele User, wundert sich
die "New York Times", hätten zunehmend Schwierigkeiten, "Online-Gerüchte
und Realität zu unterscheiden".
Da kursiert seit Wochen ein
angeblicher Aufruf der Nasa im Netz, "heute" (ohne Datumsangabe) eine Kerze
vor die Tür zu stellen; die US-Raumfahrtbehörde plane, die flackernde
Solidaritätsbekundung für die New Yorker Opfer per nächtlicher
Satellitenaufnahme zu dokumentieren - schlicht erlogen.
Oder da rumort die Wandersage
durchs Web, Osama Bin Laden ziehe als Großaktionär eines Monopolisten,
der Gummi arabicum herstelle, Profit aus jedem Produkt vom Bier über
Brause bis zum Bonbon, dem der Stoff als Bindemittel zugefügt ist
- schön erfunden.
Wie der Geist aus der Flasche
ist kaum je wieder einzufangen, was über die Gerüchteschleuder
Internet in die Welt gesetzt worden ist; Dementis vermögen die E-Mail-Lawinen
in aller Regel nicht zu stoppen.
Einen Monat nach den Massenmorden
von New York und Washington geistern noch immer die haarsträubendsten
Geschichten durchs Netz - etwa die Story vom Büroangestellten, der
sich aus dem brennenden World Trade Center (WTC) gerettet habe, indem er
auf einer Schreibtischplatte durch die Luft gesurft sei; oder die Mär
vom Astrologen Nostradamus, der, obwohl bereits 1566 gestorben, im Jahre
1654 einen Anschlag auf "zwei Brüder" (die Twin Towers!) vorhergesagt
habe; oder die Legende von den Außerirdischen, die sofort nach dem
Crash per Ufo die obersten WTC-Etagen evakuiert hätten.
Schier unglaublich, was das
Web-Publikum alles glaubt - und was es ungeprüft per Mausklick weitergibt.
Verweist die Quersumme des Unglückstags, des 11. 9. 2001, nicht eindeutig
auf den Geheimbund der Illuminaten, dessen mystische Zahl bekanntlich die
23 ist? Und deutet die 5, Quersumme wiederum von 23, nicht auf das Pentagon
- und auf das Pentagramm, das Satanszeichen?
Dass Luzifer im Spiel ist,
ist für all die Obskuranten im Netz ausgemacht - zumal auch ein auf
vielen Websites zitiertes Pressefoto in der Rauchfahne des brennenden
WTC eine Teufelsfratze erkennen lässt. Umstritten ist in den Diskussionsforen
im Usenet nur, ob das Satanszeichen nun für Bin Laden steht oder aber
eher für das amerikanische Großkapital und heimliche Hintermänner,
ohne die nun mal keine Verschwörungstheorie auskommt.
Versierten Zahlenmystikern
ist natürlich gleich aufgefallen, dass "New York City" und "Afghanistan"
jeweils elf Buchstaben haben - macht zusammen 22, was unter Freimaurern
für den "Großen Baumeister der Welten" stehe. Alles klar? Und
wo Freimaurer umhergeistern, sind jüdische Weltverschwörer nicht
weit.
Im vermutlich populärsten
(und infamsten) Kettenbrief der letzten Wochen ist zu lesen, die Flugnummer
der ersten Terrormaschine sei Q33NY gewesen - was, dargestellt in der Microsoft-Word-Schrift
Wingdings, fünf verräterische Symbole ergebe: ein Flugzeug, zwei
Türme, einen Totenkopf und einen Davidstern. Niemand von denen, die
den entsprechenden elektronischen Brief weiterleiteten, kam offenbar auf
die Idee, dass die angegebene Flugnummer frei erfunden sein könnte
- was in der Tat der Fall war.
Wenn durchs Internet dann
noch wochenlang die Kettenlüge rauscht, alle "4000 Juden", die im
WTC arbeiteten, seien vom israelischen Geheimdienst Mossad gewarnt worden
und hätten sich am Unglückstag freigenommen - spätestens
dann liegt die Frage nahe, ob das weltweite Netz nicht längst auch
professionellen Psychokriegern als Waffe dient.
Die Urheber der elektronisch
gestreuten Flüsterpropaganda bleiben gewöhnlich im Dunkeln -
wie auch die Erfinder jener klassischen Wandersagen und Großstadtlegenden,
die schon vor Anbruch des Internet-Zeitalters um die Welt waberten und
die der Göttinger Wissenschaftler Rolf Wilhelm Brednich analysiert
und in Bestsellern mit Titeln wie "Die Maus im Jumbo-Jet" und "Die Spinne
in der Yucca-Palme" gesammelt hat: Als Gewährsmann wurde dem Gerüchteforscher
immer wieder der Freund eines Freundes genannt, der dann nur selten ausfindig
zu machen war.
Nach diesem Schema, das Medienwissenschaftler
"FOAF" (Friend of a Friend) nennen, funktionieren auch die neuen Internet-Legenden
- was die Suche nach dem Urquell nicht gerade erleichtert. Weil aber jede
E-Mail, anders als das gesprochene Wort, eine elektronische Spur hinterlässt,
gelingt es doch immer mal wieder, die Genesis einer Kettenlüge zu
rekonstruieren - wie jüngst im Fall des wohl schnellsten Gerüchts,
das je um die Welt geeilt ist.
Anlass waren die CNN-Fernsehbilder,
die kurz nach dem New Yorker Attentat jubilierende Palästinenser zeigten.
Bei diesen Aufnahmen, besagt eine per Internet weltweit verbreitete Falschmeldung,
habe es sich um zehn Jahre altes Filmmaterial gehandelt - eine Behauptung,
die CNN sogleich schlüssig widerlegte, allerdings vergebens.
In Deutschland wurde die
Legende vor allem von Jung- und Altlinken freudig aufgegriffen, die US-Medien
alles Böse, US-Gegnern aber gern Gutes zutrauen; so lief die Falschmeldung
etwa über einen E-Mail-Verteiler der von den Grünen abgesplitterten
Hamburger Regenbogen-Gruppe, verbunden mit der "inbrünstigen" Bitte,
sie sofort weiterzuleiten, "damit die Welt erfahren kann, wie viel Dreck
hinter den Medien versteckt ist".
Der Magdeburger Psychologieprofessor
Volker Linneweber ("Ich habe das von einem Kollegen gehört") zitierte
die Fehlinformation in einer populären MDR-Talkshow. Ein muslimischer
Interviewpartner konnte die Ente unwidersprochen im Sat.1-Magazin "Planetopia"
verbreiten.
Urheber des Fakes war der
brasilianische Student Márcio Carvalho gewesen. Der hatte am 13.
September am Schwarzen Brett der alternativen Nachrichten-Plattform www.indymedia.org
die Mitteilung hinterlassen, eine - namentlich nicht genannte - Dozentin
habe gerade erzählt, sie habe "the very same images" bereits 1991
gesehen und damals aufgezeichnet.
Von Freunden im Web bedrängt,
das Videoband zu besorgen, um das "Verbrechen an der öffentlichen
Meinung" zu beweisen, musste der Student bereits anderntags einräumen,
er habe die Hochschullehrerin offenbar missverstanden; die Dozentin besitze
keinerlei einschlägige Videoaufzeichnung. Sein Dementi stellte Carvalho
in Versalien ins Netz: "SIE KANN ES NICHT BEWEISEN."
In diversen unabhängigen
Foren, die das Gerücht ungeprüft verbreitet hatten, löste
das peinliche Eingeständnis eine heftige Diskussion aus. Einer fühlte
sich an Joseph Goebbels erinnert: "Je größer die Lüge,
desto mehr Menschen werden sie glauben." Ein anderer riet den linken Indymedia-Machern,
die Gebote der bürgerlichen Presse zu respektieren: "Selbst wenn deine
Mutter dir versichert, etwas sei wahr, prüf es, bevor du es veröffentlichst."
An diesen Grundsatz halten
sich in den USA rund ein Dutzend Webmaster, die sich - in Anlehnung
an "Ghostbuster" (Geisterjäger) - selbst "Hoaxbuster" nennen und deren
Hobby es ist, die über das Internet verbreiteten Gerüchte und
Großstadtlegenden auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Auf www.urbanlegends.about.com
geht David Emery etwa der Frage nach, ob im WTC-Schutt tatsächlich
zwei abgerissene, aneinander gefesselte Hände gefunden worden sind.
Und auf www.snopes.com warnt Barbara Mikkelson vor einem Kettenbrief, der
dazu auffordert, Geld an estnische Hacker zu überweisen, die das Netz
angeblich nach Spuren von Bin Laden durchsuchen wollen.
In Deutschland betätigen
sich zum Beispiel der Wittenberger EDV-Experte Martin Ebert (www.klug-suchen.de/wtc)
und, besonders intensiv, der Berliner TU Spezialist Frank Ziemann als Entenjäger.
Nachdem Ziemann sich zunächst vorwiegend mit jenen ungezählten
Ketten-Mails befasst hatte, in denen Wichtigtuer vor nicht existenten Computerviren
warnen, widmete er sich auf seiner Website mehr und mehr auch anderen Hoax-Gattungen.
Dass Besucher einer bestimmten
Münchner Disco von einem Unbekannten im Gedränge mit HIV-verseuchten
Spritzen infiziert werden; dass Kunden eines gewissen Möbelhauses
plötzlich bewusstlos werden und beim Erwachen feststellen, dass ihnen
eine Niere herausgeschnitten worden ist; dass Sadisten kleinen Kindern
mit Tattoo-Abziehbildern heimlich LSD applizieren - solche und andere Wanderlügen
werden von Ziemann und seinen Mitstreitern kompiliert, kategorisiert und
analysiert.
In jüngster Zeit sah
sich der Berliner Gerüchtewart ebenso wie seine US-Kollegen "an der
Grenze" seiner Kapazität. Bei David Emery etwa landen pro Tag rund
200 E-Mails von verunsicherten Kettenbriefempfängern.
Stimmt es wirklich, dass
Araber am Tag des New Yorker Attentats per SMS eine Erfolgsmeldung ("Habe
getroffen und nicht verfehlt") abgesetzt haben? Und was ist dran an der
Geschichte von der Kamera, die im WTC-Schutt gefunden wurde und die ein
gespenstisch anmutendes Foto enthält - im Vordergrund ein Tourist,
der auf der Besucherplattform des Hochhauses posiert, im Hintergrund die
Todes-Boeing?
Einem gewieften Hoaxbuster
fällt rasch auf, dass der Tourist im sonnigen New Yorker September
Pudelmütze und Winterjacke trägt, dass der Boeing-Typ nicht mit
dem der entführten Maschine übereinstimmt, dass die Besucherplattform
zur fraglichen Zeit noch gar nicht geöffnet war und dass das Foto
offensichtlich mit der Wischfunktion ("Blur") eines Bildbearbeitungsprogramms
manipuliert worden ist.
Mittlerweile haben Witzbolde
Montagen ins Web gestellt, die denselben Touristen auch als Astronauten,
als Jünger Jesu und Passagier der "Titanic" zeigen.
Auch die Geschichte vom blauen
Umschlag mit der tödlichen Substanz bringt einen erfahrenen Hoaxbuster
nicht aus der Ruhe: Die Story ist, in verschiedenen Versionen, seit Jahren
per E-Mail im Umlauf. Mal enthält der Briefumschlag einen leeren
Bogen Papier mit einer Substanz, die sofort Hautausschläge am ganzen
Körper auslöst, ein anderes Mal ein Schwammtuch mit dem angeblich
tödlichen "Klingerman Virus"; neuerdings erscheint als Absender eine
"Kinderman Foundation".
Ob Kinderman, ob Klingerman
- eine Auswirkung der bösen Gerüchte, die Scherz mit dem Entsetzen
treiben, ist verbürgt: Sie wecken bei manch einem Adressaten von blauen
Briefen Todesängste. Als ein Bürger aus Auburn im US-Staat Maine
voriges Jahr nach dem Empfang eines verdächtigen Briefes telefonisch
um Hilfe rief, rückten FBI und Feuerwehr, Polizei und Sanitäter
an.
Die Sicherheitskräfte
riegelten die Straße ab. Spezialisten mit weißen Schutzanzügen
und Gasmasken rissen dem verängstigten Anrufer alle Kleider
vom Leibe und spritzten den Nackten mit scharfem Wasserstrahl ab, bevor
sie ihn in eine Klinik transportierten.
"Es ist ein Jammer", sinniert
Entenjäger Emery, "dass Leute, die solche Gerüchte in die Welt
setzen, nicht genauso behandelt werden."
(September 2001)