Wenn
Lemuren
Liebe
machen
Die
vom Aussterben bedrohten Halbaffen Madagaskars werden zumindest im Internet
überleben - dank eines amerikanischen Witzboldes.
.
Der US-Computerfreak Joel
Furr , 29, erinnert sich noch ganz genau, wann der "Wahnsinn" seinen
Lauf nahm. Im Jahre 1991, am Virginia Tech in Blacksburg, nannte ein Collegestudent
einen anderen "lamer", Lahmarsch. Die übrigen verstanden "lemur" -
und begannen herumzualbern.
Was Lemuren sind, wußte
keiner in der Runde genau. Geläufig war den Technikstudenten allenfalls,
daß die Halbaffen mit den großen Augen auf Madagaskar leben
und nach seltsamen Fabelwesen aus der antiken Mythologie benannt sind.
Das lamer/lemur-Mißverständnis
war der Ausgangspunkt eines weltumspannenden Akademiker-Ulks - mit skurrilen
Folgen: An jenem Tag entstand der "lemur humor", dem seit 1992 im Usenet
sogar eine eigene Newsgroup (alt.fan.lemurs)
gewidmet ist.
Und: Die Blödelei von
Blacksburg hat dazu beigetragen, daß die Halbaffen in der US-Uni-Szene
zu Kult-Tieren geworden sind. In Alabama gibt es eine Band namens "Flying
Lemurs", Lemuren-Fans können per Internet T-Shirts, Kaffeebecher und
Autoaufkleber mit Halbaffen-Porträts bestellen.
Und wer heute in irgendeine
Internet-Suchmaschine das Wort "lemur" eingibt, bekommt Unmengen von Hinweisen
auf Web-Sites mit einschlägigen Text-, Sound- und Bilddateien
; zum Beispiel auf
http://www.cs.ruu.nl/wais/html/na-dir/lemur-faq/part1.html
Zentralorgan des Lemurismus
ist die von Joel Furr betreute, mittlerweile legendäre Newsgroup,
in der unter anderem die Sprache der Lemuren entschlüsselt wurde:
Die bestehe, so ist da zu erfahren, aus nur vier Wörtern, "ptang",
"frink", "cheep" und "whooooooo", die allerdings - was die Sache kompliziert
macht - je nach Augenausdruck eine Fülle von Bedeutungen haben. Leseprobe:
.
frink
(Adj.): sexuell sehr attraktiv.
frink
(Subst.): ein Fotograf von National Geographic (NG). Hinweis: Die
Doppelbedeutung von frink geht auf eine Verwechslung zurück. Ausschlaggebend
für die sexuelle Anziehungskraft von Lemuren ist die Augengröße.
Lemuren halten die Linsen der Teleobjektive von NG-Fotografen für
riesige - und daher äußerst attraktive - Augen.)
ptang
(Verb): Sex mit Angehörigen einer anderen Art haben.
cheep
(Subst.): befriedigende sexuelle Erfahrung.
Lassen Sie uns nun dieses
Wissen anwenden, um den folgenden Lemuren-Dialog zu übersetzen:
1.
Lemur: Ptang, frink, frink.
2.
Lemur: cheep, cheep, cheep.
Ubersetzung:
1.
Lemur: Ich hörte, Du hattest Sex mit diesem scharfen National-Geographic-Fotografen.
2.
Lemur: Ja, es war großartig.
Mittlerweile gibt das Usenet
Antwort auf Dutzende häufig gestellter Fragen zum Thema Halbaffen,
"Frinkquently Asked Questions" genannt. Furr und seine Freunde verraten
zum Beispiel, was Lemuren bei Kälte machen (U-Bahn fahren oderEigenheime
knacken), was sie nachts treiben (anderen Leuten ins Fenster glotzen),
welche Leckerbissen sie bevorzugen (Krapfen und Schokoriegel) und welche
Hobbyssie haben (am Kronleuchter pendeln oder Kreditkarten klauen).
Seit fünf Jahren steuern
Lemuren-Humoristen aus aller Welt per Internet immer neue Informationen
bei, darunter die wiederentdeckte Urfassung des Liedes "Old MacDonald",
die eine lange Zeit verschollene Strophe enthält:
Old
MacDonald had a farm,
ee-aye-ee-aye-oo,
and
on that farm he had a lemur...
with
a cheep-cheep here
and
a frink-frink there ...
Manche wollen von Furr wissen,
ob bei ihnen womöglich nachts Lemuren im Haus herumspuken, und berichten
von merkwürdigen Begebenheiten: von spurlos verschwundenen Schokoriegeln,
von lädierten Deckenventilatoren, von mysteriösen Computer-Mailings
mit Kürzeln wie "CHP" und "alt.ptang", von Rundfunkgeräten,mit
denen sich plötzlich nur noch Radio Tananarivo empfangen läßt,
und von Telefonen, mit denen immer irgend jemand Madagaskar anwählt,
ohne den Hörer wieder aufzulegen.
In einer Zehn-Punkte-Liste
haben Furrs Freunde Indizien zusammengestellt, die auf nächtliche
Hausbesuche von Lemuren deuten. Auszug:
Sie
wachen morgens auf und finden Ihre National-Geographic-Hefte über
den Fußboden verstreut.
Auf
Ihren Badezimmerspiegel hat jemand mit Deo-Stift die Umrisse von Madagaskar
gemalt.
Sie
wachen mitten in der Nacht auf und fühlen, daß Ihnen etwas Haarigesüber
die Lippen fährt - Sie sind aber Single.
Nachbarn
beschweren sich, daß Sie beim Sex immer "frink" schreien, und bitten
Sie, künftig ein bißchen leiser zu sein.
Joel Furr hatte seinen ,"lemur
humor" bereits einige Jahre gepflegt, als er entdeckte, daß in den
USA nicht nur virtuelle Halbaffen leben, sondern auch wirkliche Lemuren:
im Primatenzentrum der Duke University
in North Carolina, wo Wissenschaftler unter anderem an Programmen zur Rettung
der bedrohten Flora und Fauna Madagaskars
arbeiten.
Nach einem Besuch im Primatenzentrum
war Furr begeistert von den "wunderbaren Tieren", aber zugleich tief erschüttert
von den Informationen über die Zerstörung der tropischen Lemuren-Biotope.
Blödel-Joel wurde zum Öko-Joel; die reale Tierwelt bedeutet ihm
heute offenbar ebensoviel wie sein Cyber-Zoo.
Inzwischen hat Furr seine
Humor-Newsgroup im Usenet ergänzt um das - überhaupt nicht witzige
- Kapitel "Real
Lemur Facts". Überdies wirbt er für eine Aktion "Adopt
A Lemur": Wer der Duke University eine Spende für ihre Forschungs-
und Naturschutzarbeit überweist, bekommt postwendend ein Foto des
Halbaffen, dem die Patenschaft gilt.
Ausdrücklich warnt der
Lemurenschützer die Fans davor, die aggressiven
Tiere bei sich zu Hause zu halten. Das sei "überhaupt keine gute Idee":
"Sie pinkeln überall hin, um ihr Territorium zu markieren."
Freunde exotischer Haustiere
erhalten den guten Rat: "Sie sollten es mit weniger problematischen Pets
versuchen - zum Beispiel mit einem Elefanten, einem Paar Giraffen oder
einer Herde Büffel."
Links
.
Lemurenpage:
http://www.geocities.com/Vienna/Strasse/8810/
Lemuren-Newsgroup:
news:alt.fan.lemurs