Prickelwasser
Entenwein
Aktivisten des wohl skurrilsten
deutschen Vereins haben die "FAZ" unterwandert. Immer wieder hinterlassen
sie im Feuilleton ihre Spuren.
Alljährlich
an ihrem "Kampftag", dem 1. April, schmettern sie beim Jahreskongress dasselbe
Lied: "Und lieg ich dereinst auf der Bahre / so denkt auch an meine Gui-tah-re
/ und legt sie mir mit in mein Gra-hab."
Die
Schnulze "Der rührselige Cowboy" entnommen einem Walt-Disney-Comic
ist die "Hymne" der vermutlich kuriosesten Vereinigung in der Bundesrepublik:
der "Deutschen Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren
Donaldismus", kurz D. O. N. A. L. D. genannt.
Bei
den Treffen der Donaldisten stimmen stets auch zwei verdiente Comic-Fans
das schaurig-schöne Lied an: der Historiker Patrick Bahners, 33, und
der Philosoph und Betriebswirt Andreas Platthaus, 34; beide wurden von
den 500 deutschen Entenfreunden schon vor Jahren mit dem Titel "Ehrenpräsidente"
bedacht.
Beifall
brandete jüngst in Marburg auf, als Bahners einen als "wortgewaltig"
gefeierten Dia-Vortrag hielt. Dabei rührten die Anwesenden nach Vereinssitte
nicht die Hände zum Applaus, sondern skandierten "Klatsch, klatsch,
klatsch".
Bahners
zählt, so rühmt der Verein im Internet (
www.donald.org ), neben Platthaus zu den "bedeutendsten Autoren des
Donaldismus" einer Kunstform, die während der Studentenrevolte
von 1968 erblühte. Nachdem Comics lange Zeit pauschal als Schmutz
und Schund verurteilt worden waren, gediehen manche Bilderheftchen in antiautoritären
Studenten- und Intellektuellenzirkeln zu Kultobjekten.
Angesagt
waren vor allem jene Storys, die der geniale Disney-Autor und -Zeichner
Carl Barks, heute 99, und seine kongeniale deutsche Übersetzerin Erika
Fuchs, 93, geschaffen haben mit dem geizigen Fantastilliardär
Dagobert Duck, der kriminellen Panzerknacker-Bande, dem cholerischen Donald
Duck und dessen Neffen Tick, Trick und Track (SPIEGEL 43/1969).
Anleihen
aus Donald-Heften finden sich seither in Werken so unterschiedlicher Autoren
wie Hans Magnus Enzensberger und Max Goldt, Klaus Theweleit und Eva Heller.
Der Pop-Schreiber Diedrich Diedrichsen etwa schätzt den Enterich über
alle Maßen: Er ist davon überzeugt, "dass Donald Duck Botho
Strauß wirklich weit überlegen ist".
An
den "dadaistischen Debatten auf hohem Niveau" ("taz"), die bei den eingeschriebenen
Donaldisten geführt werden, beteiligen sich Bahners und Platthaus
schon seit über zehn Jahren. Patrick Bahners, der sich im Verein nur
"PaTrick" nennt, hat Barks-Originalskripte ins Deutsche übersetzt,
Kollege Platthaus arbeitete über "Architektur in Entenhausen".
Immer
wieder bereichern beide mit ihren Beiträgen auch das Vereinsblatt
"Der Donaldist", wo Experten die onomatopoetischen Äußerungen
("krächz", "würg", "schnurch") der anthropomorphen Tiergestalten
analysieren oder mit wissenschaftlicher Akribie nahe liegenden Fragen nachgehen
etwa warum Enten nur in Entenhausen, nicht aber in der realen Welt
Zähne haben.
Anders
als andere D. O. N. A. L. D.-Mitglieder widmen sich Platthaus und Bahners
der "Verbreitung donaldistischen Sinngutes" (Paragraph 1.1 der Satzung)
auch außerhalb ihres Vereins zum Beispiel als Sachbuchautoren.
Platthaus,
dem die Donald-Comics von Barks "mehr als jede andere Literatur bedeuten",
hat 1998 eine "Geschichte der Bildgeschichte" verfasst, laut "Süddeutscher
Zeitung" ein "philosophisch und kunstgeschichtlich fundiertes" Werk. Bahners
veröffentlichte im selben Jahr eine Helmut-Kohl-Biographie, in die
irgendwie auch seine donaldistische Begeisterung eingesickert sein muss.
Jedenfalls urteilte die "Zeit" damals über das Bahners-Buch: "Manchmal
denkt man beim Lesen: Helmut Kohl ist fast so groß wie Gustav Gans,
der Glückspilz aus Donald-Duck-Land."
Seine
bedeutendste publizistische Plattform verdankt das Donaldisten-Duo einer
glücklichen Duplizität: Bahners und Platthaus sind seit 1997
Redakteure im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ").
In Deutschlands wichtigster Tageszeitung hinterlassen sie immer wieder
Spuren die freilich nur eingefleischte Donald-Kenner wie der Österreicher
Michael Freund zu lesen verstehen.
Dem
Wiener Redakteur kam kürzlich der Verdacht, dass die Frankfurter beim
Texten von Titeln und Bildunterschriften "seit Jahren einschlägige
Wühlarbeit leisten" in dem so witzigen wie wahnwitzigen Bemühen,
möglichst viele Sätze aus Duck-Sprechblasen im "FAZ"-Feuilleton
unterzubringen. Wenn zum Beispiel ein Artikel über den US-Unabhängigkeitstag
mit "Hört sich an wie nahes Donnergrollen" betitelt sei, habe das
"zwar auch mit dem Inhalt zu tun", sei aber in erster Linie die Abwandlung
eines Satzes, "den ein Panzerknacker angesichts heranflutender Dagobert-Taler
geäußert hat".
Ob
eine "FAZ"-Rezension von Chopin-Büchern den Titel trägt "Das
Echo hat ausnahmsweise keinen Umweg gemacht"; ob die Kritik eines Buches
über Aberglauben unter der Überschrift erscheint "Schnurrli,
was ficht dich an?"; ob ein Bildtext zu einer Antigone-Inszenierung lautet
"Ach, dass mein Herz doch schmölze" dahinter steckt immer ein
Donaldist. (Im Original lautet letzteres Zitat allerdings geringfügig
anders: "Ach, dass mein Herz doch schmülze wie eine saure Sülze.")
In
jüngster Zeit trieb es das Duo dem Redaktör ist nichts
zu schwör besonders toll. Am 22. März stand über der
Rezension eines Reklame-Bildbandes die Duck-Zeile "Prickelwasser Entenwein,
das ist billig und schmeckt fein". Am 13. April wurde ein Buch über
Bad Ems unter der Überschrift vorgestellt "Prickelwasser, Emser Wein,
das ist teuer und schmeckt fein".
Mit
dem Verdacht donaldistischer Umtriebe konfrontiert, entschloss sich Bahners
vergangene Woche, gegenüber dem SPIEGEL "die Karten auf den Tisch
zu legen" und das ganze Ausmaß der Infiltration zu offenbaren: Allein
in der Ausgabe vom Freitag voriger Woche haben die Reduckteure demnach
zehn Titel oder Bildtexte mit Zitaten aus Walt-Disney-Sprechblasen bestritten,
zum Beispiel
- auf
Seite 44 die Überschrift eines Berichts über einen Museumsneubau
("Im rauhen Schurzfell schafft dort der Schmied im lichten Raum") und einen
Bildtext ("Da steht endlich einmal der Glasermeister im vollen Scheinwerferlicht
der Öffentlichkeit");
- auf
Seite 45 die Bildunterschrift zu einer Filmkritik ("Wieder so ein egoistischer
Bursche, der nichts abgeben will");
- auf
Seite 46 die Unterzeile zu einem Bericht über Kurt Weills "Happy End"
("Man sollte vielleicht etwas in die Knie gehen vor dieser Musik");
- auf
Seite 48 den Titel eines Beitrags über eine Kulturfabrik in Berlin-Tegel
("Pulverqualm und Paukenschlag");
auf
Seite 50 die Überschrift eines Berichts über das Deutsche Archäologische
Institut ("Griechische Gemmen und keltische Ketten").
Nach
seinem Coming-out zeigte sich Bahners zwar erfreut über "die hermeneutische
Aufmerksamkeit und die kollegiale Neugier", die der SPIEGEL den Enten in
der "FAZ" widme. Zugleich aber fürchtet er, "dass unsere Vorgesetzten
uns das nun verbieten".
Das
wäre schade. Denn noch viele Duck-Sprüche aus der Feder von Erika
Fuchs harren der Verwendung als "FAZ"-Überschrift beispielsweise
so einzigartige Sprechblasen wie "Sicus, Picus, Sellericus", "Flicus, Flacus,
Dumdideldacus" oder "Schnaptus, Claptus, Totalraptus".
Ganz
zu schweigen von jener Wortschöpfung, mit der die legendäre Mickymaus-Übersetzerin
einst das Geräusch einer zu Boden fallenden, mit Glühbirnen gefüllten
Zinkwanne beschrieb: "Klickeradomms".