Das
Ding mit
dem
Cockring

Die
höchst merkwürdige und ziemlich peinliche Geschichte mit dem
Cockring - Sie wissen schon? - machte im Winter 1994/95 im Hamburger Schwulenviertel
St. Georg die Runde.
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Die Story kursierte in der luxuriösen Männersauna
"Dragon" ebenso wie im schicken "Bistrot des Artistes", im plüschigen
"Café Gnosa" wie in der Leder-Disko "Black". Merkwürdig war
nur, daß jeder, der die Geschichte erzählte, eine andere Quelle
angab:
.
Mal war der Gewährsmann "ein Freund von einem Freund
in New York, mal "der Bruder eines Kollegen aus Lüneburg" - kurzum,
die Geschichte hatte alle Züge jener "Wanderlegenden", wie ein Göttinger
Ethnologe diese weltweit vagabundierenden Trivialmythen nennt, die er seit
Jahren sammelt und in Bestsellern wie "Die Spinne in der Yuccapalme" veröffentlicht.
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Wo die Story mit dem Cockring ihren Ursprung hat, stellte
sich ein halbes Jahr später heraus, als der Rowohlt-Verlag die "Tales
of the City" des schwulen US-Kultautors Armistead Maupin in deutscher Sprache
herausbrachte.
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In Band eins, auf Seite 294, unterhalten sich zwei Freunde
über Cockrings: "Wozu ist so ein Ding denn überhaupt gut?" -
"Ein Cockring? Mensch... wie soll ich das erklären? Es ist ein Stahlring
mit... ungefähr so 'nem Durchmesser... obwohl, manchmal ist er auch
aus Messing oder aus Leder... und den ziehst du über deine... Ausstattung."
- "Und wozu soll der Scheiß gut sein?" - "Damit steht er dir länger."
- "Hast du einen?" - "Oh Gott, nee... Ich kannte mal einen Kerl...
einen wie aus dem Ei gepellten Börsenmakler... und der hatte permanent
einen um. Aber davon war er schnell wieder geheilt."
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"Was ist passiert?" - "Er mußte zu einer Konferenz
nach Denver fliegen, und sie haben ihn drangekriegt, als er auf dem Flughafen
durch den Metalldetektor marschiert ist." - "Oh Gott! Was haben sie gemacht?"
- "Sie haben seinen Koffer aufgemacht und seine schwarzen Lederchaps gefunden!"
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Irgendein Leser der US-Originalausgabe der "Stadtgeschichten"
hat, so scheint es, Maupins Cockring-Story nach Hamburg getragen und als
wahr ausgegeben - wo sie natürlich vor allem in jenem Stadtteil für
lustvolles Entsetzen sorgte, den die Szene seit Jahren "St. Gayorg" nennt.