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Die   a u f r e g e n d s t e   Frau im Web
"Der Klassiker" (TOMORROW)


Chaos chaos, tralala

Deutsche Biologen wollen gegen Zahlung einer Spende neu entdeckte Tier- und Pflanzenarten nach Gönnern benennen lassen ­ und haben in der Fachwelt eine kuriose Kontroverse ausgelöst.

Was ist für Loki Schmidt, 81, "das vollkommene irdische Glück"? Im Promi-Fragebogen der "FAZ" gibt die Altkanzler-Ehefrau Auskunft: "Eine noch unbekannte Pflanze entdecken." 

Das ist der Hobby-Botanikerin beispielsweise in Mexiko gelungen, wo sie eines Tages ein nie zuvor beschriebenes Ananasgewächs aufstöberte. Seither trägt die Pflanze den wissenschaftlichen Namen Pitcairnia loki-schmidtiae.

Das Glücksgefühl, das mit einer Namenspatenschaft verbunden ist, möchte die Hamburger Naturschützerin neuerdings auch Menschen vermitteln, die nicht mit Botanisiertrommel oder Kescher durch tropische Zonen ziehen wollen, aber bereit sind, solche Expeditionen und ausgewählte Ökoprojekte in fernen Ländern mit einer Spende von 5000 Mark aufwärts zu unterstützen. 

Die greise Hanseatin hat sich als Ehrenmitglied einem jungen Biologenverein zur Verfügung gestellt, der mit einem originellen Konzept gleich zwei Not leidende Disziplinen auf einen Schlag fördern will: 

- die "Taxonomie", die Wissenschaft von der Einordnung aller Lebewesen in biologische Systeme, die seit langem als unterfinanziertes Stiefkind der Biologie dahinvegetiert ­ obgleich abertausende akut vom Aussterben bedrohter Organismen noch nicht einmal entdeckt, geschweige denn erforscht worden sind, und 

- den Artenschutz, der etwa durch Einrichtung von Naturparks die Lebensräume gefährdeter Tiere und Pflanzen (und damit deren Genpool) der Nachwelt bewahren will ­ Vorhaben, für die es vor allem in der Dritten Welt an Geld und Fachpersonal mangelt. 

Seit Jahresbeginn 2000 wirbt der von Loki Schmidt unterstützte Verein "Biopat e. V." für sein Konzept: Die Spende eines Bio-Paten kommt dem Institut des Taxonomen, dem die jeweilige Entdeckung zu verdanken ist, und einer Naturschutzorganisation in der betreffenden Region je zur Hälfte zugute. Der edle (oder auch nur eitle) Spender erhält zehn Sonderdrucke mit der wissenschaftlichen Beschreibung der neuen Art, eine hübsche Urkunde und eine Quittung fürs Finanzamt. Die Genugtuung, sich selbst oder seine Firma, seine Ehefrau oder seine Geliebte in den Annalen der Biologie verewigt zu haben, ist ohnehin unbezahlbar. 

Bereits seit 1758 wird jede Spezies mit einem Gattungs- und einem Artnamen in latinisierter Form bezeichnet. Der Gattungsname steht meistens bereits fest, den Artnamen wählt der Forscher aus, der die Entdeckung als Erster beschrieben hat.

"Der Gattungsname ist vergleichbar mit einer Automarke wie VW, der Artname hingegen entspricht etwa dem jeweiligen Modell wie Polo oder Golf", beschreibt Biopat das Prinzip, nach dem im vergangenen Vierteljahrtausend rund 1,8 Millionen Tier- und Pflanzenarten erfasst worden sind. 

Mit Hilfe des traditionellen Nomenklatursystems will der Verein nun auch spendablen Privatleuten "ein kleines Stückchen Ewigkeit" garantieren. Biopat-Werbetext: "Nehmen wir an, Sie haben eine Tochter namens Margret und haben Ihre Spende an Biopat überwiesen: Dann können Sie zum Beispiel eine neu entdeckte Orchidee der Gattung Maxillaria auf den Namen Maxillaria margretae taufen lassen und so den Namen Ihrer Tochter unauslöschlich an diese Orchidee binden." 

Biopat-Vorsitzender Claus Bätke hat sich schon einen Reim auf den vielfältigen Nutzen seines Förderprogramms gemacht: "Arten erkennen, Arten benennen, Vielfalt erhalten, Naturschutz gestalten." Inzwischen kann der Naturschützer, der hauptberuflich in der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit für Tropenökologie zuständig ist, bereits schöne Erfolge vorweisen. 

Immerhin 18 Patenschaften (Erlös: rund 100 000 Mark) sind bereits vermittelt worden; viele weitere Anträge laufen. Wissenschaftliche Namen mit privatem Einschlag tragen nun Kreaturen, die in den Biopat-Werbeschriften zuvor nur mit Arbeitstiteln aufgeführt werden konnten ­ wie etwa "ein Frosch mit großen Ohren"  oder "eine schöne Kröte aus den Anden". 

Noch sind etliche andere Neuentdeckungen auf der Internet-Homepage des Vereins ( www.biopat.de ) im Angebot, darunter Spezialitäten wie "eine Orchidee aus den immerfeuchten Yungas-Bergregenwäldern" Boliviens und "die wahrscheinlich schnellste Spinne" der Provinz Yunnan in China. 

Doch ob aus Yungas oder Yunnan ­ der Nachschub könnte, so muss Biopat fürchten, bald schon knapp werden. Zwar sind noch Millionen von Arten unbeschrieben. Doch eine heftige Kontroverse über Sinn oder Unsinn des Projekts verunsichert zur Zeit Teile der internationalen Bio-Community, auf deren Kooperationsbereitschaft Biopat e. V. angewiesen ist. 

Den Anstoß zur Fachdebatte gab die Zeitschrift "Science", die ihren Lesern im Frühjahr 2000 das Biopat-Spendenkonzept vorstellte. Dabei erweckte das Blatt mit missverständlichen Wendungen wie "species for sale" den Eindruck, die Biologie sei in Gefahr, käuflich zu werden. 

Mit einem Alarmruf meldete sich die Nomenklatura unter den Nomenklatoren zu  Wort. Der italienische Biologe Alessandro Minelli, Professor zu Padua und Präsident der Internationalen Kommission für zoologische Nomenklatur, mahnte, ein florierender "Namensverkauf" könnte zu "nomenklatorischer Unsicherheit" führen und Dunkelmänner ermutigen, aus Geldgier Neuentdeckungen lediglich vorzutäuschen. 

Das Minelli-Verdikt ("names for cash") veranlasste deutsche Biopat-Freunde wie den Frankfurter Zoologen Michael Türkay, im Interesse der guten Sache "die Seriositätskarte zu ziehen". Gemeinsam mit Kollegen aus Instituten wie der Zoologischen Staatssammlung München oder dem Museum Koenig in Bonn verfasste er ein Statement, das Biopat gegen den Vorwurf des Namensverkaufs in Schutz nimmt und "alle angesehenen Museen, Sammlungen und Forschungsinstitute" der Welt zur Zusammenarbeit mit dem Verein aufruft. 

Beistand erhalten die deutschen Biopat-Förderer auch von Experten wie dem kalifornischen Museumsdirektor Robert George Sprackland, der ­ ebenfalls in einem Brief an "Science" ­ daran erinnert, dass Namenspatenschaften "die gesamte Taxonomie-Geschichte" durchziehen. In der Tat sind Tiere und Pflanzen schon vieltausendfach nach Geldgebern, aber auch nach Intimfreunden und Intimfeinden benannt worden. 

Der amerikanische Multimillionär und Sponsor Andrew Carnegie etwa stand Pate für Diplodocus carnegiei, eine Dinosaurierart. So genannte Dedikationsnamen ­ Victoria cruciana (eine Wasserpflanze), Anophthalmus hitleri (ein Käfer), Bufonaria borisbeckeri (eine Meeresschnecke) oder Hyla stingi (ein Laubfrosch) ­ sind Königinnen und Verbrechern, Tennisstars und Popsängern gewidmet worden. 

"Speziell innere Parasiten", weiß Biologe Sprackland, würden bevorzugt nach missliebigen Kollegen benannt. Vielfach sei, wie bei der Taufe eines Salamanders auf den Namen Oedipus rex, schlicht Jux im Spiel gewesen. 

Das Argument, Sponsoren-Einflüsse könnten künftig zu unseriöser Namensgebung führen, jedenfalls wirkt weit hergeholt angesichts einer Liste kurioser Artnamen, die derzeit unter deutschen Biologen kursiert.

Als österreichische Dialektfreunde 1982 noch "a dritte, a vierte, a fünfte" Unterart einer bereits beschriebenen Insektenspezies zu benamsen hatten, nannten sie die Viecher kurzerhand adryte, aphyrte und aphynfte. Nach demselben Muster hatten alpenländische Entomologen zuvor einer offenbar auch dem Menschen  lästigen griechischen Kamelhalsfliege ­ verflixt noch mal ­ den Artnamen aphaphlyxte verpasst. 

Auch lecmima, frei nach Götz, ist schon vergeben worden, ebenso wie Chaos chaos, Abra cadabra oder Colon rectum, vulgo Arschloch. Einige wahrscheinlich zu Recht weithin unbekannte Weichtierarten oder -unterarten tragen Namen wie eiapopeia, hoppla und tralala. 

Die Biopat-Initiatoren wollen sich denn auch von den hehren Worten der Zunftwächter nicht erweichen lassen, sondern sich in Kooperation mit Forschungsinstituten in aller Welt um weitere Täuflinge bemühen. Die Zeit wird knapp: "Durch die unerwartet große Nachfrage", sagt Vorsitzender Bätke, "haben wir inzwischen schon einen Angebotsengpass."

Anfragen von potenziellen Bio-Paten erreichen den Verein, so Bätke stolz, mittlerweile "sogar aus Amerika". 

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