Hallo,
Fremder, sei
gegrüßt!

Ich bin aus
Hamburg,
schreibe
unter anderem
über Computer
und sehe
leider ganz 
anders aus als
das tolle
Girl mit dem
Schmollmund.
 
 

Herzlichen
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Mittlerweile über 70.000 Visits,

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Die   a u f r e g e n d s t e   Frau im Web
"Der Klassiker" (TOMORROW)
 
 

Die Zunge
meiner Mutter

Erst zog der "Deppen-Apostroph" wie eine Seuche durchs Land, nun hat eine weitere Sprachkrankheit die Republik infiziert: Landauf, landab verschwindet der Bindestrich aus dem Alltagsdeutsch.
 

Der Hamburger EDV-Berater und angehende  Wissenschaftshistoriker Philipp Oelwein, 34, hat  einen ausgeprägten Sinn fürs Skurrile. Sonst enthielte seine Homepage nicht Links zu so merkwürdigen Institutionen wie der "Akademie für Analytische Irrelevanz"  - mit Seminaren über "Bienenvölkerrecht" und einem Sonderforschungsbereich "Phonetik des Stummfilms". 

Ganz ernst aber ist es dem Spaßvogel mit seinem Hauptanliegen. In einer "Apostroph-Gruselgalerie" dokumentiert er den Siegeszug einer Sprachseuche, die bereits seit einem Jahrzehnt in Deutschland grassiert: die modische Verwendung des angelsächsischen Apostroph-S nicht nur in Genitivkonstruktionen ("Waldemar's Grillcorner"), sondern auch bei der Pluralbildung ("T-Shirt's", "Kid's", "Snack's"). 

Bereits vor zwei Jahren hatten Oelwein und sein Göttinger Mitstreiter Daniel Fuchs auf ihren Websites so viele Fälle von "Apostrophitis" gesammelt, dass sie angesichts all der "Hit's des Monat's" in deutschen Schaufenstern und all der "Link's" und "Info's" im Internet tiefe Resignation befiel - zumal der Deppen-Apostroph sich zunehmend auch anderer Endbuchstaben bemächtigte und die ersten "Schmanker'l" und "Matratze'n" auf Werbetafeln auftauchten. 

"Der Feind," konstatierte Fuchs bald auf seiner "Apostroph-S-Hass-Seite", "ist einfach übermächtig." Und er ist äußerst tückisch: Die Sprachschlamperei erscheint in vielerlei Gestalt. 

Nach der Katastrophe mit dem Apostroph plagt die Sprachpfleger jetzt, was Oelwein den "Agostroph" nennt. Das Kunstwort, abgeleitet vom griechischen Agora (Platz, Leere), soll die Abwesenheit von eigentlich notwendigen Apostrophen beschreiben. 

Und ein Leerraum klafft in jüngster Zeit immer häufiger auch dort, wo im Deutschen ein Bindestrich stehen muss - für dieses Loch hat Oelwein ("mit oe wie Goethe") den Namen "Agovis" geprägt, nach der Fachbezeichnung "Divis" für Bindestrich.

Kurz nach der Jahrtausendwende machte die neue Seuche erstmals auf sich aufmerksam. In einem Newsletter aus dem Goethe-Institut Budapest bemängelte der dort amtierende Pädagoge Wolf Dieter Ortmann den Titel einer aktuellen  "Shell Studie" zum Thema Jugend: "Warum eigentlich 'Shell Studie' und nicht 'Shell-Studie'?" 

Es sei "geradezu modisch" geworden, klagte Ortmann schon damals, die Bindestrich-Regeln zu missachten. Er hoffe, dass nach Trümmertiteln wie "Bertelsmann Stiftung", "Heinrich Böll Stiftung" und "Österreich Institut" demnächst nicht auch noch die Schreibweise "Goethe Institut" folge. 

Noch im selben Jahr begann die Leertaste den Buchmarkt des Dichter- und Denkerlandes zu erobern, und sie stiess nur auf schwachen Widerstand. 

Lediglich die "FAZ" rügte in einer Sachbuch-Rezension, ein Buchtitel wie "Euro Crash" ohne Bindestrich sei "weder neue noch alte Rechtschreibung, sondern ein modischer Anglizismus, wie ihn Schreiber gebrauchen, die zuviel im 'Wall Street Journal' gelesen und darüber ihrer Mutter Zunge verlernt haben". 

Fortan war kein Halten mehr. Die Lufthansa empfahl sich plötzlich als "Der Aviation Konzern",  n-tv als "Der Nachrichten Sender" (bis er nach Zuschauerprotesten zur alten Schreibweise zurückkehrte). BMW rühmte auf seiner Website die "Service Qualität" der "BMW Service Stützpunkte", deren "Versorgung mit Original BMW Teilen" auch von der "Motorrad Fachpresse" gelobt werde. 

"Dahinter steckt wohl die unausgesprochene Sehnsucht, nicht Deutsch, sondern Englisch als Muttersprache zu haben," vermutet eine Autorin im Internet-Forum www.rechtschreibreform.de, wo derlei Sprachmüll zitiert und über das "sehr merkwürdige Phänomen" diskutiert wurde. 

Die Sprachpfleger sind sich einig, dass der Bindestrich-Verzicht ebenso wie der Deppen-Apostroph dem deutschen Drang zum "pseudoweltläufigen Neusprech" entspringt, den der Dortmunder Professor Walter Krämer, Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache, seit längerem kritisiert. 

Von Anglizismen, so Krämer, erhofften sich bezeichnenderweise vor allem solche Institutionen ein frisches Image, die seit Jahrzehnten als ganz besonders verstaubt gelten, etwa die Post. Der einstige Staatsbetrieb verwirrt seine Kundschaft nun mit Ausdrücken wie "global mail" und "postage point", "easy trade" und "funcard mailing". 

Ob ein deutscher Bestattungsunternehmer sich nun "funeralmaster" nennt, ob das Amtsgericht zu Hannover einen "service point" einrichtet, ob irgendeine Krankenkasse für "check up", "warm up" und "push up" wirbt - nicht selten ist es die pure Provinzialität, die sich hinter ein paar Brocken Englisch verstecken zu können glaubt. 

Uneins scheinen Sprachwissenschaftler in der Frage, wie sie den deutsch-englischen Sprachpunsch nennen sollen, die auf diese Weise zustande kommt. Die einen bevorzugen "Denglisch", die anderen "Engleutsch" oder "Engdeutsch". (Wem das zu deutsch klingt, kann eine der beiden anglisierenden Varianten verwenden, die von der American Translators Association vorgestellt wurden: "Germeng" und "Germish".) 

Belege für mangelnde Sprachloyalität wie den Bindestrichverzicht finden sich mittlerweile landauf, landab. Die Sprachschlamperei hat längst den Kulturbetrieb erobert, dessen Plakate für eine "Operetten Gala" oder für die "Berliner Barock Solisten" werben. Die deutsche Fassung des US-Films "The Bourne Identity" heisst - wie wohl? - "Die Bourne Identität". 

Schon sehen die Industrie- und Handelskammern Handlungsbedarf: Sie bieten ihren Mitgliedern Sprachseminare mit Themen wie "Stiefkind Binde-Strich" und "Apostrophitis" an - und sie haben allen Grund dazu. 

Denn nachdem Multis wie Esso dazu übergegangen sind, an ihren Tankstellen auf rot-weissen Leuchttafeln "Bremsen Dienst", "Motor Inspektion" und "Tiger Wäsche" zu offerieren, drängt es nun auch Abertausende von Kleingewerbetreibenden, an Hausfassaden und auf Werbeschildern ebenfalls Internationalität zu demonstrieren - so wie etwa vor den Toren Hamburgs, entlang der Bundesstrasse 73. 

Auf einer Strecke von wenigen Kilometern finden sich rechts und links der Fahrbahn Texte wie "Küchen Zentrum", "Textil Druck", "Grill Imbiss", "Matratzen Markt", "Selbsthilfe Werkstatt", "Motor Roller", "Schuh Markt", "Döner Express" - und und und. 

Allmählich wächst zusammen, was zusammengehört: Apostrophitis und Bindestrichdefizit vermählen sich in Wortungetümen wie "Aktion's Wochenende", gesehen in Freiburg an der Elbe, oder in einer E-Mail an die Personalabteilung der Firma NBC-Giga, über die sich das Linguisten-Forum www.vds-ev.de mokierte: "Ich suche einen Studium's Platz als Informatiker." 

Dasselbe Forum weckt auch leise Zweifel, ob von der Lehrerschaft Abhilfe zu erwarten ist: Ausgerechnet zum Thema "Anglizismenvermeidung in Webseiten" meldete sich da ein "Mathe Lehrer" zu Wort. 

Auch der eine oder andere Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaftler von der Universität Siegen scheidet wohl als Mitstreiter im Kampf für die Rettung des Bindestrichs aus. Der Fachbereich, zu dem auch das Germanistische Institut zählt, gibt im Internet als Adresse die "Adolf Reichwein Straße" an. 

Blieben vielleicht noch die Schulpolitiker der Länder. Doch wer deren gemeinsame Website www.kmk.de anwählt, lässt alle Hoffnung fahren. Gleich auf der Startseite grüßt ihn - die "Kultusminister Konferenz". 

(Oktober 2002)

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