20099
Babylon
Hamburgs
erogene Zone: Das ist das Viertel hinterm Hauptbahnhof: St. Georg, St.
Güürgü, St. Gayorg - ein Kiez, auf dem die Pudel Polka tanzen
und die Frauen Schwänze tragen.
St.
Georg ist klitzeklein wie ein Fliegenschiß, aber facettenreich wie
ein Fliegenauge. Ganze zwei Quadratkilometer mißt das Quartier mit
der Postleitzahl 20099. Doch der kleine Asphaltdschungel hinter dem Hamburger
Hauptbahnhof hat es in sich.
Moscheen
und Müsliläden, Babystrich und Altenstifte, Elendsasyle und Nobelhotels,
Rotlichtbars und Regattaclubs, dazu die herrlich verrückten und verruchten
Varietés, in denen Pudel Polka tanzen und die Frauen Schwänze
tragen - es gibt nichts, was es nicht gibt in St. Georg, Hamburgs erogener
Zone.
Und
ich kann mir kaum einen Menschen vorstellen, der sich nicht in irgendeinem
Winkel dieser Welt der Widersprüche zuhause fühlen könnte.
Ob Yuppie oder Junkie, Nutte oder Nonne, Trinker oder Tunte - hier findet
jeder eine Nische, in der es für ihn zumindest ab und zu mal rote
Rosen regnet.
Dafür
sorgt schon die St. Georger Gastronomie, in deren Reich die Säufersonne
nicht untergeht; denn in Hamburg 1 sind die Nächte genauso lang wie
auf St. Pauli. Rund um das Doppelminarett der Moschee in der Böckmannstrasse,
rund um den Doppelturm des Domes in der Danziger Strasse gibt es nicht
weniger als 140 gastronomische Betriebe. Da wird schlichtweg alles serviert,
vom Kir royal bis zum Kräutertee. Hin und wieder setzt es auch mal
K.o.-Tropfen.
In
dem Panoptikum, das St. Georg heisst, changieren die Grenzen zwischen Welt,
Halbwelt und Unterwelt. Die Hure am Hansaplatz kann sich als Senatorentochter
erweisen, die Puffmutter vom Steindamm als CDU-Frau und Jugendschöffin,
der distinguierte Nachtcafé-Kellner mit dem schlohweissen Haar als
Heroin-Dealer: St. Georg ist für manch eine Überraschung gut.
Ein
Schuss Preußen, zwei Spritzer Paris, drei Tropfen Balkan und vier
Fingerspitzen Poesie" - so hat der Schriftsteller Hansjörg Martin
vor fast zwei Jahrzehnten, zutreffend, das St. Georg von damals charakterisiert.
Heute müßte das Rezept ergänzt werden: eine Prise Bronx,
ein Hauch Heroin, ein Eßlöffel Erbrochenes.

Kein
anderer deutscher Stadtteil liegt mittlerweile kriminologisch näher
an New York. St. Georg, früher bekannt als die plüschdrapierte
erogene Zone Hamburgs, ist zu einem gigantischen Freiluft-Fixerraum geworden.
Und allüberall sind, trotz der höchsten Polizei- und Sozialarbeiterdichte
Deutschlands, die Risiken und Nebenwirkungen der Droge unübersehbar.
Kaum
irgendwo sonst liegt zugleich Babylon so nahe. Neben 7000 Deutschen, noch
immer die stärkste ethnische Minderheit im Viertel, leben in St. Georger
Wohnungen und Wohnheimen mittlerweile 8000 Nichtdeutsche: Menschen aus
mehr als 100 Nationen und mit rund 60 Muttersprachen - eine Uno im kleinen.
Repräsentiert
sind im Stadtteil aber nicht nur nahezu alle Völker der Welt. Auch
soziale und sexuelle Minderheiten jeglicher Art haben rund um den Hansaplatz
eine Heimstatt gefunden.
Die
Nähe des Dorfes ohne die Enge des Dorfes" - treffender als die Lyrikerin
Renate Wichers kann niemand die angenehmen Züge des toleranten Stadtteils
hinterm Bahnhof beschreiben. Die Liberalität entspringt St. Georger
Tradition.
Jahrhundertelang
mußte die Vorstadt allen und allem Quartier bieten, was innerhalb
der Hamburger Mauern nicht geduldet wurde, weil es ansteckte, knallte,
stank oder sonstwie anrüchig war: den Leprakranken und dem Pulvermüller,
den Schweinemästern, den Henkern und den Huren.
Jeder
Palast braucht eine Kloake, sonst wird der Palast selber zur Kloake." Dieses
zynische Motto, noch vor ein paar Jahren vom Filmregisseur Jürgen
Roland in einer TV-Diskussion zum Thema Strassenstrich (zustimmend) zitiert,
war offenbar jahrezehntelang die Richtschnur der Stadtentwicklungspolitik.
Die
Vorstadtbewohner mit ihrer sagenhaften Toleranz galten als unbegrenzt belastbar.
Vorübergehend erschien der Stadtteil schon als die Verwirklichung
eines sozialen Utopia, als geglücktes Multikulti-Modell friedlichen
Zusammenlebens.
Aber
funktioniert St. Georg wirklich als Schmelztiegel der Gegensätze?
Ist der Stadtteil eine Zone guter Nachbarschaft, in der Angehörige
von Randgruppen, weil sie allesamt selber auf Toleranz angewiesen sind,
einander frohen Herzens tolerieren?

Allzu
viel passiert in St. Georg, das nicht in dieses Bild paßt. Die Wirklichkeit
ist widersprüchlicher als die schwarz-weißen Weltbilder in den
Köpfen von Ideologen jeder Couleur. Da fordert ausgerechnet der ausländische
Familienvater, von schwarzen Dealern bedrängt: "Ausländer raus."
Da zählen ausgerechnet Schwule zum harten Kern der kleinen St. Georger
Neonazi-Szene. Da vertreiben sich ausgerechnet junge Ausländer die
Freizeit mit "Schwulenklatschen". Und da verkehren ausgerechnet Altlinke
nirgendwo so gern wie in jenen schicken Lokalen, die hundertprozentig türkenfrei
gehalten werden.
Nur
aus der Ferne betrachtet gleicht der bunte Stadtteil einem Aquarell, dessen
Farben ineinander verlaufen und sich mischen. Bei genauerem Hinschauen
besteht das Bild aus lauter monochromen, scharf voneinander abgegrenzten
Rasterpunkten.
Da
lebt einerseits, unweit der Alster, die Medien- und Kulturschickeria in
ihren schwanenweißen Häusern. Rund um den Steindamm dagegen,
wo es nach Gully, Knoblauch und Mottenkugeln riecht, wohnen die Malocher
mit dem Paragraph-5-Schein, die sich von der Öko- und Ötv-SPD
verraten fühlen, und die Immigranten. Und dort erstrecken sich auch
die - wiederum scharf voneinander abgegrenzten - Welten der Alten- stiftler,
der solariengebräunten Leute aus dem Nachtleben und der knasttätowierten
Parkbankbewohner mit den Bierdosen aus dem "Penner-Markt".
Je
dichter die diversen Kulturen und Subkulturen aneinandergrenzen, desto
ausgeprägter ist die Neigung, sich von dem jeweils Fremden abzuwenden
und sich in die vertraute Binnenwelt zurückzuziehen.
So
kommt es, dass die Bewohner zweier Nachbarhäuser in St. Georg - eines
überwiegend türkisch, eines überwiegend deutsch - einander
genauso fremd sein können wie Menschen aus Wilhelmsburg und Harvestehude.
In der eigens eingerichteten deutsch-ausländischen Begegnungsstätte
begegnen Ausländer vor allem Ausländern.
F
ast alle sind auf Abstand bedacht. Die kleinkriminellen Kiffer und die
bierbäuchigen Malocher verirren sich kaum in die Lokale, in denen
die nickelbebrillten Schlaumeier hocken. Normalos meiden die schicken Bars
und Bistros der Schwulen, wo sie als "stino", stinknormal, verspottet werden.
Bestimmten
Frauen ist das gesamte bunte Kneipenspektrum - vom CVJM-Café bis
zum "Tschüß, mach's gut" - so sehr zuwider, dass sie mit einer
Dreiviertelmillion aus Steuergeldern ein reines Frauencafé eröffnet
haben, zu dem nicht einmal der pakistanische Rosenverkäufer Zutritt
hat.

Ebenso
tief wie die Gräben zwischen den Szenen und den Milieus ist eine Kluft,
sie sich quer durch St. Georg zieht. Die jahrelang diskutierte Frage, ob
der Stadtteil in Richtung Verslumung oder Versnobung "kippt", scheint beantwortet:
Ein Teil versnobt, ein Teil verslumt.
Aus Richtung Alster greift
"Pöseldorf mit seinen lackierten Krallen" nach dem Stadtteil, wie
die St. Georgerin Peggy Parnass schon vor Jahren formulierte. Die Folgen
sind Mieterhöhungen, Ladenschliessungen und Kündigungen. "Gentrification"
nennen die Stadtsoziologen, in Anlehnung an die englische Vokabel für
Landadel, die Verdrängung der kleinen Leute durch zahlungskräftigere
Kundschaft; neuerdings vor allem aus der "gay community".
Gleichzeitig
kriecht vom Steindamm her, wo die Mädchen mit den nadelspitzen Pupillen
stehen, das Elend in die Strassen von St. Georg. Die Versäumnisse
der menschenverachtenden Bonner Drogenpolitik und die Verbrechen der multinationalen
Drogenmafia, der wachsende Beschaffungsdruck ihrer kranken Opfer, die Ängste
und Leiden derer, die schließlich zu Opfern dieser Opfer werden -
das alles bedroht das alte St. Georg mindestens ebenso wie der Trend zur
Veredelung und Veradelung der Häuserblocks entlang der Alster.
In
die Zange genommen von den Junkisierern und den Yuppisierern sehen sich
mittlerweile Aberhunderte von St. Georgern, jüngere wie ältere,
die sich weder im schwulen St. Gayorg noch im türkischen St. Güürgü
zuhause fühlen. Sie bekommen es mit der Angst zu tun, wenn sie
von der jüngsten Wohnungskündigung im Nachbarhaus oder vom jüngsten
Einbruch im Erdgeschoß hören. Und sie trauern, wenn wieder mal
ein Tante-Emma-Laden oder ein Friseur wegen hoher Pachten dichtmachen muß.
Denn die Leute wissen: In das geräumte Ladenlokal zieht demnächst
entweder die dritte Gay-Boutique in dieser Straße ein, das vierte
Basmati-Reis-Geschäft oder die fünfte Spielhalle. Sie selber
brauchen weder das eine noch das andere.
Je
fremder die Welt draußen wird, desto fester klammern sich viele der
Alteingesessenen an die vertrauten Relikte des St. Georg von einst. Das
sind Kneipen wie das (vor einiger Zeit geschlossene) "Weincabinet" von
Reinhard Vogelgesang, der jeden am Tresen herzlich, aber rauh "Schiddel"
nannte, oder - an der Ecke Lange Reihe / Schmilinskystraße - der
"Kupferkrug" von Helga Ebert, Wirtin mit goldenem Herzen.
In
solchen Lokalen brennen noch Kerzen statt Halogenlampen, tönt eher
Alsterradio- als Techno-Musik, hier gibt es noch hausgemachte ff. Frikadellen
und perfekt gezapfte 7-Minuten-Biere, und kein Hauch von Hasch verfremdet
die Marlboro-Schwaden. Der Hamburger Maler Peter Grochmann, der auch schon
mal der "Toulouse-Lautrec von St. Georg" genannt wurde, hat diese Welt
immer wieder in Öl und Acryl auf die Leinwand genannt. Die "Nachtgesichter"
oder "Fledermäuse", wie einige von Grochmanns Bildern heissen, sind
identifizierbar als die Handwerker und Hafenarbeiter, Kraftfahrer und Krankenschwestern,
Rentnerinnen und Redakteure aus seinen St. Georger Stammlokalen.

Gegen
Abend versammeln sie sich am Tresen: Guinness-Reiner, der jeden Tag St.
Patricks Day feiert; Munki, der dänische Diplomatensohn, Herr über
eine Taxe und ein Wasserbett; Alison, die mal den Limerick-Wettbewerb der
Londoner "Times" gewonnen hat; Silber-Kalle, der den geilsten Intimschmuck
im Stadtteil schmiedet; die immer lustige Witwe Erika, die kein Tänzchen
ausläßt; Carlito der Seemann, der auf Geburtstagsfeiern am lautesten
"Zicke-zacke-hoi-hoi-hoi" schreit, oder Goa-Gisela, die vierzig deutsche
Dialekte und die Tonfolgen von vier Spielautomaten imitieren kann.
Zusammengehalten
wird die Welt der Grochmann-Gestalten keineswegs allein durch Weingeist
und Bierseligkeit. Auch Butterfahrten und Bingorunden, Tischtennis- und
Doppelkopfturniere, Kegelabende und die selbstorganisierten Sommerfeste
von Sparclubs mit Namen wie "Flotter Groschen" bieten Alternativen zur
Glotze.
In den Kneipen an der Langen
Reihe entstanden Grochmanns Bilder von der extravaganten Margo, die jahrelang
die elektronische Kasse im Supermarkt mit noch mehr Geschick bedient hat
als abends die elektronischen Groschenfresser an der Kneipenwand. Oder
die Porträts von Dario, dem Multitalent und Meisterfotografen aus
dem Kattenhof. Oder von Markus, der seit vielen Jahren an einem Flugzeug
bastelt, das irgendwann einmal wirklich fliegen soll.
Immer
wieder erscheint auf Grochmanns Bildern auch Monika Rahn, die Muse mit
dem Pferdeschwanz, die seit 20 Jahren das wunderbare "Villon" führt,
in dessen Katakomben viele Größen der Brettlszene schon gastierten,
als noch niemand sie kannte. Oder Reinhold, den jeder Reinhilde nennt:
Seit seinem Schlaganfall kommt er nur noch hin und wieder, auf ein Gläschen
Sekt, in seine Stammlokale, um von den alten Zeiten zu erzählen, als
er die allerschrillsten Fummel trug und die heißeste Braut auf dem
Kiez war.
Doch
diese Welt, das St. Georg von einst, liegt im Sterben. Grochmann sein Milljöh
- irgendwann wird es nur noch auf seinen Ölgemälden zu besichtigen
sein. (1996)
