Alpenglühn
in
Sauensiek
Ein
gewitzter Gastronom enträtselt die
Geheimnisse
des Zehnmarkscheins
und
macht daraus ein lohnendes Geschäft.
Ein
bißchen Sein,
ein
bißchen Schein,
ein
bißchen Schwein.
Philip
Rosenthal
über
sein Erfolgsrezept
m
m
Sein, Schein, Schwein: diese
Faktoren haben manch eine Karriere geprägt - auch die des Gastronomen
Erhard Benischek, 44, eines skurrilen, schnauzbärtigen Multitalents,
das vor Jahren aus dem Niederösterreichischen ins Niedersächsische
emigrierte.
Ein bißchen Sein?
Er war schon wer, der Benischek
Erhard, als es ihn, wie so manch einen Bewohner seines küstenlosen
Berglandes, ans Meer und zur Marine zog. Der Hotelfachschulabsolvent heuerte
auf einem Hamburger Helgoland-Dampfer an, studierte dann aber in Lüneburg
Geographie und Pädagogik, um schließlich, als arbeitsloser Lehrer,
eine Kleinkunstbühne in Buxtehude aufzumachen, in jener Märchenstadt,
die, allen Gerüchten zum Trotz, wirklich existiert.
Ein bißchen Schein?
Es war ein Geldschein, der
Benischeks Leben gleichsam revolutionierte - genauer gesagt: die bläulichviolette
Zehnmarknote der Deutschen Bundesbank. Darüber gleich mehr.
Ein bißchen Schwein?
Als schierer Glücksfall
sollte sich erweisen, daß der so mannigfach begabte Hotel-Marine-Kabarett-Pädagoge
Anfang der neunziger Jahre ein Dorfgasthaus in der Nähevon Buxtehude
übernahm, mitten in der plattdeutschen Pampa: in 21644 Sauensiek,
einem 1700-Einwohner-Kaff, dessen Symboltier ein Schwein ist.
Das Geschäft im ,,Hüsselhus"
lief mühsam an - trotz hochgesteckter gastronomischer Ambitionen;
ein deutscher und ein französischer Koch verwöhnten die Gästegaumen,
und zum Cappuccino reichte Benischek eigens gefertigte Zimtkekse in Form
einer Sau.
Doch zur Sommerszeit, wenn
alles an die See fuhr und das dünnbesiedelte Elbe-Weser-Dreieck noch
menschenleerer wirkte als sonst, lag das Restaurant bisweilen im tiefsten
,,Dornröschenschlaf' (Benischek) - keine Sau kam dann nach Sauensiek,
um von den exzellenten Wild- oder Zimtschweinen zu kosten.
Womit auch hätte der
Wirt, in der Epoche der Erlebnisgastronomie, die Touristenströme ausgerechnet
in das abgelegene Dorf umlenken können - in einen Ort, der sich
nur mit einem einzigen Superlativ schmücken
kann: Am Rande seiner Gemarkung buckelt sich sanft der birkenbestandene
Litberg, mit 53,1 Metern über Normal Null laut Fremdenverkehrswerbung
die ,,höchste Erhebung des Landkreises Stade".
An einem jener umsatzträgen
Sonnentage im Sommerloch zu Sauensiek trug sich ein Ereignis zu, das den
Hochmut des Alpenländers gegenüber dem sogenannten Berg hinter
seinem Haus schlagartig in Respekt umschlagen ließ. Benischek tat
an diesem Tag, was sonst kaum ein normaler Mensch je tut: Er sah sich ganz
genau den neuen Zehnmarkschein an, den die Bundesbank am16. April 1991
ausgegeben hatte. Kein Zweifel, auf der Geldnote stand ,,Litberg".
Nicht, daß das Wort
dort geradezu prangt. Im Gegenteil, die Buchstaben, knapp einen Drittelmillimeter
hoch, sind mit bloßem Auge kaum zu erkennen - ganz unten in der Ecke,
auf der Rückseite, inmitten einer klitzekleinen Landkarte, die das
Dreieck zwischen Elbe und Weser zeigt, das wiederum überzogen ist
von einem seltsamen Netz kleinerer Dreiecke.
Benischek brauchte ,,vier
oder fünf Bier", um die schwindelerregenden Dimensionen seiner Entdeckung
zu begreifen: War nicht sein Sauensieker Hausberg, dank der neuen Banknote,
,,urplötzlich der bekannteste Berg Deutschlands"? Führten ,,nicht
alle Deutschen und auch Millionen Ausländer" mit dem neuen Zehnmarkschein
gleichsam Werbezettel für den Litberg mit sich, in ihren ,,eigens
dafür gekauften Taschen"?
Mit exakt diesen Formulierungen
lud Benischek - gedacht, getan bald darauf Presse und Prominenz aus dem
gesamten Landkreis zur,,Erstbesteigung". Start und Ziel: die "Tal- und
Jaus'nstation Hüsselhus", Inh. E. Benischek.
Die Tour begann um 16 Uhr
am 10. Juni 1993 - genau ,,888 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung
Sauensieks", wie sich das PR-Genie ausgerechnet hatte, und genau ,,888
Kilometer nördlich von Bayern". Die amtliche Höhenangabe für
denLitberg rundete Benischek noch ein wenig nach oben ab, von 53,1 Metern
über dem Meeresspiegel auf 6666 Zentimeter. So geschah es, daß
ein Österreicher den Norddeutschen eineneigenen Sechstausender schenkte.
Obendrein bescherte Benischek
den Niedersachsen auch noch das ganze alpinistische und folkloristische
Brimborium, das zu einem richtigen Berg nun mal gehört. Auf Werbezetteln
verbreitete er einen ,,Litberg-Andachtsjodler" (,,Sehr langsam und zart"):
,,Tjo-tjo-i-ri, tjo-tjo-i-ri, tjo-tjo-ri, ri-di jo-e tjo-i-ri." Dazu verteilte
er ein ,,Litberg-Epos":
Groß und mächtig
Schicksalsträchtig
Über seine Gipfeln
jagen
Nebelschwaden ...
Litberg
Schicksalsberg
Herr der Berge
Du bist so groß
Und wir nur Zwerge.
Das publizistische Alpenglühn
über Sauensiek zeigte Wirkung. Ausflügler, darunter Busladungen
von Bankangestellten, die endlich den ,,Zehnmarkschein-Berg" kennenlernen
wollen, folgen seither Benischeks Einladung zum ,,Extrembergsteigen im
Elbe-Weser-Raum mit einem österreichischen Bergführer und seinem
Lawinenhund".
Nach dem Eintreffen im Basislager
Hüsselhus müssen die Flachlandtiroler zunächst einmal die
zwei Kilomctcr zum Gipfel überwinden - Höhendifferenz: 2400 Zentimeter;
zwischendurch geht's ,,auch mal schluchtartig 50 Zentimeter runter". Oben
gibt's ein ,,Gipfelstürmergetränk" sowie eine feine Urkunde (,,Der
Besitzer stand auf dem Dach Norddeutschlands") - und stets dieselbe Frage:
,,Wie kommt der Litberg auf den Zehnmarkschein?"
Die Geheimnisse des blauen
Zehners kennt niemand besser als Benischek. Als Autodidakt hat sich der
Austrier zum Experten für das Leben jenes Mannes weitergebildet, dem
die Bundesbank all die 500 Millionen Zehnmarkscheine gewidmet hat, die
derzeit kursieren: Carl Friedrich Gauß, 1777 bis 1855, Astronom,
Geodät und Physiker zu Göttingen, von Zeitgenossen gerühmt
als der,,deutsche Archimedes" und als ,,Mathematicorum princeps".
Benischek weiß alles
über den Fürsten der Mathematiker, nach dem mehr als 50 Gesetze
und Gleichungen, Formeln und Verfahren benannt worden sind - darunter die
(auf der Schein-Vorderseite abgebildete) Gauß'sche Normalverteilungskurve,
bis heute Basis aller statistischen Berechnungen.
Benischek weiß, daß
das Wasserzeichen der Banknote zwar ein treffendes Bildnis des Wissenschaftlers
zeigt. Das handgestochene Konterfei des würdigen Kotelettenträgers
auf dem Schein aber ist die spiegelverkehrte
- und damit verfälschte- Wiedergabe eines Gauß-Porträts
aus dem Jahre 1887.
Benischek weiß, daß
auf der Vorderseite der Note - neben dem rechten, in Wahrheit also linken
Ohr des Astronomen - eine Collage historischer Göttinger Gebäude
in Violett zu sehen ist, die unter UV-Licht gelb-grün fluoreszieren,
darunter Gaußens Arbeitsplatz, die Sternwarte.
Und Benischek weiß
natürlich auch, was die konzentrischen Kreise oben links auf der Rückseite
des Scheins und die winzigen Zirkel sowie Plus- und Minuspole im Bildhintergrund
symbolisieren: zum einen die bahnbrechenden Bahnberechnungen des Planetenforschers
Gauß, zum anderen seine mathematischen und physikalischen Verdienste.
Gauß war gerade mal
19 Jahre alt, als er das 2000 Jahre lang ungelöste Problem bewältigte,
mit Zirkel und Lineal ein regelmäßiges Siebzehneck zu konstruieren.
Und mit Experimenten an einer 1500 Meter langen Eisendrahtleitung quer
durch Göttingen schuf er mit die Grundlagen für eine der größten
Erfindungen der Menschheit: die elektromagnetische Telegraphie.
Ein Meßgerät,
das die Rückseite der Banknote beherrscht, weist auf eine andere Pioniertat
hin, die Gauß im Sommer 1821 im Auftrag des hannoverschen Königs
Georg IV in Angriff nahm: Mit einem solchen Sextanten, den er mit Spiegeln
zum ,,Heliotropen" ergänzte, erklommen er und seine ,,Gehülfen"
unwegsame Bergkuppen und fledermausdurchflatterte Kirchtürme, um das
Königreich Hannover zu vermessen.
Mit Hilfe der Heliotropen
und der Spiegel-Reflexe des Sonnenlichts konnte Gauß selbst Berggipfel
und Türme anpeilen, die Dutzende von Kilometern entfernt waren. Auf
,,unendliche Schwierigkeiten" stieß er allerdings in der Lüneburger
Heide, ,,wo es fast ganz an Höhen fehlt", wie er klagte, und wo seine
Helfer erst Schneisen in die Wälder schlagen mußten, um ihm
den Durchblick zu ermöglichen.
Im Sommer 1823 hatte Gauß
schließlich in aufwendigen Dreieckspeilungen weite Teile Norddeutschlands
vermessen - bis hinauf ins (damals dänische) Altona. Krönender
Abschluß sollte, in den beiden folgenden Jahren, das letzte fehlende
Verbindungsstück werden: die - auf dem Zehnmarkschein skizzierte -
trigonometrische Kette zwischen den Endpunkten des bereits existierenden
dänischen Dreiecksnetzes (Hamburg-Hohenhorn) und dem östlichsten
Schenkel der holländischen Gradmessung (Jever-Varel).
Daß der Litberg bei
diesem Brückenschlag für Gauß tatsächlich ,,der Berg
der Berge" war, wie Gastwirt Benischek schwört, ist gar nicht mal
so weit hergeholt. Am 27. September 1824 jubilierte der Landesvermesser:
,,Man sieht auf dem Litberg viele Häuser von Altona" - so wie auch
der Kirchtum des Ortes Zeven vom Litberg aus zu erkennen war. Der Zevener
Turm wiederum ermöglichte bei gutemWetter, wenn nicht gerade der Rauch
von Moorbränden den Himmel verdunkelte, eine Sichtverbindung nach
Bremen. Bald darauf war das Netz geknüpft, das Werk vollbracht.
Den Litberg und Sauensiek
sollte Gauß dennoch in schlechter Erinnerung behalten. In der Gegend
sei ,,kein trinkbarer Wein" zu bekommen, notierte er. Der Name Sauensiek
rühre wahrscheinlich daher, daß ,,die Säue dort krank"
(siech) werden.
Mittlerweile, 172 Jahre nach
dem Gauß-Besuch, ist der Litberg-Tourismus dank Bundesbank ,,aus
der Gemeinde Sauensiek nicht mehr wegzudenken". Der Hüsselhus-Wirt
sieht in Carl Friedrich Gauß inzwischen ,,allen Ernstes einen wichtigen
ökonomischen Faktor" - schon deshalb, weil Benischek für seine
Bergführungen von jedem Seilschaftsmitglied einen kleinen Obolus kassiert:
einen Zehnmarkschein, natürlich.
Im vorletzten Herbst wäre
ihm die Tour fast vermasselt worden. Nach dem Tod von Heinz Rühmann
forder ten CDU/CSU- und SPD-Abgeordnete, die Bundesbank solle die Gauß-Zehner
einziehen und baldmöglichst Scheine mit dem Konterfei des Schauspielers
ausgeben. Obwohl die Bild-Zeitung den fertigen Entwurf einer Heinz-Rühmann-Note
veröffentlichte, scheiterte der Plan der Populisten, und das Gedenken
an ,,den größten Deutschen aller Zeiten" (Benischek über
Gauß) war weiterhin gewahrt.
S either hat der Gauß-Verehrer
etliches getan, den Ruf des Litbergs - ,,Norddeutschlands Antwort auf die
Zugspitze" - in alle Lande zu tragen. Manchmal können der Bergführer
und sein Lawinenhund Bruno (benannt nach dem Austro-Sozialisten Bruno Kreisky)
sogar österreichische Gäste auf dem Litberg begrüßen.
Bei solchen Anlässen wird droben die rot-weiß-rote Nationalflagge
gehißt, und Benischek verliest stolz eine - authentische - Grußbotschaft
seines Kanzlers Franz Vranitzky:
,,Ich danke Ihnen für
Ihren Bericht über die Entdeckung eines Sechstausenders in einer
Region, die bisher eher als alpinistisch unterentwickelt gegolten hat.
Ich wünsche den tapferen Bezwingern des Litbergs, die - was ich ihrem
Ehrgeiz zutraue- ohne Sauerstof fge rät unterwegs sein werden, viel
Erfolg! Carl Friedrich Gauß (auch hierorts in allen Lehrplänen
verankert) mög e ihr kühnes Unternehmen wohlwollend aus einer
anderen Welt betrachten und zu einem glücklichen Ende führen!
Berg Heil!"
Auch Deutschlands Bundespräsident
Roman Herzog hat es sich nicht nehmen lassen, den Tausendsassa Benischek
zu würdigen - als ,,wahrhaften Pionier bei der Erforschung fremder
Berge und Völker". Herzog auf Bütten: ,,Alle Achtung! Ich wußte
schon immer, daß die Antwort zu Unvorstellbarem häufig nur durch
Österreicher gegeben werden kann."
Die Antwort, soviel ist sicher,
muß nur laut genug gegeben werden. Sein, Schein, Schwein - das allein
ist nicht genug. Auch ein bißchen Schrei'n muß sein.