In
Love with
an
Alien

Das
merkwürdigste Tier der Welt - ein Fall aus dem All? Ein Mini-Monster
kriecht aus "untoten" Eiern - die Wahrheit über die "Außerirdischen"
von Wien.
.
Im Jahre 1821, im August,
geschah in Wien höchst Seltsames. Marktweiber offerierten bizarre,
nie gesehene Tiere zum Verkauf, die allem Anschein nach aus dem All stammten.
Die vier bis fünf Zentimeter
langen Wesen, berichteten Zeitgenossen, "bewegten sich lebhaft im Wasser".
Nach Angaben der Verkäuferinnen waren sie "mit dem einige Zeit zuvor
niedergegangenen, ungewöhnlich schweren Regen vom Himmel gefallen".
Mini-Monster
aus scheintoten Eiern
"Den meisten schien dies
sehr glaubwürdig," heißt es in den Aufzeichnungen weiter, "denn
die Tiere hatten eine gar absonderliche, nie gesehene Gestalt und fanden
sich in ungeheuren Mengen in Pfützen und Regenlachen, an deren Stelle
kaum zwei Wochen vorher staubige Straßengräben und mit dürrem
Gras bedeckte Mulden zu sehen waren."
Erst eine Wissenschaftler-Kommission
war in der Lage, die Herkunft der angeblichen Aliens aufzuklären.
Bei den mysteriösen Mini-Monstern handelte sich um Exemplare eines
lebenden Fossils, um Urzeitkrebse, die seit 200 Millionen Jahren den Planeten
bevölkern, ohne ihre Gestalt verändert zu haben, sogenannte Rückenschaler.
Eier der größten heimischen Art, Triops cancriformis, waren
wahrscheinlich vom Wind herbeigetragen worden.
Rätsel
um einen "Tod auf Zeit"
Der Wiener Zoologe Erich
Eder, einer der klügsten Kenner der Materie, beschreibt
die Lebensbedingungen der merkwürdigen Tiere mit den Worten: "Bestens
angepaßt an Gewässer, die zeitweilig austrocknen - Fahrspuren
auf Feldwegen, Flußauen, Tümpel in der Steppe und Salzseen -
überstehen sie Trockenperioden, indem sie ihre Embryos in Dauereier
einkapseln, die Jahre, vielleicht Jahrhunderte überdauern können.
Anders als Pflanzensamen haben Dauereier gar keinen Stoffwechsel - ein
regelrechter Tod auf Zeit sichert das Überleben der Urzeitkrebse."
Wer sich, wie Eder, mit den
Urzeitkrebsen befaßt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Rätsel
über Rätsel: Was läßt nach Jahren des Wartens die
scheintoten Eier erwachen? Wodurch sind sie über Jahrzehnte vor dem
Verderben geschützt?
Der
Geheimrat setzte Finderlohn aus
Seit gut zweieinhalb Jahrhunderten
befassen sich Wissenschaftler mit dem Mirakel. Als erster erwähnte,
1732, Johann Leonhard Frisch den "Floß-füßigen See-Wurm
mit dem Schild". 1803, nach einer weiteren Invasion aus dem Irgendwo,
wandte sich Johann Wolfgang von Goethe dem Urzeitkrebs zu.
Der Naturwissenschaftler
und Naturwissenschaftler Wilhelm Bölsche schilderte 1906 in
seinem Buch "Von Sonnen und Sonnenstäubchen", wie Geheimrat Goethe
reagierte, als er zum erstenmal den "Krebs, der 'vom Himmel fällt'",
sah: Im Bemühen, mehr Exemplare des lebenden Fossils zu ergattern,
"bot er einen Speziestaler für einen zweiten Kiefenfuß, für
einen dritten einen Gulden und so bis auf sechs Pfennige herunter. Jetzt
suchte die ganze Umwohnerschaft von Jena ihre Pfützen und Teiche ab
für die verschwenderische Marotte des Herrn Geheimrats." Aber "voraussetzungslos,
wie er anscheinend im Jenenser Gebiet einmal aufgetaucht," war der
Krebs "auch ebenso wieder spurlos fortan verschwunden. Goethe erhielt keinen
mehr."
Krebschenforscher Eder
hat herausgefunden, daß der berühmte Konrad Lorenz den eigentümlichen
Tieren, den Millionen Jahre alten Untoten, sogar die "Schuld" an seiner
Berufswahl gab.
Konrad
Lorenz und die Untoten
"Schon im Alter von sechs
Jahren," schreibt der Nobelpreisträger, " stand ich mit der philosophischen
Verwunderung des Forschers vor einem Überschwemmungstümpel, in
dem sich große Mengen von Blattfußkrebsen tummelten, unter
ihnen der Apus (=Triops cancriformis, Anm.), der 'vom Himmel gefallene
vielfüßige Ohnfuß'. Das war im Jahre 1909. Die nächste
Invasion dieser merkwürdigen Tiere fand nachweislich erst im Jahre
1936 statt, so lange können die Dauereier dieser Tierchen auf günstige
Bedingungen warten! Dieses frühe Au-Erlebnis hat sicher bestimmend
auf meine Berufswahl gewirkt: Die erste Tiergruppe, die ich schon als Gymnasiast
systematisch untersuchte, waren jene Blattfußkrebschen und ihre nahen
Verwandten."
Naturschutzgebiete
für die Aliens
Die Urzeitkrebse finden sich
heute hauptsächlich in Tümpeln, die nur kurzfristig Wasser führen
und die längste Zeit des Jahres gar nicht als Gewässer erkennbar
sind. Weil diese Biotope immer seltener werden, gehören die Krebschen,
die Millionen Jahre überlebt haben, laut Eder "heute zu den gefährdetsten
Vertretern der heimischen Fauna"; als Hauptursachen nennt er die direkte
Habitatvernichtung durch Zuschütten von Wiesen- und Ackersenken durch
die Landwirtschaft und die Flußregulierung durch Wasserbauer.
Mit Büchern, Filmen und
einer Homepage über Urzeitkrebse versucht Eder, in love with an alien,
die weithin unbekannten Tierchen zu popularisieren - Voraussetzung dafür,
die Unterschutzstellung von einschlägigen Biotopen politisch
durchzusetzen.
"Auf Grund ihres geringen
Bekanntheitsgrades wurden weltweit bisher wenige Maßnahmen zum Schutz
von Groß-Branchiopoden gesetzt," schreibt der Wiener Krebsschützer.
Inzwischen kann er stolz bilanzieren: "Österreich war weltweit das
erste Land, in dem ein Naturschutzgebiet ausschließlich für
eine seltene 'Urzeitkrebs'-Art geschaffen wurde: Die Tümpelwiese
beim Marchegger Pulverturm (NÖ), einziges österreichisches Vorkommen
des Feenkrebses Chirocephalus shadini, wurde 1982 auf Antrag von W. Hoedl
zum Naturdenkmal erklärt."
Der
Vater der Urzeitkrebse
Im Jahre 1996 folgte, auf
Antrag von Eder, die 7,5 Hektar große "Blumengang-Senke" bei Markthof
(Niederösterreich), die mit sechs dokumentierten "Urzeitkrebs"-Arten
Österreichs artenreichstes Groß-Branchiopoden-Habitat ist. Zwei
weitere Edersche Schutzanträge laufen derzeit im Burgenland und in
Niederösterreich.
So versucht ein Zoologe,
ein Tier vor dem Aussterben zu retten, das - eigentlich - schon seit Jahrmillionen
ausgestorben sein müßte. In der Öko-Szene gilt der unermüdliche
Erich Eder schon heute als der "Vater der Urzeitkrebse".
Zum
Weiterlesen: SPIEGEL special über Eder und die Krebse
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