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Kleine Vorübungen für die große Rolle
Wie Niedersachsens CDU-Chef Christian Wulff im Kommunalwahlkampf um Stimmen auch für die Zukunft buhlt
Von Reymer Klüver
Osten, im August – Sie haben sich herausgeputzt, als wollten sie mit dem strahlenden Sonnenmorgen wetteifern. Der Dorfbürgermeister ist gekommen, selbstverständlich, und der Kandidat für seine Nachfolge auch. Beide tragen sie kleine Karos auf sandfarbenen Sommerjacketts, was wohl weniger zu tun hat mit dem Amt als mit dem Herrenausstatter in der nächst gelegenen Kleinstadt. Beide sind sie Mitglieder der Partei, die in diesem weiten Stück Land in der nordwestlichen Ecke Deutschlands mindestens seit einem Vierteljahrhundert und meistens noch viel, viel länger ungefährdet die wichtigen Leute in Dörfern und Kleinstädten stellt.
Im Sonntagsstaat steckt auch der Fährmann. Sein Sakko (ein blaues Karo) spannt ein bisschen über dem mächtigen Bauch. Um „Clock ölven“, um elf also, wollte er erst wieder übersetzen, schwebend das träge dahingleitende Flüsschen Oste überwinden, an dieser Stelle nur einen guten Steinwurf breit. Doch nun bringt er das Stahlungetüm, eine aus Nostalgie in Schuss gehaltene, fast hundertjährige Schwebefähre und heute ohne praktischen Nutzen, eben noch einmal zwischendurch quietschend in Bewegung. Für den „hohen Besuch“, wie sie auf Hochdeutsch in Osten sagen, ein Dörfchen im Landkreis Cuxhaven, wo Platt die Alltagssprache ist. Christian Wulff, erster Mann der niedersächsischen CDU und Kopf der Fraktion im Landtag, macht Wahlkampf, für seine Partei – und für sich.
Einst zählte dieser Wulff zu den jungen Wilden in seiner Partei, wie man so schön sagte – obwohl er eigentlich nie den Eindruck erweckte, besonders wild zu sein. Stets waren seine Äußerungen wohl kalkuliert, auch in ihrer Unbotmäßigkeit gegen den damaligen großen Vorsitzenden der Partei. Wulff wollte immer ganz oben mitspielen, kann es bis heute aber so richtig nicht, weil er im Gegensatz zu den Kollegen in Wiesbaden und Saarbrücken den Aufstieg bisher verpatzt hat. Zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Partei hat er es zwar gebracht, doch die für ihn entscheidenden Wahlen zum Ministerpräsidenten in Niedersachsen hat er nicht gewonnen: Zweimal unterlag er gegen Gerhard Schröder. Das dritte Mal muss er es gegen den SPD-Jungstar Sigmar Gabriel packen, wenn er noch eine Rolle in Bund oder Land spielen will. Dafür übt er nun.
Am 9. September sind Kommunalwahlen in Niedersachsen, weitgehend unbemerkt im Schatten der bundesweit bedeutsamen Wahlgänge in Hamburg und Berlin. Doch für den 42-jährigen Wulff ist dieses Votum ein entscheidender Testlauf für das große Duell mit Gabriel in zwei Jahren. Und wie so oft in letzter Zeit gewährt seine Partei im Bund nicht gerade Wahlkampfhilfe mit den Querelen um Merkel und Meyer, mit der konstanten Nabelschau in der Führung. Will er aber nicht geschwächt in sein finales Rennen gehen, muss die CDU ihre Stellung als stärkste kommunalpolitische Kraft in Niedersachsen verteidigen. Auch wenn er stets versichert, dass dies „keine vorgezogene Landtagswahl“ sei – als wolle er sich und die Partei beruhigen. 41,7 Prozent hat die Union vor fünf Jahren erreicht, das sind 1000 kommunale Mandate mehr als die der Sozialdemokraten. Die gilt es zu halten, und deshalb hatte er sich nun eine Sommertour von zwei Wochen und drei Tagen auferlegt mit Dutzenden Terminen wie den in Osten. Wäre Wulff in Partei und Fraktion nicht schon ganz oben, man wäre versucht, es eine Ochsentour zu nennen.
Auf der Fähre über die Oste haben sie ein paar Sektflaschen entkorkt, um halb elf an diesem heiteren Morgen. Und schon verkündet Wulff, er habe sich heute auf Kampftrinken eingestellt, in dieser Gegend müsse er sich in Acht nehmen. Wobei er selbst genau weiß, dass er sich auf so einer Wahlkampftour keinen Fehltritt leisten wird, und sei es auch nur einen Schluck zu viel. Und alle, die ihn begleiten, wissen das genauso. Sie lachen pflichtgemäß, und doch ist klar, dass ein solcher Spruch mit dem wirklichen Wulff ebenso wenig zu tun hat wie er mit der Masse der Mitglieder in der Niedersachsen-Union.
Gepflegtes Ritualtrinken
Es ist an sich ja auch keine Schande, wenn man den Lüttje Lages nichts abgewinnen kann, dieser in der Landeshauptstadt Hannover verbreiteten Kombination von Bier und Korn, oder den sonstigen Formen des im ganzen Land gepflegten Ritualtrinkens. Ein an sich nebensächliches Detail nur, doch schafft so etwas Distanz in einer Partei, die wie kaum ein anderer Landesverband der CDU ländlich geprägt ist, und in dem Trinkfestigkeit als Ausweis eines sturmerprobten Niedersachsen hoch im Kurs steht.
Als dessen Verkörperung gilt vielen in der Partei noch immer der alte Haudegen Wilfried Hasselmann, fast ein Vierteljahrhundert lang vor Wulffs Zeiten polternder Landesvorsitzender. Ihnen sprach der Parteisenior auf dem letzten Landesparteitag vor ein paar Wochen in Hildesheim spürbar aus der Seele, da er die zuvor gehaltene Rede Wulffs als „kämpferisch“ feierte – ein Lob, das fast zum Ritual der Parteitage zählt, für Wulff aber unheimlich wichtig ist, weil es die Brücke schlägt zu dem zahlenmäßig bedeutsamen Teil der Partei, zu dem ihm sonst die Verbindung fehlt. 85000 Mitglieder hat die Partei in Niedersachsen, deutlich mehr als zum Beispiel in Baden- Württemberg, obwohl dieses Bundesland mit zehneinhalb Millionen erheblich mehr Einwohner zählt als Niedersachsen mit knapp acht Millionen. Das ist nur möglich, weil die Union auf dem flachen Land noch immer mobilisiert.
Hasselmann fasste auf dem Parteitag nicht nur die Erleichterung vieler Delegierter in Worte: Endlich einmal schien Wulff aus sich herausgekommen zu sein, es war keine Prokuristenprosa, die ihm sonst gerne mal unterläuft, sondern eine mitunter packende Rede mit ätzenden Angriffen auf alle, die links von der Union stehen. So was mögen sie hören.
Immer hat Christian Wulff Mühe gehabt, Distanz zu überbrücken, nicht nur zum ländlich-sittlichen Teil seiner Partei. Im Tonfall kühl, in der Sache nüchtern, wie er eben ist, hat er es stets verstanden, die Bataillone, die mächtigen Bezirksverbände, für sich zu gewinnen, nicht aber die Herzen. Wenige gibt es in seiner politischen Sphäre, in der es an Gehässigkeit ohnehin nicht mangelt, die so erbitterte Feindschaften – und nicht die der Schlechtesten – gesammelt haben wie er. Und immer ist die Summe der Vorwürfe gleich: menschliche Kälte und ein autokratischer Führungsstil in Partei und Fraktion.
Zu Jahresbeginn ließ er gar die Fraktionssatzung ändern, um seine Truppe zu disziplinieren. Was sonst vielleicht als probates Mittel des Hauptmanns anerkannt würde, wurde in seiner Fraktion grummelnd als autoritäres Gehabe wahrgenommen. Was vielleicht auch wieder zu verstehen ist, wenn einem Volksvertreter wie einem Schulbub in die Hausordnung geschrieben wird, dass er „pünktlich und bis zum Schluss“ an den Sitzungen teilzunehmen habe.
Wulff selbst weiß das alles. Er kennt die Vorwürfe und seine innerparteilichen Gegner, deren Namen er öffentlich nie preisgeben würde, sagt, das seien zum Teil Enttäuschte, die, auch wegen eigenen Einflussverlusts, „am Wegesrand zurückbleiben“. Da ist er in der Diktion ganz nahe dem großen, gefallenen Machtmenschen seiner Partei, den er dieses Instinkts wegen stets bewundert hat. 1994, sagt Wulff, als er erstmals antrat, habe er „Strukturen angetroffen“, die nur langsam zu ändern waren. Gemeint sind Parteifreunde, die nicht gerade seine Freunde waren. Inzwischen sind Personalentscheidungen in seinem Sinne gefallen, wie er lakonisch formuliert. Will sagen: Er hat seine Leute installiert.
Vielleicht auch deshalb wirkt er in diesem Wahljahr gelassener als noch
vor Jahresfrist. Er weiß, dass seine Position in Partei und Fraktion
bis zur Landtagswahl nicht mehr ernsthaft gefährdet ist. Nicht aus
Liebe, aus schlichter Notwendigkeit: einen besseren Mann haben sie nicht.
In Umfragen ist sein Bekanntheitsgrad in etwa gleichauf mit dem Ministerpräsidenten
– was für einen Oppositionschef wahrlich nicht schlecht ist. Wulff
vergisst selten, diesen Umstand zu erwähnen. „Das Rennen“, sagt er,
„ist völlig offen. Das weiß der Gabriel auch.“ Seit Jahren nun
durchpflüge er das Land. „Das zahlt sich auf Dauer aus“, sagt Wulff.
Etwas anderes zu hoffen bleibt ihm wohl auch nicht übrig.