Eine
Liebe auf den zweiten Blick
Endlos und langweilig,
flach und feucht
- so ist Niedersachsen,
und auch ganz anders.
Porträt einer vielschichtigen
Heimat
Die norddeutsche Tiefebene,
so spricht der Spötter, sei für die menschliche Besiedlung eigentlich
nicht geeignet. Ja, ja, schon wahr: Sonnenfreaks und Steilwandkletterer
können bei uns leicht in längerfristige Schwermut verfallen.
Der Nebel, der Nieselregen, die blattlosen Baumsilhouetten vor steingrauen
Wolken, das endlose, flache, langweilige Land, der matschige Boden unter
kalten Gummistiefeln, die mit jedem Schritt schwerer werden - da muss man
durch, durch die bleierne Zeit von November bis Februar. "Watt mutt, datt
mutt!", wie der plattdeutsche Wattenmeer-Anrainer sagt.
Aber dann - welch eine Wiederauferstehung!
Weiße und rosafarbene Meere von Kirsch- und Apfelblüten im Frühling,
blendendgelbe Raps- und Kornfelder im Sommer, bunte Alleen, prallvolle
Obstbäume und knackig fallende Kastanien und Walnüsse im Herbst.
Drei Monate mies, neun Monate Paradies. Keine schlechte Jahresbilanz -
wenn der Sommer nicht so verregnet, wie der letzte. Dies zur viel diskutierten
Großwetterlage bei uns hier oben, im Land zwischen den Urströmen
Ems, Weser und Elbe.
Seit zwanzig Jahren verbringe
ich intensive Teile meiner Lebenszeit hundert Kilometer nordwestlich von
Hamburg, zwischen Stade und Cuxhaven. Ich bin in Deutschland herumgezogen
und in der Weltgeschichte herumgekommen. Aber hier habe ich Wurzeln geschlagen.
Hier baumelt meine Seele. Hier habe ich alte Häuser umgebaut und Bäume
gepflanzt, Bücher geschrieben und eine Tochter gezeugt. Über
die Jahre sind mir Land und Leute Heimat geworden.
Mein Niedersachsen - das ist
ein etwa hundert Quadratkilometer großes, weitgehend entwässertes
Feuchtgebiet rings um Osten an der Oste, ein stilles Örtchen, das
Naherholungstouristen wegen seiner Postkartenidylle mit Spitzturmkirche,
Schwebefähre und "Fährkrug" schätzen.
Die anderen 7,8 Millionen grundsympathischen
Menschen, die auf den übrigen 47600 Quadratkilometern zwischen Harz
und Nordsee siedeln, in Wolfsburg oder Wilhelmshaven, in Goslar oder Göttingen,
in Hannover oder in der Lüneburger Heide, werden bei dieser sehr persönlichen
Betrachtung ein wenig zu kurz kommen.
Einige Superlative aus dem
zweitgrößten deutschen Bundesland nach Bayern können jedoch
nicht oft genug wiederholt werden, etwa: In Niedersachsen produziert Deutschlands
größte Autofabrik - VW; hier werden die schönsten Luxusschiffe
der Welt gebaut - auf der Meyer-Werft in Papenburg/Ems; hier buchen die
meisten Deutschen ihre Ferienreisen - bei der zum Preussag - Konzern gehörenden
TUI in Hannover; 43 in Niedersachsen lehrende und forschende Geistesgrößen
haben im Laufe des letzten Jahrhunderts den Nobelpreis bekommen - allesamt
Mitarbeiter der Universität Göttingen. Und dass in der Niedersachsen-Hauptstadt
alljährlich nicht nur die Industrie-Messe und die Computer-Show Cebit
stattfinden, sondern auch das größte Schützenfest der Welt
und in diesem Jahr eine ganze Weltausstellung, das dürfte hinlänglich
bekannt sein.
Und woher kommt der amtierende
deutsche Regierungschef? Aus Niedersachen! Jedenfalls hat Kanzler Gerhard
Schröder seine politischen Lehr- und Gesellenjahre in Hannover absolviert,
als Juso-Chef, Oppositionsführer und junger Landesvater. Und sein
Nachfolger Sigmar Gabriel, ein rundlicher, kluger Kopf (der Dicke mit der
neuen Freundin), wird über Niedersachsen hinaus politische Karriere
machen, garantiert!
Dem jungen Ministerpräsidenten
wird das allerdings schwerer fallen als seinem Vorgänger, denn seine
weltpolitische Bedeutung hat Niedersachsen verloren. Vor gut einem Jahrzehnt
war "Lower Saxony" noch für die Militärstrategen im Washingtoner
Pentagon und im Brüsseler Nato-Hauptquartier das Bollwerk gegen das
"Reich des Bösen". Die östliche Landesgrenze war das Ende der
freien Welt. An der Elbe hatten Moskauer und Ost-Berliner Machthaber den
Eisernen Vorhang heruntergelassen. Gott sei Dank, die Zeiten sind vorbei;
wir können uns anderen Problemen widmen.
Bei der Antwort auf die Frage
"Spieglein, Spieglein an der Wand, welche Stadt ist die schönste im
ganzen Land?, herrscht allerdings Uneinigkeit. Hannover sicher nicht. Celle,
Lüneburg, Stade - drei hübsch zurechtgemachte Fachwerk-Diven,
gelten gemeinhin als Favoriten. Für mich aber hat zwischen Ems und
Elbe eine Außenseiterin den meisten Sexappeal: Bremen. Schon gut,
Bremen liegt nicht in Niedersachsen - aber mittendrin. Der Stadtstaat Bremen/Bremerhaven
ist zwar ein selbstständiges Bundesland, aber untrennbar mit dem niedersächsischen
Umland verbunden, städtebaulich, historisch, kulturell.
Vor achtzig Jahren war Bremen
Schauplatz einer turbulenten Revolution durch Arbeiter-und-Soldatenräte
und, viel später, Tatort der 68er-Jugendunruhen. Bremen hat noch immer
eine fortschrittlich-liberale Universität und einen flotten Funk-
und Fernsehsender. Neben dem Überseemuseum, dem Rathaus und dem Denkmalriesen
Roland locken heute Raumfahrtshows und das neue "Universum Science Center"
in die Weser-City, deren Bewohner Weltläufigkeit und Heimattümelei
zugleich pflegen. Wie der Fußballklub Werder hat auch die Stadt immer
wieder erfolgreich gegen den Abstieg gekämpft (Werftenkrise) - lag
bisweilen mit an der Spitze, und derzeit hat die Regierungstruppe in Henning
Scherf einen exzellenten Coach.
Bremens bekanntester Vorort
liegt schon wieder in Niedersachsen: Worpswede, das berühmte Künstlerdorf.
Hier haben zur Jahrhundertwende Otto Modersohn, Fritz Mackensen und Heinrich
Vogeler Land und Leute in dunklen Farben gemalt und weltberühmt gemacht.
Auch heute gibt es noch diese moorigen, wässrigen, birkigen Landstriche,
die je nach Jahreszeit und Beleuchtung mal schwermütig-düster,
mal lebensfroh-heiter auf das Gemüt wirken, wie die sandige Lüneburger
Heide natürlich auch.
Viele niedersächsische
Landstriche sind noch Natur pur oder sind erfolgreich renaturiert worden.
Von den zehn ökologisch gesündesten deutschen Kreisgebieten liegen
allein acht in Niedersachsen. Im Harz balzt wieder der Auerhahn, und bei
uns in der Oste fühlen sich wieder Lachse zu Hause, so sauber ist
der naturtrübe Strom, auf den ich durch das Sprossenfenster meines
Arbeitszimmers sehe. Ein schöner Anblick - auch von oben.
Von Deutschland und seinen
Bundesländern gibt es diese nadelscharfen, farbigen Satellitenbilder.
So ein Niedersachsen-Poster habe ich mal beim Buchhändler meines Vertrauens
in Hemmoor gekauft. Seither - und wenn man weiß, dass amerikanische
Weltraumaufklärer auf einzelne Häuser, sogar auf zeitunglesende
Menschen herunterzoomen können - fühle ich mich manchmal beobachtet:
der mittelgroße Mittelblonde, der bei Sonnenuntergang, umzingelt
von drei Dutzend Schwarzkopfschafen, auf dem Ostedeich in Höhe von
Flusskilometer 94 vor einem kleinen Reetdachhaus steht oder sitzt - das
bin ich.
Wie eine Wolga für Anfänger
strömt dieser Fluss in gemächlichen Schwüngen in Richtung
Elbe. Und wenn man ihm lange genug beim Strömen zusieht, dann macht
das auch in nervösen Zeiten ziemlich gelassen. Manch einem fällt
beim Denken auf dem Deich sogar etwas ein, was für den Lebensunterhalt
nützlich sein kann: Journalisten, Buchschreiber und Fernsehautoren,
Blattmacher, Maler und Theaterleute nisten in unserer Gegend weiträumig
verteilt in zumeist strohgedeckten Erst- und Zweitwohnsitzen. Sie haben
sich in diese Gegend verzogen, weil sie einen gemeinsamen Grundgeschmack
haben: Alle lieben den unverstellten Horizont, den hohen Himmel, die Sonnenuntergänge,
den Wechsel der Gezeiten und der Jahreszeiten.
"Norddeutsche Medienlandschaft"
hat die Zeitschrift "Country" die Niederelberegion rund um das hügelige
Waldgebiet Wingst genannt. "Spiegel"-Chef Stefan Aust, zum Beispiel, bereitet
bei Lamstedt seine eigenen Zuchtpferde - und sich dabei auch schon mal
gedanklich auf das nächste Gespräch mit Rudolf Augstein vor.
Manfred Bissinger, Gründer von "Die Woche", bewirtet hinter seiner
schönen Fachwerkfassade bei Neuland gelegentlich Gerhard Schröder
oder Günter Grass. Klaus Liedtke, Chefredakteur "National Geographic",
ist auf seinem gepflegten Naturgrundstück bei Großenwörden
hinter den Maulwürfen her - und sieht Manuskripte über das Nashornsterben
in Afrika durch. Wolfgang Röhl, Kampfschreiber beim stern, geht auch
ziemlich grob gegen die possierlichen Bisamratten vor, die jetzt im Herbst
seinen Badeteich anbaggern. Fee Zschocke, "Brigitte"-Autorin, hat zurzeit
eine schöne Schleiereule unterm Dach. Und auf meinem Giebel saß
mal eine Nacht lang ein Storch - vier Tage später wurde meine Tochter
geboren.
Nicht nur Medienschaffende,
ein paar hundert Arbeitnehmer, Unternehmer und Pensionäre fast aller
Berufsstände aus Hamburg und Hannover und sogar aus Berlin haben im
Niederelbe-Feuchtbiotop brüchige Bauernhäuser liebevoll restauriert,
verwilderte Grundstücke naturnah gestaltet und ihre zweite Heimat
gefunden. Hier kann man neben den chronisch wortkargen Einheimischen in
freundlicher, distanzierter Nachbarschaft leben. Man klönt schon mal
bei Korn und Bier an rauen Theken, wärmt sich gemeinsam an Osterfeuern
und trifft sich bei irgendwelchen irgendwo immer stattfindenden Reiter-
und Schützenfesten.
Stimmt ja nicht, dass sich
die Leute hier abschotten, wie die Oste mit ihrem Sperrwerk gegen die große
Elbe. Der junge Niedersachse ist Neuerungen aller Art gegenüber aufgeschlossen.
Die Erben der größeren Bauernhöfe beackern ihre Ländereien
mit High-Tech-Treckern, und für die Einkäufe von Futter und Saatgut
wie für die Verkäufe der Ernte haben sie sich zu Computer-Arbeitsgemeinschaften
zusammengeschlossen. Landwirtssöhne aus kleineren, unrentablen Betrieben
und gelernte Handwerker arbeiten in Stade und im benachbarten Finkenwerder
bei Airbus Industries, bei Dow Chemical oder im Atomkraftwerk. Und zwischenmenschlich
ist der gemeinhin protestantische, aber nicht sehr fromme Niedersachse
zu christlicher Koexistenz bereit.
Edgar, der letzte, kaum noch
an die Frau zu bringende Junggeselle der Gegend, hat Katharina, ein nettes
Mädchen aus Manila, durch eine Vermittlungsagentur kennen gelernt.
Bei der Hochzeit und bei der Taufe ihrer beiden Kinder war die Dorfkirche
voll. Zwei Gotteshäuser und ein paar Flusskilometer weiter stromabwärts
toleriert der Pfarrer neben seiner sturmerprobten Backsteinkirche das Treiben
in einem ländlich-unsittlichen kleinen Freudenhaus. Aus Dankbarkeit
sollen zwei der dort tätigen Damen beim letzten Weihnachtsgottesdienst
gesehen worden sein.
Es wärmt uns Sündern
die Seele, wenn der Wind durch die Ritzen der Kirchenfenster pfeift und
die Tannenbaumkerzen in der Zugluft flackern.
Jürgen Petschull
Seitenanfang
|