Die letzten Prahmfähren 
entlang der Oste

Von Grit Klempow

Das Leben im Takt der Gezeiten verbindet die Menschen an der unteren Oste seit Jahrhunderten, verbindet und trennt sie gleichermaßen. Der Weg zueinander führte über das Wasser, Fähren und Kähne querten zwischen Bremervörde und Neuhaus zahlreich die Oste, geblieben sind nur noch wenige. 

Die Fähren, die es noch gibt, sind ein umso beliebteres Ziel für Touristen und gern genommenes Verkehrsmittel von Radwanderern.

Kaufen und verkaufen, zum Klönschnack bei Verwandten, zum Tanz im Lokal auf der anderen Osteseite, für den Kirchgang - die Gründe für den Weg über das Wasser waren vielfältig. Die ersten schwimmenden Verbindungen über die Oste sind im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt. So mancher Ort hatte seinen Reichtum in den vergangenen Jahrhunderten seiner Fährstelle und dem Handel, den sie anzog, zu verdanken.

Hechthausen profitierte enorm von seiner Fähre, die Bedeutung des Ortes wuchs stetig, bis mit der 1935 gebauten Straßenbrücke der Fährbetrieb eingestellt wurde. Auch Ostens Reichtum hatte sein Fundament am Osteufer, der Fluss als Verkehrsader bescherte reichlich Handel. 

Über Geversdorf floss der Großteil des Verkehrs zwischen Kehdingen und Hadeln, 1423 wurde eine „nyge vere" erstmals schriftlich für Geversdorf erwähnt. Zu den wichtigen Fährplätzen des Mittelalters darf sich auch Oberndorf zählen.

Die Verkehrsströme über die hauptsächlichen Fährorte flossen per Prahmfähren auf die andere Seite der Oste. Ergänzt wurden diese Fährstellen von vielen kleinen Kähnen, die den Strom zwischen Neuhaus und Bremervörde querten, zum Beispiel bei Kleinwörden oder bei Laumühlen. Horst Ahlf, Fähren-Spezialist aus Osten, hatte für eine Ausstellung sogar 27 Fähren am unteren Ostelauf, von Bremervörde bis zur Mündung, gezählt. Dafür musste er nicht in Archiven wühlen. „Ich kenne den Fluss und sehe sofort, wo eine Fährstelle gewesen sein könnte. Und dann habe ich mit den Leuten geschnackt."

Die Menschen an der Oste gaben ihr überliefertes Wissen und ihre Erinnerungen gerne weiter. Die nördlichste Fähre habe die Oste bei Neuhäuser Deich überquert. „Die südlichste vor Bremervörde fuhr bei den Elmer Bergen", erzählt Ahlf, der Vorsitzender der Fördergesellschaft zur Erhaltung der Schwebefähre Osten ist. Das filigran wirkende Bauwerk ist nach vor viel besucht - jetzt allerdings als technisches Denkmal und als eine der Attraktionen im beschaulichen Osten.

Zu den letzten aktiven Vertretern der Fährgeschichte an der Oste zählt auch die motorbetriebene Prahmfähre in Brobergen. Eine Genossenschaft Broberger Landwirte sorgt dafür, dass die Fährtradition an dieser Stelle bis heute Bestand hat. Und dafür haben die Landwirte einen guten Grund: Auf der anderen Osteseite bewirtschaften sie ihre besten Flächen. Der Fährmann auf dem Broberger Prahm braucht nicht nur Gespür für die Gezeiten, sondern auch für Gäste.

Gleichzeitig ist er der Gastwirt des einsam im Dreieck  der  Landkreise  Rotenburg/Wümme, Stade und Cuxhaven gelegenen Fährkrugs. 1850 hatten sich die Bauern zusammengeschlossen, um die Ländereien des Gutes Holländer Höfe zu kaufen. Und obwohl am Standort der Gastwirtschaft früher das herrschaftliche Haus des Gutes stand, hat die heutige Verbindung von Fähre und Schänke doch Tradition. „Bei der Fähre war immer eine Gaststätte dabei", weiß Ahlf - selbst Ostener Fährmann und Gastwirt in Personalunion.

Nur ein paar Kilometer flussaufwärts lockt eine weitere Fähre Ausflügler an. In Gräpel ist Helmuth Plate Gastwirt und Fährmann in einer Person. Auf die traditionelle Aufforderung „Fährmann, hol över" macht er seinen Fährprahm klar. Ebenso wie in Brobergen hängt auch der Prahm im nahen Gräpel an einem Stahlseil, das auf dem Ostegrund liegt. Allerdings gleitet der Gräpeler Prahm dank Strömungskraft - und des persönlichen Einsatzes von Plate an das andere Ufer. Mit in Jahrzehnten geübten Griffen zieht Plate seine Fähre über die Oste und nutzt dabei die Kraft der Gezeiten aus.

Das idyllisch gelegene Gasthaus „Zum Osteblick" von Familie Plate lädt zum Verweilen ein. Plate kann mit seinem Prahm auch schwere Lasten übersetzen. Aber wer mit dem Auto übersetzen will, ist meist in Eile. „Bis ich den Prahm klar hab, ist man mit dem Auto über Bremervörde schneller", schmunzelt der Fährmann. Umso mehr Radfahrer und Deichwanderer lassen sich mit dem geräuschlos gleitenden Prahm gerne von Ost- zu Westufer und umgekehrt übersetzen.

Die Fähren in Gräpel und Brobergen lassen sich bei einer beschaulichen Radtour erkunden und sind häufig ausgewiesene Ziele auf Radwanderstrecken. Außer diesen beiden hat allein die private Fähre eines Landwirts in Schönau das Sterben der Fährverbindungen mit dem Straßenbau überlebt. Für die Öffentlichkeit ist diese Verbindung aber nicht zugänglich.

Gasthäuser und Fähren? Daran kann sich auch Heinz Braack aus Großenwörden erinnern. Er setzte noch mit einer Prahmfähre über die Oste, um über Setlerhemm zum Bahnhof nach Basbeck zu gelangen oder zum Einkaufen, mit Pferd und Wagen, zu Fuß, später auch mit dem Motorrad. Bauern brachten ihr Vieh zum Schlachter auf die andere Osteseite. „Tja, und im Winter, da gab's dann natürlich auch einen Grog in der Gastwirtschaft", erinnert sich Braack, der auf einem Hof in der Nähe der Fährstelle aufwuchs. Geläutet wurde auf der Großenwörder Seite, der Fährmann setzte von Setlerhemm über. „Einmal ist hier in Großenwörden Vieh ausgebüxt, spät abends, und hat sich an der Glocke gescheuert. Der Fährmann kam natürlich rüber", weiß Braack noch.

Dort, wo früher die Glocke geläutet wurde, liegt heute wieder eine Prahmfähre, aufgebockt im Außendeich. Es ist die ehemalige Oberndorfer Fähre, von der sich das Fährmuseum Osten als „Verkehrsgefährdung" auf der Bundeswasserstraße Oste trennen musste. Der Prahm gehört heute Familie Sentker, deren Hof gleich hinter dem Deich im Ostebogen liegt. Die Familie hat sich zum Ziel gesetzt, die Fährverbindung mit dem handbetriebenen Prahm wieder zu beleben.

Die großen Verkehrsströme flössen auch vor Jahrzehnten nicht über die Setlerhemmer Fähre. Das soll sich auch bei einem Aufleben der Verbindung nicht ändern, Sentkers setzen ebenfalls auf Ausflügler und Radwanderer. 

„Das ist gewaltig, was jetzt schon manchmal hier am Ostedeich los ist", sagt Herma Sentker, die selbst noch im Kindesalter mit der Fähre die Oste querte. Günter Sentker kaufte sie für symbolische zwei Mark und würde sie für ein Aufleben der Fährverbindung auch wieder in Schuss bringen.
Das Fährrecht sei an dieser Stelle nie erloschen. „Die Fährgerechtigkeit besteht noch immer", sagt Sentker, der auch für den Betrieb der Prahmfähre sorgen würden. 

Unter dem Dach der „Arbeitsgemeinschaft Maritime Landschaft Unterelbe" und mit Unterstützung der betroffenen Gemeinden und Samtgemeinden könnte das Projekt starten, hofft Familie Sentker. Dann gäbe es zumindest noch eine durch den Gezeitenfluss gleitende Fähre mehr an der Oste, einen weiteren Weg über das Wasser zwischen Bremervörde und Neuhaus.
 

Aus dem allgemeinen Haushaltungskalender 2003, Krause, Stade